Ein anderes Modell

Britta Wollenweber
Redakteurin der Zeitschrift "Wostok"
Tadschikistan interessierte Nachrichtendienste und Medien als Kriegsschauplatz eines barbarischen Bürgerkriegs, war kurze Meldungen wert, um die Gefahren des islamischen Fundamentalismus heraufzubeschwören und um das Thema „Kriminalität in der GUS" - in diesem Falle vor allem mit Blick auf Drogen- und Waffenhandel - endlos fortzuschreiben.

Auch meine persönliche Wahrnehmung war in Teilen von dieser Berichterstattung geprägt. Sie bestimmte die Auseinandersetzungen in der Redaktion, ob ich zur Vorbereitung des Spezials nach Tadschikistan fahren sollte - denn just in der Vorbereitungsphase meiner Reise war es Anfang Mai wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen in und um Duschanbe gekommen. Irritationen und Unsicherheiten gab es nicht wenige - und nur wenig mehr als die Überzeugung stand dem entgegen, daß sich im Lande selbst, das einen in Teilen auch von außen aufgezwungenen Konflikt überwindet und sich zudem in einer Brennpunktregion der Welt befindet, neue Aspekte der Wahrnehmung der zentralasiatischen Region eröffnen würden.

Am Vorabend des siebten Jahrestages der Unabhängigkeit und im Jahr zwei des nationalen Versöhnungsprozesses ist die Normalität in vielerlei Hinsicht wieder nach Tadschikistan zurückgekehrt - dies vorab. Und oberflächlich betrachtet, hat das Land nun die gleichen Probleme zu überwinden wie die anderen GUS-Staaten auch, nämlich den Aufbau seiner Staatlichkeit unter Einbeziehung aller Bevölkerungsgruppen, den Wiederaufbau beziehungsweise die Entwicklung der Wirtschaft und die Verhinderung der weiteren Verelendung der Bevölkerung.

Die Ausgangsvoraussetzungen sind für Tadschikistan natürlich ungleich schwieriger - eine vom Bürgerkrieg erschöpfte und ideologisch polarisierte Gesellschaft auf einen Nenner zu bringen, ist vor dem Hintergrund einer Vielzahl der im Lande und von außen auf sie einwirkenden Interessen ein Drahtseilakt.

Die Besonderheit des Weges, den Tadschikistan zu beschreiten versucht, drückte sich erst einmal in einem ganz profanen Detail aus. Noch in Deutschland bat ich bei der tadschikischen Botschaft um die Vermittlung eines Interviewtermins mit dem Oppositionsführer und Mitglied der Nationalen Versöhnungskommission Said Nuri.

Aufgrund meiner Erfahrungen bezüglich des Verhältnisses von offiziellen und oppositionellen Strukturen in anderen GUS-Staaten war ich nicht sehr überzeugt, daß dies von Erfolg gekrönt sein könnte. Aber das Interview kam ohne Schwierigkeiten zustande.

Denn in Tadschikistan - und dies ist für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, aber auch für andere Staaten mit moslemischer Bevölkerung und islamischer Opposition ein Novum - sind die Islamisten heute in den Friedensprozeß eingebunden und ist die islamische Opposition zur Sicherstellung des Friedensprozesses, den das Land mehr als alles andere braucht, real an der Macht beteiligt. Mehr noch, denn die politische Führung, gerade in Person von Präsident Rachmonow, und die Führungsspitze der islamischen Opposition stimmen darin überein, daß es bei allen Unterschieden über den zukünftigen staatlichen Aufbau keine Alternative gibt, als den Weg des Friedens und der Versöhnung gemeinsam zu gehen.

Die bedrohlichen Einflüsse aber sind zahlreich und widersprüchlich. Nicht nur daß sich die Situation im Nachbarstaat Afghanistan heute dramatisch zuspitzt, was Tadschikistan nicht nur angesichts des nicht gelösten Problems der Bürgerkriegsflüchtlinge etwas „angeht", der Iran sich seine Einflußnahme nicht wenig kosten läßt, Usbekistan, ein qua Geschichte natürlicher Verbündeter, sich aus Angst vor dem vermeintlich überschwappenden Fundamentalismus und der Kriminalität abschottet - auch indem die Grenzen geschlossen werden -, und dem von einer Krise in die nächste taumelnden Rußland, von dem Teile der tadschikischen Gesellschaft einmal die Rolle eines „Mediators" erwarteten, wenig einfällt, um die konfliktträchtige Situation an „seiner südlichen Außengrenze" (so der O-Ton im russischen Außenministerium) zu lösen, sind es vor allem die im Lande geborenen Widerstände und Widersprüche, die den politischen Friedensprozeß, geschweige denn den der Versöhnung immer wieder zu stören drohen.

Es sind die regionalen Interessen, die traditionell Priorität vor den nationalen haben, die Interessen einer kleinen Schicht „wirtschaftlicher Kriegsgewinnler", die eher am Chaos als am Frieden „verdienen", die Brüche in der islamischen Bewegung und die Gefahren, die daraus erwachsen könnten, die heute „autonom" agierenden Kommandeure bewaffneter Gruppen auf beiden Seiten und auch auf Machterhalt hinauslaufende Interessen in den Machtstrukturen selbst.

Tadschikistan erholt sich langsam vom Trauma des Bürgerkriegs und braucht heute vor allem Pragmatismus, Realitätssinn und eine nationale Strategie, die die gesamtgesellschaftlichen Interessen in den Vordergrund rückt. Derzeit kann man konstatieren, daß in der Umgebung Präsident Rachmonows und der Führung der Vereinigten Tadschikischen Opposition um Said Nuri Pragmatismus und Realitätssinn vorherrschen.

Die Überwindung des Regionalismus, die Förderung einer gleichmäßigen landesweiten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklung, die Zuweisung der Religion an einen ihr gemäßen Platz sind Voraussetzungen, um einer Zergliederung, vielleicht sogar einer drohenden Spaltung des Landes entgegenzuwirken. Die Frage, wie realistisch dieser Weg und die Zusammenarbeit auf lange Sicht sein werden, ist noch offen. Denn zumindest in einem langfristigen und grundlegenden Ziel - weltlicher versus theokratischer Staat - stehen die beiden großen politischen Machtgruppen gegeneinander.

Britta Wollenweber Redakteurin der Zeitschrift „Wostok"


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