Kultur


Der Maler Suchrob Kurbanow - Kulturnischen in kulturentleerter Zeit


Wenn ein Künstler selbst sein Atelier als seinen intimsten und privatesten Ort nicht nur für seine Arbeit ansieht, dann hat es in der Regel eine ganz besondere Atmosphäre. Bei Suchrob Kurbanow, einem tadschikischen Maler in Duschanbe, ist das Atelier eine ganz außergewöhnliche Mischung, quasi ein WohnAtelierGalerieMuseum, das er sích 1996 gegenüber der Präsidentenresidenz im Zentrum der Hauptstadt am Rudaki Prospekt geschaffen hat.

Leben und Wohnen findet hier statt, wenn Freunde und Fremde zum Gespräch, zum Tee kommen. Kurbanow arbeitet hier - die weiten Räume, vom lauten Leben der Hauptstraße durch dichte Gardinen abgeschottet, öffnen die Seele, machen den Kopf frei.Es ist eine Galerie, die eine sich ständig ändernde Ausstellung eigener Bilder zeigt, und schließlich ein Museum - gewidmet seiner Heimat: Keramiken, Silberschmuck, Susani und Stoffe erzählen von Geschichte und Kultur der Tadschiken, Holzmöbel und Wohnungsensembles bringen einen fast literarischen russischen Touch hinein. Und auch Volkskunst findet sich - lustig - bunte traditionelle Stoffpuppen.

Kurbanow ist elitär, die Räume öffnen sich nicht jedem, anmelden muß man sich, und sofern der Künstler geneigt ist, darf man auch vorbeischauen. Einen lauten Basar will er hier nicht haben. In der kulturentleerten tadschikischen Postbürgerkriegszeit hat er sich seine besondere Kulturnische geschaffen. Nur wenige Besucher kommen letztlich, denn große Teile der kulturinteressierten Intelligenz haben sich im Bürgerkrieg ins "sichere" Chodschdend zurückgezogen.

Die Ausstellung ist gegliedert. Ein Raum ist den künstlerischen und thematischen Meisterwerken gewidmet: Ein Tripthychon, das Avicenna als Lyriker, als Komponisten und als Arzt darstellt, daneben seine Version der "Europa", Werke mit zumeist philosophischem Hintergrund betrachten den Dichter und den Kosmos, den Menschen und den Tod, die existentielle Einsamkeit. Platz scheint noch zu sein, kein Bild hängt hier für die Ewigkeit, die Zeit verändert den Blick des Künstlers auf "Wichtigkeit von Werk".

Der zweite, geschlossen wirkende Raum ist ganz dem Bürgerkrieg gewidmet. Im Mittelpunkt von Aggressivität und Konfrontation steht immer die Unschuld: der Mensch, das Tier, die Natur. Die aggressiven Farben, die Dynamik von Rhytmus und Bewegung sind nur schwer auszuhalten. Herausschleudern wollte Kurbanow seine Scham, seine Wut, auch seine Trauer, über den entfesselten Barbarismus, der den Bruderkrieg immer weiter eskalieren ließ. Der Raum ist voll, das Thema für ihn abgeschlossen. Vielleicht vor allem eine Hoffnung, daß das, was er symbolisch mit der Schließung dieses Raumes vorgeführt hat, Realität sein möge.

Der größte der Räume ist eine Mischung aus Museum und Galerie. Hier hängen Bilder aus sowjetischer Vergangenheit und tadschikischer Gegenwart in bunter Mischung nebeneinander. Die sowjetischen sind in der Komposition klar angelegt und erzählen beinahe poetisch von der Leichtigkeit des Lebens und der klaren Strukturiertheit der Welt. Die neuen Abstraktionen zeigen die Ungewißheit der tadschikischen Zukunft - rational ist der Hintergrund, doch voller Emotion und Zerrissenheit sind die Einzelheiten dargelegt.

Dieser Raum zeigt deutlich die Entwicklung von klaren Aussagen und Wahrnehmungen der Welt hin zu zögerndem Herantasten und recht vagen Bildformulierungen. Seinen Optimismus, die Unschuld wird Kurbanow nicht wiedererlangen - wie das Land insgesamt.

Britta Wollenweber


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