Wirtschaft

Reformen in der Landwirtschaft - weder vor noch zurück? [ Abstract ]
Dicht auf die Heroinmafia folgt die Kaviarmafia [ Abstract ]
Vom Marktstand in den Mittelstand? [ Volltext ]

Reformen in der Landwirtschaft - weder vor noch zurück?
von
Michail Laikow, freier Journalist, Moskau


Trotz sieben Jahren sogenannter Reformen stellt sich die Situation in der russischen Landwirtschaft als äußerst schwierig dar. Hatte man Anfang der 90er Jahre noch auf eine vermehrte Gründung privater Farmwirtschaften gehofft, muß man heute konstatieren, daß sich die Mehrheit der ehemaligen Kollektivbauern nicht in die wirtschaftliche Unabhängigkeit begeben hat. Die privaten Bauern kämpfen ähnlich wie die kollektiven Farmwirtschaften um ihr Überleben. Kolchosen und Sowchosen haben zwar den Namen gewechselt, aber die Strukturen sind die alten geblieben. Was sich tatsächlich verändert hat und in hohem Maße die Versorgung des Landes mit Agrarerzeugnissen sichert, ist die enorme Ausweitung von privaten Nebenwirtschaften.


Dicht auf die Heroinmafia folgt die Kaviarmafia
von
Sergej Schapowalow, freier Journalist, Moskau


Rußland ist reich an natürlichen Ressourcen, so auch an den die Delikatesse Kaviar liefernden Stören. Zumindest war das zu Sowjetzeiten so, als reglementierte Fangquoten durchgesetzt wurden, um die Fischbestände zu schützen. Heute wirkt sich neben der Umweltverschmutzung vor allem die Wildfischerei in großem Stil verheerend auf die Störpopulationen in der Wolga und im Kaspischen Meer aus. Ein illegaler Wirtschaftszweig, der tief in die Beamtenstrukturen der jeweiligen Region hineinreicht, hat sich um den illegalen Fang, die Produktion und den Vertrieb von Stören, Störprodukten und Kaviar entwickelt. Die enormen Gewinnspannen, die mit dieser Geschäftstätigkeit verbunden sind, decken problemlos alle Kosten der Organisation, des Vertriebs und der Bestechung. Es bleiben für die Zukunft nur zwei Möglichkeiten: Entweder wird der Schwarzmarkt in naher Zukunft zerstört, was angesichts der politischen Verhältnisse unrealistisch ist, oder die Störe und mit ihnen der Schwarzhandel werden in einigen Jahren eingehen.


Vom Marktstand in den Mittelstand?
von
Alexej Koslatschkow, freier Journalist, Moskau


Vor der Krise im August 1998 war der Pendelhandel ein florierender Wirtschaftszweig, der nicht nur vielen Menschen Beschäftigung und Einkommen sicherte, sondern auch Reiseagenturen und Fluggesellschaften einen immensen Wachstumsschub bescherte. Die kurz bemessene zehnjährige Geschichte des Pendelhandels ist lebhaft und umfaßte in ihren Anfängen alle Menschen, die sich in irgendeiner Angelegenheit auf einer Dienstreise im Ausland befanden und wennmöglich "Sachen" zum Tausch oder Verkauf mitbrachten. Später war der Pendelhandel fast vollständig in der Hand von Frauen, die von der Arbeitslosigkeit in Rußland als erste betroffen waren. Der Pendelhandel wird heute vor allem mit der Türkei betrieben, seine Anfänge liegen aber in Polen. Man kann von einem neuen sozialen Typus des Handel treibenden Russen sprechen, der vielleicht nicht dem russischen Mittelstand angehört, aber den man doch dem Kleinunternehmertum zuordnen kann. Von der Krise wurde der Pendelhandel angesichts der gesunkenen Kaufkraft natürlich massiv betroffen.

Der Schützen ist Teil der Nähmaschine oder des Webstuhls, der mit dem Garn hin und her geschossen wird. Im Rußland von heute wird dieser Begriff für Kleinhändler benutzt, die sich auf ihrer Suche nach Verbrauchsgütern im In- und Ausland "schützenschnell" bewegen. Die Pendelhändler sind auch Ladearbeiter und Wachleute. Dieser Sozialtyp ist im Leben des heutigen Rußlands nicht hoch genug einzuschätzen. Es heißt gemeinhin, daß der russische Haushalt durch den Erdöl- und Erdgasexport gefüllt wird. In den letzten zehn Jahren hat sich aber gezeigt, daß diese Exporte nur die Taschen einzelner Personen füllen. Der Pendelhandel hingegen sichert Existenzmittel und Brot für eine riesige Zahl Menschen. Pendelhändler ist heute gleichsam ein Beruf für viele Angehörige der unteren Schichten der Bevölkerung. Man kann auch sagen, daß sich die Unternehmerlust breiter Bevölkerungsschichten in diesem Wirtschaftsbereich konzentriert. Viele der russischen Emigranten in Paris und Berlin, die Rußland nach der Revolution 1917 verlassen hatten, waren "Ehemalige" - Offiziere, Lehrer, Seeleute, Gutsbesitzer, Beamte -, die sich dann als Kellner, Taxifahrer und Müllmänner verdingten. Der Kleinhandel in einer beliebigen russischen Stadt lebt heute ebenfalls von "ehemaligen" sowjetischen Spezialisten - Facharbeitern, Ingenieuren, Lehrern, Offizieren. Nur ehemalige Beamte des Sowjetstaates sind dort nicht anzutreffen. Beamter - das ist vermutlich ein universeller Beruf, und niemand entscheidet sich vorsätzlich für diese Berufsrichtung. Die meisten Beamten betrachten ihre Tätigkeit auch heute noch nicht als wirkliche Profession, obwohl sie nichts anderes können.

Nach offiziellen Angaben waren bis zur Krise am 17. August 1998 etwa zehn Millionen Personen oder etwa sieben Prozent der Bevölkerung im Pendelhandel tätig. Wenn diese Zahl nur die Händler selbst umfaßt, kann man sie sicherlich mindestens mit drei multiplizieren, denn eine noch größere Zahl befaßte sich mit Zuarbeit und Bedienung der Pendelhändler - beispielsweise die zahlreichen privaten Fluggesellschaften, die "Charterflüge" im Inland und ins Ausland anboten, die ungezählten Cargofirmen, die die Fracht der Pendelhändler an die Bestimmungsorte brachten, die Reiseagenturen, die Einkaufstouren für Pendelhändler in alle Teile der Welt organisierten, nicht zuletzt die Zollbehörden. Dazu ist auch das Personal der städtischen Verbrauchsgütermärkte, darunter das Wachpersonal und zahlreiche weitere Begleitberufe zur Bedienung der Pendelgeschäfte, zu zählen. Die Reiseagenturen bedienten mehrheitlich Pendelhändler und befaßten sich nur nebenbei mit touristischen Reisen. Dies zeigte sich unmittelbar nach der Krise: Die Einkaufstouren gingen gravierend zurück und infolge dessen viele Reiseagenturen bankrott, die vom Tourismus allein nicht existieren konnten. Auch ein Großteil der kleinen und mittleren Fluggesellschaften mußte Konkurs anmelden. Der Pendelhandel hatte somit vor der Krise in der Struktur der russischen Wirtschaft und für den Arbeitsmarkt eine sehr große Rolle gespielt.

Konquistadoren der Marktwirtschaft

Alles entwickelte sich eher zufällig Anfang der 90er Jahre in der Zeit des Warendefizits. Der Mitarbeiter eines Betriebes oder eines Instituts sah auf einer Dienstreise in einer anderen Stadt preiswerte Pelzmützen (es könnten auch Damenstiefel, Teekannen, Feuerzeuge, Hocker oder Kaffee gewesen sein - alles war damals Mangelware). Für sein ganzes Geld kaufte er solche Waren und verkaufte sie zu Hause an seine Bekannten. Manchmal wurde die Ware zum gleichen Preis (ein Vergnügen für die Freunde) weitergegeben, mitunter aber mit einem kleinen Aufschlag verkauft.
Zielgerichteter handelten diejenigen, die im voraus Geld sparten, Waren postenweise aufkauften und diese zu Hause an Geschäfte verkauften, die mit Gebrauchtwaren handelten. Später wartete man nicht mehr auf eine Dienstreise, sondern reiste in Eigenregie, um Waren zu kaufen. Diese Menschen waren praktisch schon ausgebildete Pendelhändler. Im Strafgesetzbuch mußte jetzt nur der Artikel "Über Spekulationsgeschäfte" gestrichen werden. Dann galt es, Einkaufsreisen auch auf das Ausland auszudehnen. Ja, damals kehrten alle mit irgendetwas zurück, und die erste Frage nach einer Dienstreise war: "Was hast du mitgebracht?" Eingeführt wurde fast alles: Haarshampoo, Waschpulver, Fisch, Babywindeln... Kurz gesagt, man schaue in das Warenverzeichnis eines modernen Kaufhauses.

Die Geschäfte waren leer. Man handelte "aus der Hand", "schwarz". Man brauchte eine Teekanne, die im Geschäft natürlich nicht erhältlich war. Jeder wußte aber, daß er nur in "der Umgebung des Kaufhauses" suchen mußte. Der spontane Handel entwickelte sich um die leeren Geschäfte herum und griff nach und nach auf die großen Straßen und Plätze über, so daß er sogar den Verkehr behinderte. Sobald die Miliz auftauchte, liefen die Händler auseinander oder gaben sich den Anschein, als stünden sie "einfach so" da und die fünf Pelzmützen in der Hand seien ein Geschenk für die Verwandten auf dem Land. Um eine Teekanne zu kaufen, mußte man sich zwischen den zahlreichen Händlern bewegen und laut rufen: "Eine Teekanne gewünscht!" In fünf Minuten fand die Teekanne selbst den Kunden.

Ich erinnere mich einiger lustiger Sujets aus jener Zeit. 1992 wurde ich als Kriegskorrespondent nach Transnistrien geschickt. In der moldawischen Hauptstadt Kischinjow kaufte ich spottbillig eine Dostojewski-Ausgabe in achtzehn Bänden. Zu diesem Preis hätte ich in Moskau nicht einmal einen Band kaufen können. Natürlich, Bücher in russischer Sprache brauchte man in Moldowa nicht mehr. Ich bin mit den Büchern schweißtriefend durch die Frontlinie gekrochen. Neben mir kroch ein Kollege von einer anderen Zeitung, der eine Tasche rarer Autoersatzteile mitschleppte. Nach meiner Rückkehr bemerkte ich dann überrascht, daß sich unsere Redaktion in einen Supermarkt verwandelt hatte. Auf den Regalen und Tischen waren versehen mit handgemalten Preisschildern Schokoladenbonbons, Kaffee, Pantoffeln ausgestellt. Eine mir unbekannte Dame probierte Sommerschuhe. Auf meine Frage "Was passiert denn hier?" antwortete einer meiner Kollegen gleichgültig, daß Waren für "den Vertrieb" geliefert worden seien und ich kaufen könne, was ich bräuchte. Den Pendelhandel betrieb also in gewissem Maße das ganze Land.

Aus den Spekulationsgeschäften wurde langsam der "Handel". Die Strafen wurden aufgehoben. Die städtischen Behörden wiesen für die Verbrauchsgütermärkte gesonderte Flächen aus. Und heute sind die Märkte Teil der russischen Lebensweise, ja sie sind typisch für jede moderne Stadt.

Die Grundrichtungen des Pendelhandels

Der Pendelhandel orientiert sich in zwei strategische Richtungen: die Türkei und China. Heute ist es für den europäischen Teil Rußlands eher die Türkei, denn China ist weit, die Reise teuer. Zudem haben die Chinesen in Rußland einen eigenen Handel mit chinesischen Waren aufgebaut. Sie machen es preiswerter, weil sie nicht so anspruchsvoll sind, und besser. Diese Richtung hat besonders Bedeutung für den asiatischen Landesteil. Früher waren noch Polen und Italien von Wichtigkeit. Italien fiel jedoch wegen seiner hohen Preise weg. Auch der Handel mit Polen versickerte, allerdings aufgrund "der Gesamtheit von Merkmalen". Für den europäischen Landesteil bleibt somit nur eine Richtung - die Türkei.

Begonnen hatte jedoch alles mit Polen. Die ersten russischen Pendelhändler reisten gerade nach Polen, weil es irgendwie heimeliger, sozialistisch näher war. Zudem war es natürlich viel einfacher, ein Visum in ein Land des ehemaligen sozialistischen Lagers zu erhalten. Es wurden sogar vereinfachte visafreie Einkaufsreisen angeboten. Nach Polen wurden erstaunlicherweise russische Waren exportiert. Geliefert wurden Elektrogeräte, Ersatzteile. Gefragt waren auch Uniformen, vor allem jedoch die verschiedensten Werkzeuge, angefangen bei Garten- bis zu Industriegeräten. Sie wurden gegen Sloty verkauft, und der Erlös wurde in Konsumgüter gesteckt, die größtenteils für den Eigenbedarf bestimmt waren. Die polnische Währung konnte gegen Rubel gewechselt werden - auch das war ein Profit.

Die Polen stiegen jedoch sehr schnell aus der breiten Geschäftstätigkeit aus. Erstens importierten sie Waren aus dem Westen. Zweitens bauten sie in Teilen eine eigene Produktion auf. Drittens brachten polnische und russische Schutzgelderpresser den Handel unter ihre Kontrolle. Für die polnischen Behörden war es vermutlich unnütz, ja sogar unvorteilhaft, vernünftige Bedingungen für den Kleinhandel zu schaffen. Die Einkaufstouren wurden für die Händler zunehmend zur Mutprobe und wurden schließlich ganz eingestellt.

Erfolgreicher entwickelte sich die chinesische Richtung, denn an den Geschäften sind beide Seiten interessiert. Oft wird allerdings die Meinung geäußert, daß diese Tätigkeit zwar für China vorteilhaft ist, während sie sich für Rußland aufgrund des überhand nehmenden Mißbrauchs zerstörerisch auswirkte. Die Chinesen führten nämlich hauptsächlich Rohstoffe, Maschinen und Technologien aus Rußland aus und lieferten im Gegenzug ihre Bedarfsartikeln, die alles andere als hochwertig waren. Der Höhepunkt wurde etwa 1993 erreicht. Jeder Chinese, der damals nach Moskau kam - Forscher oder Kunstwissenschaftler -, hatte eine Liste von Waren, die in seiner Heimat gerne gekauft würden: Walzgut, Gleise, Aluminium, Lkws der Marke KAMAS, Nutzholz, Traktoren, Bagger. Die Chinesen kauften sogar den praktisch fertiggestellten Flugzeugträger "Warjag" - als Schrott. Klassische chinesische Waren waren Daunenjacken, Lederwaren, Sportanzüge und Pantoffeln, wobei Daunenjacken die absoluten Renner waren. Eine weitere bedeutende chinesische Ware waren illegale Softwareprogramme. In dieser Hinsicht war China absolut führend.

In vielen chinesischen Städten entstanden Gebiete, in denen ausschließlich Waren für Russen angeboten wurden. Die Preisschilder waren in russischer Sprache. Der Wohlstand des chinesischen Volkes erblühte buchstäblich vor unseren Augen. Die Häuser der mit Rußland handelnden "Neuen Chinesen" schossen wie Pilze aus dem Boden. Mit der Zunahme des Handels enthielten die chinesischen Jacken aber immer weniger Daunen und immer mehr Federn, während illegale Computerprogramme in Rußland selbst hergestellt wurden. Langsam schwächte sich also die chinesische Richtung ab, zumal die Reisekosten nach China hoch sind. Jetzt kaufen russische Händler chinesische Waren in chinesischen Großhandelslagern (diese sind häufig illegal, das heißt, es ist im Prinzip Schmuggelware) in den russischen Großstädten und verteilen sie weiter.

Das wahre "verheißene" Land ist jedoch für die Pendelhändler die Türkei. Diesbezüglich darf man anmerken, daß sich Russen und Türken einander zum gegenseitigen Vorteil gefunden haben. In der Türkei entstand in kürzester Zeit eine solide Infrastruktur für den Kleinhandel mit Rußland. Die türkischen Behörden gliederten die Händler nicht in große und kleine Geschäftsleute, genauer gesagt, sie diskriminierten letztere nicht. In Istanbul gibt es einen Bezirk - den Aksarai -, in dem es für einen russischen Händler genauso angenehm ist wie in Moskau oder Rjasan. Türkisch muß er nicht beherrschen, da die Verkäufer in der Regel Russen, Moldawier oder Ukrainer sind, die natürlich Russisch sprechen und von den türkischen Geschäftsinhabern eingestellt wurden. Russische und türkische Reiseunternehmen, die sich auf Einkaufsreisen spezialisiert haben, bieten den Händlern Unterbringung in komfortablen Hotels, Verpflegung und sogar im Preis inbegriffene Exkursionen. Vor der Krise war das alles sehr billig, denn das Angebot überstieg die Nachfrage. Der russische Berufshändler hatte seine speziellen türkischen Händler, die oft schon mit versandfertiger Ware auf ihn warteten. Der Russe kam, bezahlte die Ware und nahm sie dann erst in Moskau oder Nowosibirsk in Empfang. So sah der Pendelhandel in der "Blütezeit" vor der Krise aus. Viele Pendelhändler erinnern sich voller Wehmut an diese Zeit und sind den türkischen Partnern dankbar. Es ist schwer zu sagen, welche Bereiche der türkischen Leichtindustrie von den Russen lebten, vermutlich jedoch ein Großteil: die Türkei versorgte ganz Rußland mit Kleidung.

Auf den Verbrauchsgütermärkten in Rußland sieht man übrigens keine Kleidung mit türkischen Etiketten. Alle Sachen sind mit amerikanischen, deutschen, italienischen, französischen, thailändischen oder anderen Etiketten versehen. Nach dem Ursprungsland der Ware fragen nur Hinterwäldler. Es gibt eine schweigende Übereinkunft: Jeder weiß, daß die Ware aus der Türkei kommt, trotzdem will man, daß auf dem Etikett "Made in USA" steht. Nun, wenn man will, dann hat man. Entscheidet man sich, eine Ware zu kaufen, will aber nicht amerikanische, sondern italienische Jeans haben, dann bekommt man halt noch ein zweites Etikett.

Wer gehört in Rußland zum Mittelstand?

Nach dem russischen Mittelstand wird seit etwa fünf Jahren gesucht. Manch einer sagt, es seien die Bankiers. Die Bankiers sagen, es seien die Beamten, die Schmiergeld nehmen. Wieder andere sagen, es seien die Milizionäre, da auch diese bestechlich seien. Niemand kommt auf die Idee, dem Mittelstand Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler und Militärangehörige zuzuordnen. Vor kurzem wurde im russischen Internet eine Diskussion zum Thema "Pendelhänder: Mittelstand oder nicht?" veranstaltet. Es versteht sich, daß es zwei Standpunkte gab: Die einen sagten "Ja, sie gehören zum Mittelstand", während die anderen dies verneinten. Ein normaler Pendelhändler macht 3000 bis 10000 Dollar Umsatz im Monat. Einige Händler sogar mehr. Vor der Krise lagen die Pendelgeschäfte näher an 10000 Dollar; seit der Krise tendieren sie eher gegen 3000 Dollar. Der Durchschnittsverdienst liegt bei zehn bis fünfzehn Prozent, die Umsatzzeit ist allerdings von verschiedenen Faktoren, darunter vor allem von der Kaufkraft, abhängig.

Die Menschen, die in ihren bisherigen Berufen blieben, betrachten die Pendelhändler als mystische Neureiche, auf die man abschätzig herunterschaut. Dieser Reichtum ist jedoch ein Mythos. Denn der Pendelhandel wird mit Blut und Schweiß und immer an der Grenze zur Insolvenz betrieben. Nur Einzelne schaffen es, Großhändler zu werden oder ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Der Lebensstandard eines durchschnittlichen Pendelhändlers läßt sich wie folgt beschreiben: Er hat eine Wohnung (das bedeutet allerdings nicht, daß er sie gekauft hat; denn wie alle hätte er sie noch zu Sowjetzeiten fast kostenlos bekommen können), baut vielleicht eine kleine Datscha und besitzt einen Gebrauchtwagen für den Transport der Ware. Und es gibt noch ein wichtiges Merkmal: Die Familie des Pendelhändlers macht jedes Jahr Urlaub auf der Krim oder in der Türkei, dabei zumeist im Zuge einer Geschäftsreise. Die Familie eines russischen Arztes, Lehrers oder Offiziers kann sich so etwas nicht leisten. Aus diesem Grunde könnten Pendelhändler tatsächlich Mittelständler gewesen sein. Die Händler auf dem Markt einer mittelgroßen Stadt kennen sich in der Regel gut, weshalb erfolgreiche Geschäfte oder gar Reichtum allgemein bekannt sind. Es gibt natürlich Händler, die mehr Glück haben, und solche, die weitsichtiger sind. Das sind Menschen, die die Nachfrage einen Monat im voraus "spüren" können. Doch ist ihr Geschäftserfolg zumeist nur kurz bemessen, denn sobald der Vorrat vergriffen ist, wird die Ware bereits allerorts angeboten, so daß die Nachfrage schnell befriedigt ist. Es kommt also darauf an, den Kollegen immer ein klein wenig voraus zu sein.

Pendelgeschäfte sind Familiengeschäfte, mit denen sich maßgeblich Frauen befassen. Den Frauen wurde nach 1991 als ersten gekündigt, und sie mußten sich um die eigene Existenzsicherung kümmern. Die Männer arbeiteten noch hartnäckig in ihren Betrieben, Kohlegruben, Entwicklungsbüros und Forschungsinstituten, ohne die Löhne ausgezahlt zu bekommen, und warteten geduldig darauf, daß "sich alles verändern wird". Beinahe unauffällig wurden die Frauen zu "Ernährern der Familie", als es noch keinerlei Infrastruktur dieser Geschäftstätigkeit gab. Pendelhändler handelten auf eigene Faust, und mißachteten oft die Gesetze. Diesen Weg haben Frauen geebnet.

Das durchaus übliche Bild in einem beliebigen russischen Flughafen oder Bahnhof Anfang der 90er Jahre bot uns Massen abgekämpfter Frauen, die riesige Säcke mit allerhand Waren schleppten. Beim Check-in flehten die Frauen mitreisende Männer, die nur leichtes Gepäck hatten, an, einen Teil ihrer Last zu übernehmen, damit sie das Übergewicht nicht bezahlen mußten. Die überladenen Flugzeuge stiegen nur schwer in die Luft. Erst später klinkten sich auch Männer in diese Geschäftstätigkeit ein. Es ist vollkommen klar, daß der Pendelhandel von der Krise getroffen wurde. Eine immense Zahl Händler, Reise- und Fluggesellschaften erklärte sich bankrott. Das Flugangebot wurde drastisch reduziert. Die Pendelhändler mußten ihre Ware mit Verlust verkaufen, denn ihre Kundschaft war nicht in der Lage, die normalen Preise zu bezahlen. Laut den Händlern kamen ihnen die türkischen Unternehmer entgegen, um sie sich als Kunden zu erhalten: Sie verpflegten die Pendelhändler auf eigene Kosten, zahlten für die Unterbringung und führten die Verrechnung in Rubel ein. Trotzdem war der Pendelhandel verlustbringend, da die Kaufkraft der Bevölkerung massiv gesunken ist.

Der Alltag des Marktes und der Aberglaube der Händler

Der russische Verbrauchsgütermarkt ist ein Freilichtkaufhaus, in dem man handeln kann. Es gibt eine ganze Reihe klassischer Verfahren. Zunächst einmal muß man herausfinden, ob der Händler auf dem Markt der Warenbesitzer oder nur ein angestellter Verkäufer ist. Ist es ein junges Mädchen, ist es höchstwahrscheinlich eine Verkäuferin, die für einen festgelegten Lohn (pro Tag normalerweise drei bis vier DM) oder eine Vergütung nach Verkaufsleistung (zwei bis drei Prozent des Erlöses) arbeitet. Es hat keinen Sinn, mit ihr zu handeln.
Wird die Ware aber von einem Mann mittleren Alters verkauft, könnte er eher der Warenbesitzer sein, mit dem man handeln kann. Man sollte eine Sache, an der man Interesse hat, nie in die Hand nehmen. Man sollte auf mehrere gleichartige Dinge zeigen und fragen, was ein jedes kostet. Besser noch ist es, zu zweit einkaufen zu gehen: Der eine besieht die Ware, der andere verzieht skeptisch den Mund und sagt "Dort weiter unten ist es preiswerter".

Der Markt ist wie eine Stadt mit eigenen Gesetzen und eigener Miliz, es gibt Wächter und Kontrolleure. Streitfragen zwischen Kunden und Verkäufern werden von den Kontrolleuren entschieden. Auf dem Markt gilt, daß eine gekaufte Ware zurückgenommen wird, wenn sie nicht paßt. Es kommt vor, daß eine Sache erst einen Monat später zurückgegeben wird. Dann werden die Kontrolleure bestellt. Übrigens unterstützen sie nicht unbedingt den Verkäufer. Sie sind in der Regel um Interessenausgleich bemüht. Jeder Markt wird gut bewacht. Der Händler zahlt dafür entsprechende Gebühren, wird allerdings vor Schutzgelderpressern beschützt, die noch vor fünf Jahren keine Grenzen kannten.

Die Arbeit auf dem Markt ist extrem schwierig und gesundheitsschädigend. Im Winter ist es kalt, und viele Händler trinken Alkohol, um sich von innen zu wärmen. Die Folgen sind klar. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit bietet der Markt in kleinen und mittelgroßen Städten vielen Menschen Beschäftigung. Oft ist es die einzige Beschäftigungsmöglichkeit beispielsweise für junge Mädchen ohne berufliche Qualifikation. Wo es viele arbeitslose junge Frauen gibt, entstehen "neue" Berufe. Der Markt ist von Prostitution und Drogenhandel geprägt. Ein Warenbesitzer beschäftigt ein junges Mädchen und zwingt es zum Beischlaf. Kein Wunder, daß der Markt bezogen auf Geschlechtskrankheiten einen der ersten Plätze einnimmt.

Händler sind im allgemeinen abergläubisch, wobei Pendelhändler extrem abergläubisch sind. Das ist durchaus nachvollziehbar. Sie betreiben ihre Geschäfte an der Grenze der Insolvenz, und ihre Tätigkeit hängt von zahllosen Zufälligkeiten ab. So sind sie eine leichte Beute für Schwindler. Ich sah selbst einmal einen Geistlichen auf einem Markt, der durch die Reihen ging und die Händler aufforderte, ihre Ware "segnen", also mit Weihwasser besprenkeln zu lassen, damit sie sich besser verkaufe. Ich weiß nicht, inwieweit diese Aktion den Regeln der Russisch-orthodoxen Kirche entspricht, ich kann auch nicht beurteilen, ob es überhaupt ein echter Geistlicher war (in Moskau gibt es eine Vielzahl an Landstreichern, die sich als Mönche oder Priester ausgeben). Die Händler sagten mir allerdings, daß diese Segnungen ziemlich teuer sind. Etwas Ähnliches bieten Mullahs für die Moslems an. Wer sich nicht zu einer Konfession bekennt, kann derartige Dienstleistungen von Hellsehern und Schamanen in Anspruch nehmen. Alle diese "Handelsbeschleuniger" verbessern gegen eine Vergütung das "Karma" der Ware oder korrigieren das "Feld" des Händlers selbst.

Mitunter nimmt der Aberglaube allerdings krankhafte Formen an und wirkt sich sogar schädlich auf den Handel aus. Eine Händlerin erzählte beispielsweise, daß der Handel gut läuft, wenn der erste Kunde ein Mann ist. Ist der erste Kunde eine Frau, kann sich die Händlerin unter Umständen weigern, die verlangte Ware zu verkaufen. Für eine junge Dame kann sie den Preis auch reduzieren, niemals aber wird sie die erste Sache einer älteren Frau verkaufen. Die Händler schreiben oft auch der Ware oder dem Platz, an dem diese liegt, magische Eigenschaften zu. Sieht der Händler, daß eine Ware vom Eck des Ladentisches schneller gekauft wird, wird er die Ware auf seinem Stand unbedingt neu auslegen.

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