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Dagestan - die falsche Politik im Kaukasus


Dagestan - die falsche Politik im Kaukasus

Ein Kommentar von
Ekkehard Maaß, Vorsitzender der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft, Berlin

Hilflos und scheinbar unbekümmert blickt die Welt auf die jüngsten Ereignisse in Dagestan und Tschetschenien: Eine militante islamische Bewegung, die Wahhabiten, angeführt von dem jordanischen Glaubenskämpfer El Chattab und dem zu Hilfe gerufenen tschetschenischen General Bassajew, brachte eine Reihe von Dörfern im Südwesten Dagestans unter ihre Kontrolle und rief eine islamische Republik aus. Gut ausgerüstet und für den Partisanenkampf geschult, drohte sie, ganz Dagestan von der russisch-imperialen Vorherrschaft zu befreien. Die russische Seite reagierte wie in Tschetschenien mit einer großangelegten Militäroffensive, die die Dörfer zurückerobern und sich auf Tschetschenien ausdehnen soll. Mehr als 15000 Mann mit schwerer Kriegstechnik wurden herangeführt, um die ungefähr 2000 islamischen "Banditen" zu vernichten. Endlose Kolonnen von Militärfahrzeugen, vor allem Schützenpanzerwagen und Panzer, verstopften die Straßen Dagestans und quälten sich auf den Schotterwegen in die Berge. Viele von ihnen blieben liegen oder mußten abgeschleppt werden. Pausenlos donnerte die Artillerie und wurden Luftangriffe geflogen. Dabei wurden nicht nur dagestanische, sondern auch tschetschenische Dörfer und ein Dorf in Georgien beschossen. Die Dörfer Tando, Karamachi und Tschabanmachi wurden restlos zerstört. Die hohen Verluste an Menschen und Technik auf Seiten der föderalen Kräfte werden verschwiegen.

Auch wenn die Rebellen sich zurückziehen sollten, ist dieser Krieg prinzipiell nicht gewinnbar. Jeder Getötete, jedes zerstörte Haus, jedes verwüstete Feld läßt entwurzelte Menschen zurück, Feinde, Verarmte, die nur eines im Sinn haben, sich an den Aggressoren zu rächen. Menschen, die, wie in Tschetschenien, in sozialer Verzweiflung leben, sind nicht regierbar, nicht von Maschadow und schon gar nicht von Moskau. Die einzigen Gewinner dieses Krieges sind die hochrangigen Waffenhändler, die das russische Kriegsgerät an die fanatischen Freiheitskämpfer verkaufen, und vielleicht Präsident Jelzin, der seine auslaufende Amtszeit verlängern möchte, falls ihm die jüngsten Skandale, eine Korruptionsaffäre in Millionenhöhe und die Veruntreuung von fünfzehn Milliarden Dollar, seine schmutzige Ära nicht endlich beenden.

Wer sind nun diese islamischen Kämpfer, diese sogenannten Wahhabiten, und wie kommen sie in den Kaukasus? Der Wahhabismus, heute Staatsreligion in Saudi-Arabien, ist eine Reformbewegung des Islam, die sich auf die Ideale des frühen Islam beruft. Als ihr Begründer gilt Mohammed Abdul Wach'hab (1703 bis 1787), dessen Theorien auf den im 14. Jahrhundert lebenden Theologen und Rechtsgelehrten Ibn Taimiya zurückgehen. Sein Ziel war die Reinigung des Islam von allen Neuerungen und fremden Einflüssen, vor allem wandte er sich gegen die Verherrlichung von Heiligen und ihren Gräbern und gegen Erscheinungen der Volksfrömmigkeit. Einzige Grundlage der staatlichen Gesetzgebung soll der Koran sein. Vor ihm sind alle gleich. Freiwillige Glaubenskrieger brachten die Bewegung während des Krieges nach Tschetschenien und Dagestan. Dort fand sie vor allem Anhänger bei Jugendlichen, die froh waren, daß jemand ihnen einen Teller Suppe, eine Kalaschnikow und eine heilige Idee gab, für die es sich lohnt zu sterben. Haupt dieser Bewegung ist der aus Jordanien stammende Millionär El Chattab, der verschiedene Ausbildungslager für die Anhänger der Bewegung finanzierte. In Dagestan, der ärmsten und von mehr als 45 Völkern bewohnten Republik, gibt es inzwischen viele Ortschaften, die die umständliche russische Administration verjagten und sich einer eigenen, islamischen Gerichtsbarkeit unterstellten und bisher deswegen wenig behelligt wurden.

Radikale Formen des Islam sind den Gläubigen im Nordkaukasus fremd. Diese sind ihrer Tradition nach Sunniten, stehen dem Sufismus nah und haben von jeher den Islam mit ihren eigenen kulturellen Traditionen verbunden. Der tschetschenische Präsident Aslan Maschadow, zu manchen Kompromissen mit radikalen Islamisten gezwungen, distanzierte sich in scharfer Form von den Wahhabiten und entließ Minister Udugow, der der Bewegung nahestand. Gegen den legendären Freiheitsterroristen Schamil Bassajew vorzugehen, der sehr populär ist und dem große Teile der Armee folgen, reicht seine Macht nicht aus. Bassajew gründete einen Rat der Feldkommandeure und forderte in unzähligen Meetings den Rücktritt des Präsidenten und kritisiert in scharfer Form dessen gemäßigte Haltung gegenüber Rußland. Der Bewegung der Wahhabiten scheint er sich eher zu bedienen. Er träumt von einem islamischen Gottesstaat, der wie zu Zeiten seines Namensvetters Schamil im 19. Jahrhundert. Tschetschenien und Dagestan umfassen soll.

Die Radikalisierung der Gesellschaft und des Islam in Tschetschenien hat ihre Ursache in dem Krieg, der mehr als 100000 Menschenleben kostete, und den verheerenden Folgen, die beinahe noch schlimmer als der Krieg sind. In vielen Gebieten Tschetscheniens hat die Armut einen Grad erreicht, der es unmöglich macht, eine zivile Gesellschaft aufrechtzuerhalten.
Es war offenbar ein politischer Fehler, Tschetschenien mit den Kriegsfolgen allein zu lassen und die Politik Maschadows nicht zu unterstützen. Ein Fehler der Weltmächte, weniger Rußlands, denn Rußland ist zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt, als daß es den Wiederaufbau Tschetscheniens leisten könnte, obwohl dies im Friedensvertrag vom 12. Mai 1997 vereinbart wurde.

Rußland muß davon überzeugt werden, daß ein Land nicht mit Luftangriffen zu regieren ist; daß es verbrecherisch und sinnlos ist, ganze Landesteile zu zerbomben und die Bevölkerung zu vernichten; daß es ohne Hilfe Europas den Kaukasus nicht stabilisieren kann; daß der Aufbau politisch stabiler Gesellschaften den Vorrang hat sowohl vor den Gründungen winziger, nicht lebensfähiger Nationalstaaten, als auch vor der veralteten Idee eines Imperiums, welches ohne Blut und Schwert nicht zu halten ist. Viele Imperien haben ihre Kolonien aufgeben müssen.

Die islamisch-fundamentalistischen Bewegungen im Kaukasus, wie auch der Terrorismus, sind nur von innen heraus zu bekämpfen. Nur eine erhebliche Unterstützung der gemäßigten islamischen Kräfte kann helfen, die zivile Gesellschaft wieder aufzubauen. Das heißt im Falle Tschetscheniens massive Unterstützung der Regierung Maschadows und aller demokratisch gesinnten NGOs von den "Frauen des Nordkaukasus" bis zu den "Grünen". Hilfe bei der Verbrechensbekämpfung, bei der Beseitigung der über einer Million Landminen, beim Wiederaufbau von Krankenhäusern, Schulen, Universitäten. Nur eine Einbindung des Kaukasus in die europäische Politik, in ein europäisches Verständnis von Demokratie, kann dazu beitragen, diese Region zu stabilisieren. Es wird notwendig sein, sich mit dem Islam, einer der großen Weltreligionen, auch in dieser Region auseinanderzusetzen, statt ihn pauschal zu diffamieren.

Es sollte im Sinne Rußlands sein, eine solche Politik nicht wie bisher zu behindern, sondern zu unterstützen. Da Tschetschenien faktisch selbständig ist und Rußland mit dem Tschetschenienkrieg jegliches moralische Recht auf dieses größte Land des Nordkaukasus verloren hat, sollte eine formale Anerkennung Tschetscheniens nicht prinzipiell ausgeschlossen werden. Sie würde den Anschluß Tschetscheniens an Europa und den Wiederaufbau des Landes wesentlich erleichtern und den Einfluß radikaler islamischer Bewegungen hemmen.

Denn eines ist klar: Ohne eine stabile Situation im Kaukasus wird es keine Stabilität in Rußland geben. Deshalb ist sie auch für Deutschland von höchstem Interesse. Die Zerstörung Dagestans, die Tötung und Entwurzelung seiner Bewohner, die Verwüstung der Bergdörfer und Felder kann und darf nicht widerspruchslos geduldet werden. Das darf es in einem vereinten Europa nicht geben, auch nicht an seinem äußersten Rand!





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