Wirtschaft

Die russische Wirtschaft leidet an der sowjetischen Vergangenheit (Abstract)
Die russische Industrie beim Übergang zum Markt (Abstract)
Muß der Staat die russische Industrie schützen? (Abstract)
Die Reichtümer Rußlands (Abstract)
Der schwarze Schatten in der russischen Wirtschaft (Abstract)
Das Gebiet Saratow: Industriebild einer russischen Region (Abstract)
Leicht- und Lebensmittelindustrie:Niedergang und Wachstum (Abstract)
Der Industriegigant Norilski Nikel: Bankenkapital schaltet sich ein (Volltext)

Die russische Wirtschaft leidet an der sowjetischen Geschichte
von
Dr. Jelena Wigdortschik, Dr. Dmitri Nikologorski
Mitarbeiter des Experteninstituts Moskau


Nach der Konkurrenzfähigkeit seiner Produkte belegt Rußland weltweit den 33. Platz. Sollte die Entwicklung nicht umbrochen werden können, droht dem Land die Entindustrialisierung und der Status eines Entwicklungslandes, das vor allem vom Rohstoffexport abhängig ist. Die Gründe dafür liegen in der Geschichte der industriellen Entwicklung der UdSSR und dem arbeitsteiligen System, wie es zwischen den RGW-Staaten bestand. Insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg verfestigte sich in der Zivilgüterproduktion die Rückständigkeit der Sowjetunion. Neue Technologien wurden nicht selbst entwickelt, sondern im Westen gekauft und Waren aus den RGW-Staaten eingeführt. Allein in den militärindustriellen Komplex und die Raumfahrtindustrie flossen immense Summen, um in diesen Bereichen technologisch mitzuhalten.


Die russische Industrie beim Marktübergang
von
Erlen Bernstein
Mitarbeiter der Zeitschrift „Nowoje wremja"


In großen Bereichen der russischen Industrie wird bis heute die Tradition der sowjetischen Naturalwirtschaft fortgesetzt. Die Praxis der Tauschgeschäfte und gegenseitigen Gutschriften ermöglicht den Betrieben, den Markt mit nicht nachgefragten Gütern regelrecht zu überschwemmen und so zu überleben. Andererseits ist aber in einigen Industriebranchen bereits ein Umschwung festzustellen: Die rege Handelstätigkeit seit der ersten Stunde nach der Öffnung Rußlands hin zum Weltmarkt mobilisierte in- und ausländische Unternehmen, sich den riesigen russischen Markt zu erschließen. Festzustellen ist heute der Trend, daß die russische Bevölkerung stärker auf einheimische beziehungsweise in Rußland produzierte Waren zugreift.


Muß der Staat die russische Industrie schützen?
von
Dr. Oleg Prawdin
Mitarbeiter des Moskauer Experteninstitutsr


Russische Produkte sind derzeit häufig nicht einmal mehr auf dem einheimischen Markt konkurrenzfähig. Dies gilt nicht für den Brennstoff- und Energiekomplex und weniger für die militärindustrielle Produktion, betrifft aber fast die gesamte Produktionspalette aller anderen Industriebranchen. Das Produktionsvolumen hat sich in Rußland gegenüber 1990 fast halbiert, und über fünfzig Prozent des Warenangebots sind Importe. In den Großstädten haben die Importe sogar einen Anteil von siebzig bis achtzig Prozent am Warenangebot. Der russische Staat hat zwei Möglichkeiten, wie er auf diese Situation reagieren kann: Entweder nimmt er den Zusammenbruch der einheimischen Industrie in Kauf oder er greift zu protektionistischen Maßnahmen, um die russische Industrie vor der ausländischen Konkurrenz zu schützen.


Die Reichtümer Rußlands
von
Dr. Viktor Wereschtschagin
Mitarbeiter des Moskauer Experteninstituts


In bezug auf die Voraussetzungen für die Produktion ist Rußland im Prinzip ein reiches Land. Der Reichtum an Bodenschätzen, Boden, Wasser und billiger Arbeitskraft stellt bezüglich der Konkurrenzfähigkeit russischer Erzeugnisse selbst auf dem inländischen Markt heute jedoch nur noch einen nachrangigen Vorteil dar. Fatal wirkt sich aus, daß die Investitionstätigkeit in Rußland seit Beginn der Reformen in keiner Weise gefördert wurde. Aufgrund verschlissener Ausrüstungen und alter Förderverfahren müssen immense Fördereinbußen bei den Energie- und Rohstoffressourcen hingenommen werden. Entgegen dem weltweiten Trend der Reduzierung des Stromverbrauchs in der Industrieproduktion erhöht er sich in Rußland, was die Produkte natürlich verteuert. Obwohl Arbeitskräfte in Rußland extrem billig sind, schließt sich auch hier der Kreislauf. Die niedrige Kaufkraft der Bevölkerung schränkt den inländischen Absatzmarkt, auf dem 85 Prozent aller einheimischen Erzeugnisse angeboten werden, massiv ein.


Der schwarze Schatten in der russischen Wirtschaft
von
von Andrej Neschtschadin
Exekutivdirektor des Moskauer Experteninstituts


In Rußland ist heute beinahe jeder Einwohner in der einen oder anderen Form in die Schattenwirtschaft eingebunden. Natürliche Personen beispielsweise durch nicht registrierte Zweit- und Drittbeschäftigungen im Dienstleistungsbereich, im Einzelhandel und im Pendelhandel, Beamte durch die Annahme von Bestechungsgeldern. Die Einkünfte aus diesen Tätigkeiten werden den Steuerbehörden nicht gemeldet, und Ursache dafür ist in erheblichem Maße die ungerechte Steuererhebung. Diese führt dazu, daß in Moskau selbst Familien, die an der Armutsgrenze leben, progressiv besteuert werden. In der Wirtschaft etablieren sich die Strukturen der Schattenwirtschaft vor allem im Im- und Exportbereich sowie im Bank- und Finanzbereich. Auch zu Sowjetzeiten hatte die Schattenwirtschaft angesichts des Mangels an Waren und Dienstleistungen einen nicht unerheblichen Anteil an der Wirtschaftstätigkeit. Heute jedoch wird sie vor allem durch die ungerechte Steuergesetzgebung und die Unfähigkeit des Staates, die Befolgung der Gesetze durchzusetzen, gefördert.


Das Gebiet Saratow: Regionales Industriebild
von
Dr. Arkadi Lapschin
politischer Redakteur der Zeitschrift „Wlast"


Das Gebiet Saratow ist ein wirtschaftlich potentes Gebiet. Stark vertreten ist der agrarindustrielle Komplex, der Maschinenbau, die chemische und petrochemische Industrie, die Lebensmittelindustrie und Unternehmen des rüstungsindustriellen Komplexes. Die Gebietsregierung von Saratow betreibt eine aktive Wirtschaftspolitik und hat insbesondere mit den Gesetzen zum Schutz der Investitionen und der Rechte der Investoren sowie mit der Bestimmung für Steuervergünstigungen für Investitionstätigkeiten gu-te Voraussetzungen geschaffen, um Investoren in das Gebiet zu locken. Maßnahmen, um den Export zu unterstützen, die Rüstungsbetriebe auf die Zivilgüterproduktion umzustellen, zweigübergreifende Integrationsbeziehungen im agrarindustriellen Komplex aufzubauen und das Kleinunternehmertum zu fördern, versprechen bereits für das Jahr 1998 Erfolge.


Leicht- und Lebensmittelindustrie: Eingehen und Wachstum
von
Dr. Wladimir Kaschin
Mitarbeiter des Moskauer Experteninstituts


Das Warenangebot in Rußland wurde durch die Freigabe der Preise und die Öffnung des Marktes für Importe wesentlich erhöht, gleichzeitig ging die Nachfrage nach russischen Erzeugnissen jedoch rapide zurück. Zur Steigerung der Konkurrenzfähigkeit russischer Waren sind Investitionen in die Leicht- und Lebensmittelindustrie dringend erforderlich. Während einheimische Kapitalgeber wenig Interesse zeigen, in diese Branchen zu investieren, läßt sich bei ausländischen Unternehmen durchaus wachsende Investitionsbereitschaft feststellen, da sie den riesigen und perspektivisch hochinteressanten russischen Markt erschließen wollen.


Norilski Nikel -Bankenkapital schaltet sich ein
von
Tatjana Don
Wirtschaftsredakteurin der Zeitung „Moskowskije Nowosti"


Ich habe diesen Industriegiganten des russischen Nordens nicht nur aus dem Grund gewählt, weil er der größte Buntmetallproduzent der Welt ist, sondern Norilski Nikel („Nikel von Norilsk") ist auch deshalb einer Betrachtung wert, weil sich vermutlich erstmals in der russischen Geschichte Bankenkapital in derartigen Dimensionen in die Entwicklung des realen Wirtschaftssektors eingeschaltet hat, wobei die Branche nicht in bester Verfassung ist.

Zur Russischen Aktiengesellschaft Norilski Nikel gehören 130 Unternehmen - von Gruben bis zu Metallurgiebetrieben -, die auf der Halbinsel Taimyr in Nordsibirien und auf der Halbinsel Kola angesiedelt sind. Das Herz ist das Bergbau- und Metallurgiekombinat Norilsk. Die Unternehmen der Aktiengesellschaft liefern mehr als zwanzig Prozent Nickel, vierzig Prozent Palladium, 24 Prozent Platin, zwanzig Prozent Rhodium, ungefähr sechs Prozent Kobalt und 3,5 Prozent Kupfer der weltweiten Produktion oder 72 Prozent Nickel, siebzig Prozent Kobalt, 43 Prozent Kupfer und beinahe hundert Prozent Platine, die heute in Rußland hergestellt werden. Die riesigen Erzbestände sind auf einem vergleichsweise kleinen Territorium konzentriert und enthalten alle Metalle. Nach ihren Kennwerten übertreffen sie alle weltweit bekannten Vorkommen. Die Qualität und relativ niedrige Produktionskosten sichern den Produkten einen stabilen Absatz auf den Weltmärkten. Aber trotzdem befand sich Norilski Nikel 1996 am Rande einer Krise. Die kritische Phase ist heute zwar überwunden, doch bleiben eine Menge drängender Probleme, die auf eine Lösung warten.

Am Ende der Welt

Ein Problem wird sich bestimmt niemals lösen lassen. Es ist nun einmal so, daß sich die reichhaltigen Rohstoffbestände im Hohen Norden Rußlands 400 Kilometer nördlich vom Polarkreis befinden. Norilsk ist die nördlichste und mit einer durchschnittlichen Temperatur von minus vierzehn Grad Celsius im Jahr die kälteste Stadt der Welt. In Murmansk, das nur einen Breitengrad südlicher liegt, ist es wesentlich wärmer. Der lange Polartag dauert in Norilsk zwei Monate, die Polarnacht anderthalb Monate. Neun Monate lang herrscht der Winter, wobei die Temperatur auf bis zu minus sechzig Grad Celsius sinken kann, und davon wüten drei Monate lang Schneestürme (die Menschen dort nennen ihn „tschornaja purga" - „schwarzer Schneesturm"), bei denen jeder zusätzliche Meter pro Sekunde Windgeschwindigkeit die gefühlte Kälte um zwei Grad Celsius sinken läßt. Die intensive Sonneneinstrahlung und die Änderung des Magnetfeldes der Erde kommen zudem in diesem Gebiet stark zur Geltung. Und noch eins: Im Umkreis von 150 Kilometern vom Kernbetrieb ist der Boden bis zu einer Tiefe von dreißig Zentimetern verseucht, und der Schwefelgehalt der Luft übersteigt bei Windstille den zulässigen Grenzwert um 3000 Prozent.

Wie negativ sich dies alles auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung auswirkt, will ich hier nicht weiter ausführen. Nur so viel: Einem ärztlichen Gutachten nach sollten Geburten in diesem Gebiet sogar verboten werden.

Nichtsdestotrotz leben und arbeiten etwa 300000 Menschen unter diesen extremen Bedingungen.
In den Unternehmen von Norilski Nikel kann nur „zeitweise" gearbeitet werden. Für Norilsk lautet die Formel: Eingestellt werden Arbeitskräfte im Alter bis zu 35 Jahre für eine Zeit von dreieinhalb bis sieben Jahren. Die Dauer des Arbeitsverhältnisses hängt dabei vom Gesundheitszustand der jeweiligen Person ab.

Der Beschluß über den Bau des Kombinats Norilsk wurde 1935 gefaßt, kurz darauf wurde die Stadt gegründet. Aber erst sehr viel später rissen sich die Menschen aufgrund der hohen Verdienste um einen Arbeitsplatz in Norilsk, noch bis Mitte 1955 waren dort vornehmlich Insassen von Arbeitslagern im Einsatz.

Die Anthologie der Krise

Es taucht direkt eine durchaus natürliche Frage auf: Wie konnte ein Unternehmen wie Norilski Nikel bis an den Rand des Zusammenbruchs gebracht werden? Die gegenwärtige Krise der Aktiengesellschaft setzte 1990 und 1991 ein, als sich die russische Industrie insgesamt sehr schweren Zeiten gegenübersah. Norilsk hatte jedoch in seiner 60jährigen Geschichte bereits früher einige Krisen erlebt, wie beispielsweise im Jahre 1956, als die Schließung des Kombinats aufgrund seiner wirtschaftlichen Unrentabilität auf der Tagesordnung stand. Damals zeichnete sich die Erschöpfung der erkundeten Bestände ab, zudem wurden die Lagerhäftlinge entlassen, wodurch sich das Unternehmen unvermittelt dem Problem eines Arbeitskräftemangels gegenübersah. Doch blieb das Kombinat im Blickfeld des Staates. In einer großangelegten Kampagne wurde sogar ein Überschuß an Arbeitskräften angeworben, die durch extrem hohe Verdienste und anderes „Zuckerbrot" angelockt worden waren. Die zweite Krisenphase Mitte der 70er Jahre war ebenfalls mit der Erschöpfung der Erzbestände verbunden. Da in die Bergbauunternehmen chronisch viel zu wenig investiert wurde, blieben sie vom Fördervolumen her weit hinter den tatsächlichen Verarbeitungskapazitäten der Metallurgieunternehmen von Norilski Nikel zurück. Aus diesem Grund wurden dem Kombinat alle möglichen Ressourcen aus anderen Branchen zur Verfügung gestellt.

Die „besondere" Einstellung zu Norilsk und die staatlichen Investitionen deckten die immens hohen Bau- und Unterhaltungskosten der Infrastruktur, die völlig in die Hände der Unternehmen übergeben wurde. Zur Infrastruktur gehörten auch alle Verkehrsmittel, die aufwendige Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, der Erhalt des Wohnungsbestandes, Schulen, Krankenhäuser und Kindergärten. Dann kamen die 90er Jahre. Der Staat hatte keine Zeit mehr für Norilski Nikel und seine Probleme. Die Staatsaufträge gingen zurück, die Investitionen blieben ganz aus. In Rußland sank der Bedarf an den Produkten des Kombinats rapide. Die produktionsfremden Kosten hingen dem Unternehmen wie Steine am Hals: Die Selbstkosten wuchsen, die Rentabilität sank. Das Kombinat konnte jedoch nicht einfach geschlossen werden, da mit ihm die Existenz der Stadt unlösbar verbunden war. Die Umorientierung des Unternehmens auf den Export (dieser wurde damals durch verschiedene Regierungsbeschlüsse gefördert, darunter die Aufhebung der Exportquoten für Buntmetalle) half kurze Zeit aus der Not heraus. Der unkontrollierte Absatz („viel und billig") drückte aber die Preise auf dem Weltmarkt und senkte somit die Rentabilität. Die Selbstkosten erhöhten sich ebenso wie die Schulden - Steuerrückstände und Verzugsstrafen, Kredite, Lohnschulden.

Im Rahmen der Privatisierung wurde Norilski Nikel 1994 in eine Aktiengesellschaft - so stand es zumindest auf dem Papier - umgewandelt, wobei die Aktienmehrheit beim Staat verblieb. Doch die Aktiengesellschaft wurde praktisch uneingeschränkt von der alten Geschäftsführung geleitet.

1995 wurde das staatliche Aktienpaket der ONEXIMBank in treuhänderische Verwaltung übergeben. Ein halbes Jahr später siegte diese Bank bei der Auktion, auf der das staatliche Aktienpaket angeboten wurde, und wurde damit neuer „Eigentümer" des Industriegiganten. In der Geschichte von Norilski Nikel begann eine neue Phase. Die Übernahme der Aktiengesellschaft durch diese Bank beschäftigt übrigens bis heute die Öffentlichkeit, die die Bank eher ablehnt.

Was hat die ONEXIMBank für ihr Geld bekommen?
Als Mitte 1996 die neue Geschäftsführung dann ihre Arbeit aufnahm, mußte sie neben der „dahin siechenden" Produktion auch über zwölf Billionen (alte) Rubel Schulden sowie Verzugsstrafen und andere Strafgelder übernehmen. Die Umlaufmittel der einzelnen Unternehmen bestanden praktisch zu hundert Prozent aus Krediten. Zugleich waren die Kunden von Norilski Nikel, darunter auch der Staat, gegenüber der Aktiengesellschaft mit vier Billionen (alte) Rubel verschuldet. Die Finanzlage der Tochterunternehmen war katastrophal: Sie standen, kurz gesagt, vor der Pleite. In die Produktion war sehr lange nichts mehr investiert worden, und im Ergebnis waren die Ausrüstungen bis zu achtzig Prozent verschlissen.
Nach Erläuterungen der lokalen Gewerkschaften drohte dem Kernstück der Aktiengesellschaft, dem Bergbau- und Metallurgiekombinat Norilsk, im Sommer 1996 die Stillegung.

Die ersten Maßnahmen zur Überwindung der Krise

Die neue Geschäftsführung begann, die Finanzen und die organisatorische Gliederung der Gesellschaft neu zu ordnen. Alle Kosten sollten reduziert, die Produktion umstrukturiert und modernisiert werden. Die Ablösung der „oberen" Geschäftsführung allein reichte nicht aus. Das Management wurde auf allen Ebenen ausgewechselt. Und der Aufbau einer sachgerechten Vertriebsstruktur gestattete, für jede Tonne Nickel und Kupfer zusätzliche 130 beziehungsweise 62 Dollar zu erzielen. Multipliziert mit dem Produktionsvolumen ergibt dies einen recht beeindruckenden Ertrag. Zugleich wurde die bisherige Zahlungsfrist von zwei Monaten auf zwei bis drei Tage reduziert. Die positiven Ergebnisse wurden also durch die Optimierung der Waren- und Finanzströme erreicht, da jetzt nur noch ein einziges Unternehmen für den Absatz der Fertigprodukte zuständig ist. Der Erlös wird heute entsprechend der „Produktionsanteile" verteilt. Bei ihrer früheren Eigenständigkeit drückten die Tochterunternehmen oft gegenseitig die Preise und häufig „vergaßen" die zahllosen Vermittler einfach, dem Kombinat den Erlös aus dem Metallverkauf zu überweisen.

Der Jahresabschluß für das Jahr 1997 belegte die ersten Erfolge: Die Pläne wurden umfassend erfüllt: Der Ausstoß von Nickel, Kupfer und Kobalt wurde um fünfzehn Prozent gesteigert, die Kosten wurden um 1,5 Billionen (alte) Rubel gesenkt, die Arbeitsleistungen verbessert und die wichtigsten Tochterunternehmen nahmen mehr ein als sie ausgaben.

Und Investoren fanden sich auch: In den zurückliegenden zwei Jahren wurde über eine Milliarde Dollar investiert. Um allerdings die Konkurrenzfähigkeit der Norilsker Produkte auf dem Weltmarkt zu erhalten, müssen nach Schätzungen in den nächsten zwei Jahren noch mindestens 3,3 Milliarden Dollar in die Sanierung der Produktion und die Erschließung der Erzbasis investiert werden. Derzeit werden einige Investitionsprojekte zusammen mit westlichen Partnern geprüft: Mit der Aktiengesellschaft Falconbridge sind gemeinsame geologische Untersuchungen des Vorkommens Srednje-Fokinskoje geplant, mit der Firma Outokumpu soll ein Gemeinschaftsunternehmen, die Aktiengesellschaft Polar Mining, zur Erschließung der Erzbasis des Bergbau- und Metallurgiekombinats Petschenaganikel gegründet werden, und mit dem Unternehmen Elkem das Gemeinschaftsunternehmen Norelko zur Nacherkundung und Erschließung des Chromlagers Soptscheoserskoje und zur Herstellung von Ferrochrom und Nirosta-Stahl im Kombinat Seweronikel.

Ein weiterer Erfolg besteht darin, daß Norilski Nikel heute für sein Überleben keine Anleihen mehr braucht. Nach der Umstrukturierung und den gegenseitigen Gutschriften der Schulden des Staates und der Aktiengesellschaft muß das Unternehmen jetzt nur noch das Verzugs- und Strafgeld für die Grundschulden bezahlen, wobei das Zahlungsziel auf zehn Jahre festgelegt wurde. Die Schulden beim Rentenfonds müssen innerhalb von fünfzehn Jahren abgetragen werden. Angesichts dieser Bedingungen konnte das Bergbau- und Metallurgiekombinat Norilsk erstmals in den vergangenen anderthalb Jahren die laufenden Steuern an den föderalen, den regionalen und den städtischen Haushalt bezahlen. Die Verdienste, die inzwischen um mehr als fünfzig Prozent angehoben wurden, werden ebenfalls regelmäßig ausgezahlt. Die Aktiengesellschaft zahlt übrigens einen Durchschnittslohn von etwa 4000 Rubel - im Landesdurchschnitt liegen die Löhne heute bei 870 Rubel.

Die Lohnschulden sind allerdings noch nicht vollständig beglichen, doch wurde die Verschuldung von vier auf einen Monat abgetragen. Diese Schwierigkeit erklärt sich dadurch, daß Norilski Nikel heute eine doppelte Zahlungslast tragen muß: Die Unternehmen, und das betrifft ganz besonders das Kombinat, müssen Steuern zahlen und zugleich den ganzen Sozialbereich der riesigen Industrieregion finanzieren.

Tote Last oder...

Ungeachtet der positiven Trends bleibt die Aktiengesellschaft Norilski Nikel nach wie vor in einer sehr schwierigen Finanz- und Wirtschaftslage. Ein Durchbruch kann nur erzielt werden, wenn es gelingt, die Kosten für den sozialen Bereich zu senken. Die Gründe der heutigen Krise des Unternehmens sind in Wirklichkeit nicht im finanzwirtschaftlichen oder im Produktionsbereich zu suchen, sondern eben im sozialpolitischen Bereich.

Es stimmt ohne Zweifel, daß die Geschäftsführung die Wirtschaftslage des Unternehmens einigermaßen verbessert hat: Die krisenhaften Entwicklungen in allen Bereichen wurden eingedämmt, die Ströme von Geld und Sachwerten werden kontrolliert, die Schulden gegenüber dem Haushalt und dem Sondervermögen sind umstrukturiert, und die ersten Schritte zur Einbindung ausländischen Kapitals sind getan. Die positiven Trends werden aber durch produktionsfremde Kosten mehr oder weniger neutralisiert. Gemäß der geltenden Gesetzgebung müssen die Unternehmen der Aktiengesellschaft riesige Summen - bis zu 4,5 Billionen (alte) Rubel im Jahr, was dem Erlös der Aktiengesellschaft von fünf Monaten entspricht - für den Unterhalt der Städte bereitstellen, in denen sie ansässig sind, und darüber hinaus noch Steuern bezahlen. Die Regierung kümmert sich bisher auch nicht um die Probleme der Versorgung der nördlichen Regionen sowie die Umsiedlung der Arbeitslosen und Erwerbsunfähigen aus dem Hohen Norden auf das „Festland". Diese Fragen sind aber im Prinzip nur auf föderaler Ebene lösbar. Die Regierung erfüllt nicht einmal die Bestimmungen, die sie selbst beschlossen hat.

1997 stellte Norilski Nikel aus seinem Gewinn zur Finanzierung von sozialen Einrichtungen, die übrigens in föderalem Eigentum sind, ungefähr 236 Millionen Dollar bereit. 700 Millionen Dollar wurden als Sozialleistungen aufgrund der Verbindlichkeiten des Staates ausbezahlt. Die sozialen Kosten in Norilsk gehen heute also in die Milliarden Rubel. Somit ist eine Situation entstanden, in der Norilski Nikel einerseits ein hochrentables Unternehmen ist, die Rentabilität andererseits aber infolge der Sozialkosten gleich Null ist.

Es ist geplant, daß die Unternehmen der Aktiengesellschaft die produktionsfremden Kosten bereits in diesem Jahr auf 220 Millionen Dollar senken. Auch künftig werden die Kindergärten mit mehr als tausend Dollar je Kind im Monat finanziert, die Heizkosten bezahlt sowie der Stadtverkehr und alle Kommunikationsmittel subventioniert, die Geschäftsführung rechnet jedoch trotzdem mit geringeren Kosten, weil die Mittel der Gesellschaft und demnach auch der Stadt effizienter eingesetzt werden. Zudem läuft in Norilsk eine Wohnraum- und Kommunalreform an. Warum soll das Kombinat denn beispielsweise ein städtisches Restaurant finanzieren, wenn dies ein Anliegen von Geschäftsleuten sein müßte? Die tatsächliche Lösung des Problems erfordert jedoch, die Objekte des sozialen und Wohnraumbereichs den regionalen Behörden zu übergeben.

Die Senkung der Nickel- und Kupferpreise auf dem Weltmarkt und die hohen Produktionskosten können immer noch zum Zusammenbruch von Norilski Nikel und der Stadt führen, zumal die Konkurrenten auf dem Weltmarkt derartige Kosten nicht zu tragen haben. Setzt der große Exodus aus Norilsk ein?

Ich möchte noch ein weiteres Problem ansprechen, nämlich die Umsiedlung. In der Industrieregion Norilsk leben heute um die 300000 Menschen, davon 11000 Arbeitslose und 37000 Rentner. In den Unternehmen sind nur etwa 130000 und im Produktionsbereich 40000 Arbeitskräfte beschäftigt. Mit der hohen Einwohnerzahl in der Region verliert aber die Produktion an Rentabilität, da die Lebenshaltungskosten in Norilsk 1800 Prozent höher sind als in anderen Landesteilen Rußlands. Unter diesen Umständen wäre die Umsiedlung der nicht arbeitenden Menschen auf das „Festland", wie die Landesteile, die nicht zum Hohen Norden gehören, genannt werden, die beste Lösung. Die Kosten für die Umsiedlung können aber selbst wohlhabende Einwohner nicht aus eigenen Rücklagen aufbringen, von den Rentnern ganz zu schweigen.

Die ONEXIMBank begann mit der Umsetzung eines Programms, das die Umsiedlung von 50000 Einwohnern aus Norilsk vorsieht. Die Kosten werden auf 500 Millionen Dollar geschätzt. An der Finanzierung beteiligt sich auch die Weltbank. Im Prinzip ist die Umsiedlung eine Aufgabe des russischen Staates, aber die föderalen Umsiedlungsprogramme funktionieren nicht, da sie einfach nicht aus dem Haushalt finanziert werden. Die Umsiedler bekommen von Norilski Nikel einen Ausgleich für den abgegebenen Wohnraum und zuzüglich etwa 25000 Rubel für die geleistete Arbeit. Diese Summe wird durch Urlaubsgeld und die Auszahlung der Lohnschulden ergänzt, so daß etwa 75000 Rubel zusammenkommen. Legt man noch eigene Mittel hinzu, kann man mit diesem Geld eine durchaus anständige Wohnung oder ein Haus irgendwo in Mittelrußland kaufen. Seltsamerweise wollen aber bei weitem nicht alle wegziehen, und sehr viele Umsiedler kehren auch wieder zurück. 1997 haben nur 250 Personen den Hohen Norden verlassen.

Über achtzig Prozent der Norilsker unterstützen heute den Vorschlag, das Einreiseverbot wieder einzuführen, die Stadt also zu schließen, wie es früher der Fall war. Nachdem Norilsk in den 80er Jahren geöffnet worden war, verschob sich das Verhältnis zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen gravierend. In die Stadt strömten alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern, Flüchtlinge aus dem Kaukasus und Zentralasien, die gar nicht die Absicht hatten, in der schwierigen Produktion zu arbeiten, sowie Arbeiter aus der Ukraine und Moldowa, die bereit waren, buchstäblich für Kopeken zu arbeiten.

Blick in die Zukunft

Die Geschäftsführung sieht die großen westlichen Finanzholdings als Vorbilder für die Aktiengesellschaft: Sie soll eine Gesellschaft sein, deren Aktien weltweit an den Börsen gehandelt werden, gerade auch weil die riesigen, qualitäts- und mengenmäßig einmaligen Ressourcen mindestens weitere fünfzig Jahre reichen werden. Die modernisierte Gesellschaft steht jedoch vor einer ernsten Aufgabe. Wenn die Kosten in den nächsten Jahren nicht massiv gesenkt werden, wird - unter Berücksichtigung der ungünstigen Prognose für Buntmetalle auf dem Weltmarkt in Zusammenhang mit der Verwirklichung einiger vor allem kanadischer Großprojekte und demnach sinkenden Preisen für diese Metalle - Norilski Nikel nicht nur seine Marktstellung und seinen Gewinn zu einem Großteil einbüßen, sondern Rußland möglicherweise sein Exportpotential für Nickel und andere Begleitmetalle verlieren.


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