Kultur


aus WOSTOK SPEZIAL: Aserbaidschan - Politik, Gesellschaft, Kultur
 
Aserbaidschan - seine Menschen , seine Traditionen [ Abstract ]
Aserbaidschan und seine Geschichte [ Abstract ]
Frauen in der Musik - persönliche Notizen [ Volltext ]
Teppiche als Symbol der Weltsicht des Volkes [ Abstract ]
Moderne Kunst - eine Bestandsaufnahme [ Abstract ]
Kultbauten in Aserbaidschan - eine Spurensuche [ Abstract ]

Spezial: Aserbaidschan - Politik, Gesellschaft, Kultur
"Land des Feuers"

In dieser Ausgabe befassen wir uns im Länderspezial mit Politik, Gesellschaft und Kultur in Aserbaidschan. Die Republik im Südkaukasus ist vor allem wegen ihrer Rohstoffvorräte im Blickfeld der Öffentlichkeit, aber neben Erdöl und Erdgas hat sie mehr zu bieten, und so blickt das Spezial in seinen Themen zu diesem seit altersher besidelten Landstrich am Kaspischen Meer über den Tag und das Erdöl hinaus.




Aserbaidschan - seine Menschen, seine Traditionen

von
Leila Husseinowa, Journalistin, Baku


Die Vielfalt der natürlichen Bedingungen gab die Ansiedlung und die Lebensbedingungen der aserbaidschanischen Bevölkerung vor. Die Republik ist die am dichtesten bevölkerte der drei Kaukasusrepubliken, doch die Besiedelung ist extrem uneinheitlich. Die Städte und Dörfer konzentrieren sich in den Flußtälern und Tiefebenen. Hier leben mehr als achtzig Prozent der Bewohner. Baku mit seinen Vorstädten ist ein Stadtmoloch von rund 2,5 Millionen Menschen. Die Berg- und Gebirgsregionen sowie die Salzsumpfgebiete sind hingegen sehr dünn besiedelt. Die Aserbaidschaner und die hier lebenden nationalen Minderheiten, unter denen die Lesginen, Russen, Talyschen und Armenier (in Nagorny Karabach) zu nennen sind, leben gemäß den alten Traditionen und haben sich viele ihrer Sitten und Bräuche bewahrt.
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Aserbaidschan und seine Geschichte

Leila Husseinowa, Journalistin, Baku

Die alte Moschee im Dorf Garahaglar in der Autonomen Republik Nachitschewan
 
Die Geschichte des Kaukasus und die Beziehungen seiner Völker untereinander sind kompliziert. Im Laufe der Jahrtausende existierten zwar einige wenige unabhängige Königreiche, aber die meiste Zeit war die Region von angrenzenden Großmächten beeinflußt oder beherrscht. Die Zeit der staatlichen Unabhängigkeit währte für alle drei südkaukasischen Republiken nur kurz - von 1918 bis 1920. Nach dem Zerfall der UdSSR und der Erlangung der Unabhängigkeit standen die Staaten vor der Aufgabe der Nationenbildung und der Entwicklung ihrer Staatlichkeit. So auch Aserbaidschan. Um die Prinzipien des neuen Staatswesens zu begründen, machte man sich daran, die eigene Geschichte zu erforschen und neu zu deuten.
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Frauen in der Musik - persönliche Notizen

Rachilja Gassanowa, Komponistin,
Musikpädagogin an der Staatlichen Musikakademie, Baku



 
Baku. 2003. Im Museum für Bildende Künste kommen bei einem Konzert zum 85. Geburtstag des Komponisten und Schostakowitsch-Schülers Kara Karajew Kompositionen seiner Schülerinnen zu Gehör. Auf dem Programm stehen Werke von Sewda Ibragimowa, Afag Dschafarowa, Nargis Schafijewa, Frangis Ali-Sade, Elnara Dadaschewa, zudem ein Opus von mir. Zwar lösen die Werke hitzige Diskussionen aus, doch allen wird klar: Aserbaidschan hat gute Komponistinnen. Nach dem Konzert frage ich mich, was die Welt wohl ohne die Wiegenlieder der Frauen, ohne ihre Erntelieder und Gesänge bei den Familienfesten wäre? Mir kommt das klassische Werk “Syair bahr annisa” (“Poem vom Meer der Frauen”) in den Sinn. Hier ist das Meer das Symbol der Frau, eines göttlichen Wesens.

New York. 1999. Mit großem Erfolg läuft am Broadway in der zweiten Spielzeit das Ballett “Lied Aserbaidschans” der bekannten aserbaidschanischen Komponistin Frangis Ali-Sade. Seit Jahren sind ihre Werke “Gabil-sajagy”, “Mugam-sajagy”, “Die Götter kommen aus dem Orient” (nach Versen von Johann Wolfgang Goethe und Nisami), “Macht der Schönheit” (nach Texten Alexander Puschkins), “Crossing-II” (für Sinfonieorchester), “Drei Aquarelle” (nach Texten von Nigjar Rafibeili) in den Konzertsälen der Welt zu hören. Der deutsche Choreograph I. Rörich arbeitet an der Inszenierung ihres Balletts “Grenzstadt”.

Baku. 2003. Der prunkvolle Konzertsaal im Palast der Republik. Endlich nach langer Pause der ersehnte Tag - ein Abend mit der Komponistin und Pianistin Frangis Ali-Sade. Auf der Bühne Orchester und Chor, der hervorragende Cellist Iwan Monigetti und der Dirigent Rauf Abdullajew. Aufgeführt werden “Crossing-II”, ein Oratorium und ein Cellokonzert. Mit ihrer ausdrucksstarken, dynamischen Musik erweckt Frangis Ali-Sade den Geist der Ahnen.

Baku. 1993. Mein erster eigener Konzertabend. Alle wundern sich über den Titel meines Werks “Nacht der Himmelfahrt”. Ausgedacht hat ihn mein Freund, ein Maler. Er kam zu den Proben, die Musik begeisterte ihn, sie sei reinigend und durchgeistigt. Auf dem Programm stehen zudem eine Klaviersonate, das Streichquartett Nr. 2, die Sinfonie für Orgel “Qeside”, “Dervis” für Streichquartett, Tenor und Baß.

Baku. 2003. In Gedanken bin ich wieder beim Jubiläumskonzert unseres großen Lehrers. Die Kompositionen meiner Kolleginnen beeindrucken mich durch ihre Strenge und Phantasie. Wie verschieden sie doch sind, im Leben und in der Kunst. Wie individuell ihre Werke sind, wie reich an Kolorit! Dabei ist es noch keine hundert Jahre her, daß es im Orient undenkbar war, daß eine Frau eine klassische Musikausbildung genoß und Komponistin wurde. Der Beruf des Komponisten im europäischen Sinn existiert in Aserbaidschan noch kein Jahrhundert.

Baku. 1921. Dank ungeheurer Anstrengungen von Useir Gadschibekow, einer wichtigen Person des aserbaidschanischen Musiklebens, öffnete das Bakuer Staatliche Konservatorium seine Pforten, und schon bald machten die ersten Komponistinnen von sich reden: Agabadscha Rsajewa (1912 bis 1975), Adela Gussein-Sade (1916), Schafiga Achundowa (1924), Elmira Nasirowa (1928) und Assa Sultanowa (1923). Ihre Lieder, Romanzen, kammermusikalischen und sinfonischen Werke bildeten die Höhepunkte zahlreicher Konzerte.

Baku.1974. Die Oper “Brautfelsen” von Schafiga Achundowa wird uraufgeführt. Als erste Frau versuchte sie sich in diesem überaus schweren Genre. Bis heute schreibt sie populäre Operetten, Lieder und Romanzen.

Gandscha. 1200. Die legendäre Dichterin und Musikerin Mechseti Gandschawi betört ihre Zuhörer mit der Schönheit der Form und der philosophischen Tiefe ihrer Verse, wobei sie sich selbst auf der Laute begleitet. Diese Tradition der gesanglichen Rezitation von Versen stammt aus dem Altertum, als die Mugi - die Mugi sind einer der ältesten Stämme auf dem Territorium Aserbaidschans und besiedelten das Gebiet der Mugan- und Mil-Ebene - bei ihren Ritualen in den Feuertempeln meditierten und dabei die “Gaty” (Gebetsverse) aus dem Awesta, der heiligen Schrift des Zoroastrismus, sangen. Ihre ungewöhnliche Weise zu musizieren, hat schon Herodot beschrieben. Fachleute meinen, daß diese Tradition des Verssingens auch in die aserbaidschanische Folklore eingegangen ist. Die Dichtungen von Mechseti Gandschawi waren im ganzen Orient berühmt. Die Künstlerin lud zu Dichterwettstreiten in ihr Haus ein. Omar Chaijam widmete ihr Verse.

Schuscha. 1832 bis 1897. In dieser schönen aserbaidschanischen Stadt lebte die im ganzen Orient bekannte Musikerin, Dichterin und Malerin Natawan Churschud-Banu Mechtigulu Chan Kysy. Noch heute vertonen Komponisten gerne ihre feinsinnigen lyrischen Ghaselen.

Schuscha. 1872. Schuscha ist Geburtsstadt vieler berühmter aserbaidschanischer Dichter und Musiker. Und die Stadt wird zu Recht als Konservatorium des Kaukasus bezeichnet wird. Hier schuf Natawan ihre bekannte Gedichtsammlung “Meclisi-üns”.

Baku. 2003. Das Konzert im Museum geht weiter. Der Beifall holt mich zurück in die Gegenwart. Er gilt Sewda Ibragimowa und ihren Stücken für Violine und Klavier. Ihre melodische Linienführung ist der Volksmusik entlehnt. Die Opern “Der Ring der Gerechtigkeit” und “Märchen meiner Großmutter” sind ihrer Feder entsprungen, zudem drei Klavierkonzerte, ein Konzert für Orgel und Orchester, Vokalisen für Stimme und Kammerorchester, zwei Streichquartette, der Liedzyklus “Meer, Himmel, Liebe”, das musikalische Porträt “Ich sehne mich nach dir, mein Schuscha” für Tara und Streichorchester.
Es erklangen die Klavierpräludien von Afag Dschafarowa, die immer Neues wagt, sei es das Konzert für Streichquartett und Sinfonieorchester oder der Liedzyklus “Rengler” (“Farben”) nach Versen verschiedener Dichter. Wie interessant und prägnant ist doch das Schaffen der Frauen, ungeachtet aller aus der Geschichte überkommenen moralischen und psychischen Barrieren. Niemand konnte ihren Geist brechen.

Baku. 2001. Zur Aufführung gelangt das Werk “Seiten meiner Gefühle” für eine Singstimme und Kammerorchester von Elnara Dadaschewa. Mit ihrer Musik unterstreicht sie den Inhalt der Verse. Doch arbeitet sie letztlich in allen Genres produktiv. Sie schrieb die Musik zum Ballett “Sajaly”, die Oper “Mechseti”, zudem kammermusikalische, instrumentale, vokale und sinfonische Werke. Und ihre Liebe gilt der Musik für Kinder.

Den Haag. 1994. Ein Konzertabend mit aserbaidschanischer Musik, bei dem unter anderem mein Werk “Sema” auf dem Programm steht. Ich ließ mich damals von der Philosophie der Skythen beeinflussen, die die Liebe in allem und zu allem favorisiert.

Baku. 1998. Von meiner Reise ins italienische Fiuggi - hier findet einmal im Jahr das Festival und Symposium “Donne in musica” (“Frauen in der Musik”) statt - beflügelt, erörtere ich mit meinen Künstlerkolleginnen die Idee, etwas ähnliches - “Qadinlar musiqide” - in Aserbaidschan auf die Beine zu stellen. Ich finde Zustimmung. Gemeinsam wollen wir uns um die Aufführung und Edition der besten Kindermusik bemühen, um die Erarbeitung von Lehrbüchern, denn fast alle Komponistinnen geben Unterricht. Mit sehr viel Initiative schalten sich Gjulbanis Abdullajewa und Adelja Jussifowa in unser Vorhaben ein.

Niederlande. 2000. Zwei sehr angenehme Neuigkeiten. Mein Werk “Sema” wurde ins Millennium-Konzert geistlicher Musik aufgenommen, und die wunderbare Pianistin Lisbeth Spitz hat meine Phantasie für Klavier “Alla meyhana” auf CD eingespielt. “Meyhana” ist ein auf Versrhythmen basierendes musikalisches Genre, das vorwiegend auf der Apscheronhalbinsel verbreitet ist. Inhaltlich reicht es von philosophischen und Liebesgedanken über Satire bis hin zur Wissenschaft und zu Witzen, wobei die Verse ohne Vorbereitung improvisiert werden.

Rom. 2000. Die aserbaidschanische Assoziation “Qadinlar musiqide” wird in die internationale Liga “Woman in music” aufgenommen. Meine Gitarrensonate kommt zur Aufführung und stößt auf großes Interesse.

Baku. 1970. Die Popularität der Lieder von Ruchangis Kassimowa und Elsa Ibragimowa in der Interpretation des un-übertrefflichen Raschid Beibutow erreicht ihren Höhepunkt.

Amsterdam. 1996. Premiere meiner Komposition “Pirebedil”, die inspiriert wurde von unseren mystischen Teppichornamenten und den feurigen Rhythmen aserbaidschanischer Dichtungen. Es spielt das niederländische Nieuwe Ensemble.

Baku. 2003. Ich lasse meinen Blick im Konzertsaal des Museums der Künste schweifen. Er bleibt am Nachwuchs - Studentinnen der Komponistenklasse - hängen. Einige von ihnen - Kjamalja Gassanowa, Chadidscha Seinalowa, Alija Mamedowa und Lala Dschafarowa - haben schon ernstzunehmende Werke geschaffen, die nicht nur in unserer Republik gespielt werden. Ich betrachte sie mit Stolz und Hoffnung.

Land des Feuers. Eines Tages, in uralten Zeiten, markierte die Frau ihre Wohnstätte mit magischen Zeichen, nahm in der Mitte des Raums ihr Kind auf den Arm, hob es hoch über den Kopf, vertrieb mit kehligen Lauten die bösen Geister - so entstanden die ersten, einfachen und monotonen Töne eines Wiegenliedes. Diese Zeichen finden Widerhall in den Teppichen, in ihnen steckt das Geheimnis jener Beschwörungen. Unsere Teppiche entstanden beim Summen der Wiegenlieder und Mugame.

Zu allen Zeiten galt die Frau in Aserbaidschan als Hüterin der Tradition, des Hauses und der Familie. Als Lebensspenderin wurde sie verehrt und umsorgt. Die schönsten poetischen Metaphern wurden ihr gewidmet. Bei fast allen Festen ist sie dabei. Sie sorgt für die Musik bei Hochzeiten, Beerdigungen und anderen Festlichkeiten. Der größte Teil unserer Gesangs- und Tanzfolklore wurde von Frauen geschaffen und wird von Frauen interpretiert.

Baku. 1989. “Olymp”, das Festival junger Komponisten. Aufgeführt wird meine Sinfonie Nr. 3 für zwei Streichquintette, zwei Waldhörner und Schlagzeuge. Ich höre jemanden die Worte sagen: “Ausgesprochen männliche Musik.” Lange überlegte ich, was das sein könnte, männliche Musik. Und was unterscheidet sie von weiblicher Musik? Männlich - bedeutet das gut? Ich würde Musik in interessante, inhaltsreiche und einfach schlechte einteilen.

Baku. 2003. Das Konzert im Museum geht zu Ende. Berge von Blumen, Gratulationen. Die jungen Frauen, die den größten Teil der Studierenden der Musikakademie zu Baku stellen, glauben an die Schöpferkraft der Frau, an ihre besondere Gefühlswelt und ihre besondere Einstellung zum Leben.
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Aserbaidschanische Teppiche - Symbole der Weltsicht des Volkes

Roja Tagijewa, Kunstwissenschaftlerin,
Direktorin des Staatlichen Museums für Teppiche
und angewandte Kunst, Baku



 

Die aserbaidschanischen Teppiche faszinieren den Betrachter durch die Kraft ihrer Symbole, die in verschlüsselter Form bestimmte Weltsichten und Wahrnehmungen des Volkes widerspiegeln. Nichts ist in der Komposition und der Farbwahl dem Zufall überlassen, alles folgt strengen Regeln, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben.
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Moderne Kunst in Aserbaidschan - eine Bestandsaufnahme

Leila Achund-Sade, Lehrstuhlinhaberin für Geschichte und Theorie der bildenden Kunst der Staatlichen Kunstakademie Aserbaidschans, Baku


 

Die aserbaidschanischen Teppiche faszinieren den Betrachter durch die Kraft ihrer Symbole, die in verschlüsselter Form bestimmte Weltsichten und Wahrnehmungen des Volkes widerspiegeln. Nichts ist in der Komposition und der Farbwahl dem Zufall überlassen, alles folgt strengen Regeln, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben.
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Kultbauten in Aserbaidschan - eine Spurensuche

Gadschi Fasil Mamedow, Doktor der Kunstwissenschaften, Baku


 

Im Laufe der Jahrhunderte prägten viele Religionen das Leben der Bevölkerung auf aserbaidschanischem Territorium. Davon zeugen die erhaltenen Kultgebäude, darunter zoroastristische Tempelanlagen, Moscheen, albanisch-christliche Kirchen, orthodoxe Gotteshäuser, katholische und protestantische Kirchen sowie Synagogen.
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