Wirtschaft

Probleme des Wirtschaftswachstums - verpaßte Chancen [ Abstract ]
Problemfall Landwirtschaft - wo liegen die Lösungen? [ Volltext ]

aus WOSTOK SPEZIAL: Usbekistan - Politik, Gesellschaft, Kultur
 
Probleme und Erfolge beim Umbau der Wirtschaft [ Abstract ]
Touristische Perle an der Seidenstraße [ Abstract ]

Probleme des Wirtschaftswachstums - verpaßte Chancen
von
Alexej Uljanow, Dozent am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen, Direktor des Wirtschaftsprogramms der Stiftung "Unterstützung der Entwicklung der Institute der Bürgergesellschaft", Moskau


Wie real ist das Wirtschaftswachstum in der Russischen Föderation tatsächlich? Nach dem Einbruch im August 1998 verzeichnen unterschiedliche Branchen der Volkswirtschaft und insbesondere die Exportbranche hohe Zuwächse. Aber gibt es auch eine nachhaltige Wirtschaftspolitik, die auf die langfristige Gesundung und die Stabilität der Wirtschaft abzielt? Dies stellen viele in Frage. Denn die hohen Einnahmen aus dem Export gelangen nicht als Investitionen in die einheimische Wirtschaft, sondern werden konsumiert oder ins Ausland transferiert.
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Problemfall Landwirtschaft - wo liegen die Lösungen?

von
Juri Durkot, Journalist, Lwiw


Traditionell war die Ukraine ein Agrarland und trug wesentlich zur Versorgung der gesamten Sowjetunion mit Agrarprodukten bei. Heute hat die Ukraine in einigen Bereichen Schwierigkeiten, den Eigenbedarf zu decken und ist auf Importe angewiesen. Seit 1999 schreitet die Privatisierung der Landwirtschaft voran. Die mangelnde Finanzierung aber führt weiter zum Produktionsrückgang, zu sinkender Rentabilität und zur weiteren Verschuldung der Landwirte.

Das zweite Jahr in Folge wird die ukrainische Landwirtschaft eine gute Ernte einfahren. Doch dies kann über die strukturellen Schwierigkeiten nicht hinwegtäuschen. Viele Probleme der Landwirte bleiben ungelöst. Denn sie brauchen vor allem zweierlei: billige Kredite und gute Technik.

Eine Nachtfahrt auf der Landstraße

In den heißen Sommermonaten ließ sich auf den ukrainischen Landstraßen ein seltsames Bild beobachten: immer wieder traf man auf sperrige Mähdrescher, die ratternd auf den eigenen vier Rädern von einer Region in die andere verlegt wurden. Oft waren sie nachts und ohne ausreichende Beleuchtung unterwegs und verursachten so mancherorts sogar schwere Unfälle. Der Grund für diese seltsamen Nachtfahrten war simpel - der Ukraine gehen die Mähdrescher aus.

Weniger als 60000 Mähdrescher waren in diesem Jahr im Einsatz - vor elf Jahren waren es noch doppelt so viele. Drei Viertel der Maschinen sind rollende Rostlauben und kaum noch einsatzfähig. Nur 5000 Mähdrescher sind ausländische Fabrikate mit hoher Produktivität. Im vergangenen Jahr hatte sich die Zahl der Mähdrescher noch einmal um acht Prozent verringert. Die Misere der ukrainischen Landwirte trat besonders deutlich bei den guten Ernten in den letzten beiden Jahren zutage - in einigen Regionen kam eine Maschine auf 400 Hektar zum Einsatz. Optimal wären hundert Hektar pro Maschine gewesen. So verliehen die Landwirtschaftsbetriebe die Maschinen untereinander.

Gute Ernte trotz Verschwendung

Wie im Jahr zuvor haben die Landwirte in diesem Jahr knapp vierzig Millionen Tonnen Getreide eingefahren, davon ungefähr zwanzig Millionen Tonnen Weizen. Zwar haben die ursprünglichen Prognosen für dieses Jahr lediglich bei 35 Millionen Tonnen gelegen, doch die guten Witterungsbedingungen im Sommer machten die Wiederholung des Rekordergebnisses vom Vorjahr möglich. Schon freut sich das Agrarministerium in Kiew über die künftigen Exporteinnahmen - das Hochwasser in Europa spielt den Ukrainern in die Hände. Die Prognosen für Getreideexporte werden nach oben korrigiert. War man ursprünglich von einem Ausfuhrvolumen von sieben Millionen Tonnen ausgegangen, will Kiew nun zumindest das Vorjahresergebnis wiederholen. Immerhin hat die Ukraine im Vorjahr laut Lieferantenangaben rund 9,1 Millionen Tonnen Getreide der eingefahrenen vierzig Millionen Tonnen exportiert.

Allerdings gibt die Situation nur auf den ersten Blick Anlaß zu Optimismus. Denn die Erträge bleiben mäßig und die Verluste sind enorm. Lediglich 28,5 Zentner pro Hektar haben die Landwirte im Durchschnitt geerntet. Die Branchenverbände sind der Meinung, daß die Ursachen dafür in den hohen Getreideverlusten zu suchen sind. Diese können laut Schätzungen des Vorsitzenden des Verbandes der Grundbesitzer Wolodimir Ananjew bei ungefähr zwanzig Millionen Tonnen liegen. Dies würde schlicht bedeuten, daß ein Drittel der Ernte auf den Feldern verfault. Vier von fünf Erntemaschinen sind veraltet und in einem schlechten technischen Zustand. Ihr Einsatz kann einen Verlust von bis zu fünfzig Prozent der Ernte verursachen. Probleme gibt es auch bei den fabrikneuen ukrainischen Maschinen. Die in Cherson produzierten Mähdrescher vom Typ Don ernten bereits im ersten Einsatzjahr nur 85 bis neunzig Prozent der Ernte, die ausländischen Importmodelle dagegen auch nach fünfzehnjährigem Einsatz 97 Prozent des Getreides, kritisiert Ananjew.

Krise in der Traditionsbranche

Auch die ukrainische Rübenwirtschaft und somit die Zuckerindustrie stecken seit Jahren in einer tiefen Krise. Zahlreiche der etwa 160 ukrainischen Fabriken wurden bereits im 19. Jahrhundert gebaut und in Betrieb genommen. Fast zwei Drittel davon müßten nach Expertenmeinung geschlossen werden. In diesem Jahr werden die einheimischen Unternehmen laut neuesten Schätzungen des Ministeriums für Agrarpolitik maximal 1,7 Millionen Tonnen Zucker produzieren. Die Zeiten, als das Land Zucker exportierte, sind längst vorbei. Nun geht es in erster Linie um die Deckung des Eigenbedarfs, der bei ungefähr zwei Millionen Tonnen jährlich liegt. Seit einigen Jahren importiert die Ukraine Rohzucker, zuletzt waren es rund 260000 Tonnen.

In der UdSSR entfielen sechzig Prozent der Zuckerproduktion auf die Ukraine. Doch seit der Unabhängigkeit ist die Rübenernte kontinuierlich gesunken, im Jahr 2000 lag sie bereits siebzig Prozent unter dem Niveau von 1990. Zudem sind die durchschnittlichen Erträge von 275 auf 176 Zentner pro Hektar zurückgegangen. Die meisten Fabriken schreiben rote Zahlen, die Verluste beliefen sich im vergangenen Jahr auf 600 Millionen Griwna (umgerechnet 120 Millionen Euro), mit 1,6 Milliarden Griwna (etwa 320 Millionen Euro) stehen die Unternehmen bei ihren Gläubigern in der Kreide.

Im Vorjahr schien sich die Situation langsam zu verbessern, doch für dieses Jahr mußte das Agrarministerium seine Prognose für die Zukkerrübenernte deutlich nach unten korrigieren. In Kiew geht man nun davon aus, daß die Ernte bei rund 16,9 Millionen Tonnen liegen wird, im Frühjahr waren noch 19,2 Millionen Tonnen prognostiziert worden. Trotzdem wird sie in diesem Jahr besser ausfallen als 2001, als die Landwirte 15,5 Millionen Tonnen Zuckerrüben einfuhren. Der Vorsitzende des Branchenverbandes Ukrzukor Mykola Jartschuk weist jedoch auf die witterungsbedingt schlechte Qualität der Rüben in diesem Jahr hin, zudem seien fünfzig bis sechzig Prozent der Flächen von Schädlingen befallen. "Auch die Zuckerqualität wird schlecht sein, rund die Hälfte der Produktion wird die Qualitätsstandards nicht erreichen", befand Jartschuk. Auch wenn eine spekulative Nachfrage und ein massiver Anstieg der Zuckerpreise kaum zu erwarten sind, rückt das Ziel, das Land aus der eigenen Produktion mit Zucker zu versorgen, vorerst in weite Ferne.

Von der Förderung zur Strukturreform

Bis Ende 1999 hat die Regierung in den Grundzügen die alte sowjetische planwirtschaftliche Politik fortgesetzt. Freilich fehlten der Ukraine die Mittel zur tatsächlich ausreichenden Subventionierung der Landwirtschaft, doch die staatliche Finanzierung führte dazu, daß unprofitable Landwirtschaftsunternehmen weiterhin produzieren konnten. Im Ergebnis verzeichnet die Ukraine eine rückläufige Produktion, eine sinkende Rentabilität und eine steigende Verschuldung.

Der erste Reformschritt kam erst im Dezember 1999 mit einem Erlaß von Präsident Kutschma über die Auflösung der alten Kolchosen. Die Etablierung marktwirtschaftlicher Mechanismen in der Landwirtschaft schreitet aber nur langsam voran. Obwohl mehr als sechs Millionen ukrainische Bauern das Recht auf eigene Parzellen erhalten hatten (durchschnittliche Größe 4,2 Hektar), hat bis Anfang September weniger als die Hälfte tatsächlich ihr Recht auf Eigentum an Grund und Boden wahrgenommen. Denn das Privatisierungszertifikat wird erst mit der Aushändigung der Urkunde wirksam, für die eine einmalige Abgabe von rund siebzig Griwna (vierzehn Euro) zu zahlen ist - für viele Bauern ist das ein Monatseinkommen.

Auch die Auflösung der knapp 11000 Kolchosen und die Gründung von ungefähr 13000 privaten Landwirtschaftsbetrieben, die diese ersetzten, hat die Probleme vorerst nicht gelöst. Oft handelte es sich bei der Reform lediglich um den Wechsel des Namens - die alten Kolchosdirektoren leiten die "neuen" Agrarbetriebe, und auch an den Arbeitsmethoden hat sich kaum etwas geändert.

Das neue Bodengesetz erlaubt offiziell den Erwerb von Grund und Boden ab dem Jahre 2005
 
Anders sieht es heute dagegen mit der Finanzierung aus. Zwar fehlten anfangs die notwendigen Finanzierungsmechanismen für die reformierten Betriebe, heute aber ist die ehemals direkte staatliche Vorleistungssubventionierung komplett auf private Kreditierung umgestellt. Die Regierung freut sich, daß die Landwirte im vergangenen Jahr für 5,6 Milliarden Griwna Kredite aufgenommen haben und in diesem Jahr das Kreditvolumen noch einmal gestiegen ist. Es ist aber teures Geld: obwohl die Zinssätze in den letzten Monaten gefallen sind, findet sich auch heute kaum eine Bank, die weniger als 25 Prozent Jahreszins verlangt, zu Jahresanfang lag der Zinssatz sogar bei 34 Prozent. Die Landwirte können solche Kredite kaum zurückzahlen. Deswegen setzt Kiew nun auf ein neues Subventionierungsmodell: einen Teil der Zinszahlungen übernimmt die Regierung direkt. Im Haushalt 2002 waren dafür rund 150 Millionen Griwna (dreißig Millionen Euro) eingeplant, dies bedeutet, daß der Staat neun Prozent des jeweiligen Zinssatzes zahlt, für den Rest müssen die Bauern selbst aufkommen.

Doch Experten weisen darauf hin, daß angesichts des fehlenden Hypothekenrechts die Situation auf Dauer kaum verbessert werden kann. Nur bei einer funktionierenden Hypothek können die Banken ihre Kredite wirklich absichern und dann auch das Geld billiger anbieten. Denn die Nachfrage ist riesig: neben der Finanzierung der Betriebe ist auch der enorme Modernisierungsbedarf des Maschinenparks zu berücksichtigen. Allein für Käufe von Landwirtschaftstechnik schätzt die Regierung den Finanzierungsbedarf auf sechzig Milliarden Griwna (zwölf Milliarden Euro). Die Produktion und die Verkaufszahlen der Maschinen hinken dagegen weit hinterher. Bestenfalls wird der künftige jährliche Absatz die Marke von fünf Milliarden Griwna (eine Milliarde Euro) erreichen, ist der für die Landwirtschaft zuständige Vizepremier Leonid Kosatschenko überzeugt. Die Modernisierung wird somit eine Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte bleiben.

Fachleute weisen darauf hin, daß die Regierung von der üblichen Praxis abrücken müsse, Einfluß auf die Preisbildung für Landwirtschaftstechnik zu nehmen. Auch eine direkte Finanzierung aus dem Haushalt ist für die Modernisierung des Maschinenparks kaum denkbar. Heute gewährt der Staat den Landwirten, die neue Maschinen aus ukrainischer Produktion kaufen, eine Subvention von dreißig Prozent. Viel wichtiger wäre jedoch, Haushaltsmittel in die Entwicklung moderner Technik zu investieren. Nur dann könnte der Anteil der Importe wirklich verringert werden.

Das neue Bodengesetz

Das vor knapp einem Jahr verabschiedete Bodengesetz erlaubt nach einer Moratoriumsphase offiziell den Verkauf von Grund und Boden ab dem Jahr 2005. Bis zum Jahr 2010 darf eine Person allerdings maximal hundert Hektar erwerben. Die Veräußerung landwirtschaftlich genutzter Flächen an Ausländer wird auch zukünftig nicht möglich sein. Ein Schlupfloch haben die Experten aber bereits entdeckt: Ausländer werden Grundstücke über Beteiligungen an Gemeinschaftsunternehmen kaufen können.

Trotz aller Einschränkungen wird allgemein erwartet, daß das Gesetz die Grundlage für die Entwicklung des Hypothekenrechts und damit für die künftige Finanzierung der Landwirtschaft schaffen wird.

In Erwartung eines freien Marktes sind in der Ukraine die Preise für landwirtschaftlich genutzte Flächen in den letzten Jahren deutlich angezogen. Seit 1995 ist der Hektarpreis im Durchschnitt von 300 auf 1500 Dollar gestiegen. Auch in den nächsten Jahren wird sich diese Tendenz wohl fortsetzen. Ein zu hoher Bodenpreis könnte jedoch die Agrarreform bremsen, warnen Experten. Die anderen geplanten Einschränkungen sollen dagegen für mehr Wettbewerb sorgen: Ein vom Staatskomitee für Bodenressourcen vorgelegter Gesetzentwurf sieht vor, daß eine natürliche oder juristische Person maximal ein Viertel der landwirtschaftlich genutzten Flächen in einem Verwaltungsbezirk kaufen darf. So will die Regierung verhindern, daß einzelne Personen beziehungsweise Unternehmen Monopolstellungen auf regionalen Märkten aufbauen. In der Praxis würde dies bedeuten, daß durchschnittlich der Erwerb von 10000 bis 12000 Hektar möglich sein wird.
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Großes Spezial: Usbekistan - Politik, Gesellschaft, Kultur

Das Weltinteresse, in dessen Mittelpunkt seit dem 11. September 2001 Afghanistan und Zentralasien gerückt waren, hat sich längst neuen Themen zugewandt. Für uns um so mehr ein Grund, das Spezial dieser Ausgabe einem direkten Nachbarn Afghanistans - der Republik Usbekistan - zu widmen. Das Länderspezial befaßt sich mit Fragen der innen- und Außenpolitik, doch auch Geschichte, Kunst und Kultur kommen nicht zu kurz.
(
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Probleme und Erfolge beim Umbau der Wirtschaft
von
Bachrom Scharipow, Aslam Akbarow, Mitarbeiter der usbekischen Nachrichtenagentur Dschachon, Taschkent


Die Industrie weist hohe Wachstumsraten auf
 
Usbekistan legt positive Wirtschaftskenndaten vor. Wachstumsraten in allen Branchen und insbesondere im die Volkswirtschaft immer noch dominierenden Landwirtschaftssektor, eine niedrige Inflationsrate, Steigerung der Realeinkommen, ein niedriges Haushaltsdefizit und ein stabiler Außenhandelsüberschuß. Große Anstrengungen sind weiterhin vonnöten, um von einer überwiegend landwirtschaftlich ausgerichteten Wirtschaft zu einer von einer modernen verarbeitenden Industrie geprägten Wirtschaft überzugehen. Erfolge sind beispielsweise bereits in der Baumwollindustrie zu verzeichnen. War Usbekistan zur Sowjetzeit ein fast reiner Exporteur von Baumwolle, so wird der Rohstoff mittlerweile zu 24 Prozent im eigenen Land verarbeitet. Auch die Privatisierung der Landwirtschaft ist zu einem Großteil bereits abgeschlossen. Für die Entwicklung seiner Wirtschaft will Usbekistan weitere Investitionen aus dem Ausland anlocken.
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Touristische Perle an der Seidenstraße

von
Bachram Scharipow, Mitarbeiter der Staatlichen Informationsagentur "Dschachon", Taschkent


Blick auf die Altstadt von Chiwa
 
Die alte Geschichte, die hochentwickelte Baukunst, die kulturellen Schätze, die atemberaubenden Vielfalt der Landschaften, die Gastfreundschaft der Usbeken - ja, Usbekistan bietet dem Reisenden vieles, was das Herz höher und schneller schlagen läßt. Die Tourismusbranche könnte einer der perspektivreichsten Sektoren der Wirtschaft sein - und so wird vieles getan, um Besucher ins Land zu locken.
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