Vorwort


Wir müssen uns von den Stereotypen befreien

Wjatscheslaw Gissatow,
Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Republik Kasachstan in Deutschland
Seit einem Jahr bin ich nun in meiner Eigenschaft als Botschafter der Republik Kasachstan in Deutschland und habe in dieser Zeit vor allem bemerkt, daß sich unsere Länder langsam von den gegenseitigen Stereotypen befreien. Von Stereotypen, die nicht erst heute und auch nicht gestern entstanden. Soweit ich dies beurteilen kann, ist Kasachstan für die einfachen Deutschen eine Nachfolgerepublik der UdSSR, die sich über ein riesiges Territorium erstreckt und dünn besiedelt ist, ein Land mit ausgedehnten Steppen, ein Land, das mit schwierigen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Problemen konfrontiert ist.

Für die einfachen Kasachstaner ist Deutschland ein reicher und gut situierter europäischer Staat, eine Art "gelobtes Land", in das Menschen, die gestern noch ihre Nachbarn waren - die ethnischen Deutschen -, auswandern. Solche Stereotype gestalteten sich Anfang der 90er Jahre heraus und haften immer noch im Bewußtsein vieler deutscher und kasachstanischer Bürger.

Das vorliegende Spezial soll den deutschen Lesern helfen, sich wenigstens teilweise von den alten Vorstellungen von unserem Land zu befreien. Kasachstan ist heute ein Staat, dessen Wirtschaft sich im Vergleich zu der anderer postsowjetischer Staaten besonders dynamisch entwickelt. Wir haben eine Marktwirtschaft aufgebaut und festigen heute ihre sozialen Elemente, indem wir in vielerlei Hinsicht das deutsche sozialorientierte Modell der Marktwirtschaft als Vorbild nehmen. Wir haben das beste Finanzsystem in der zentralasiatischen Region aufgebaut, das uns die erfolgreiche Einbindung in die Weltwirtschaft ermöglicht.

Ich muß allerdings anmerken, daß unsere Freunde im Westen, die voller Ungeduld auf eine entwickelte zivile Gesellschaft in Kasachstan und anderen Übergangsländern warten, nicht immer verstehen, daß es sich dabei um einen außerordentlich komplizierten und langwierigen Prozeß handelt. Man kann hinlänglich schnell das Banksystem kopieren. Man kann mehr oder weniger erfolgreich in kurzer Zeit die Wirtschaft privatisieren. Der Aufbau einer Bürgergesellschaft erfordert jedoch die Lebenszeit wenigstens einer Generation.

Das wichtigste Ergebnis der Entwicklung Kasachstans in den vergangenen zehn Jahren besteht darin, daß unsere Bürger politische und wirtschaftliche Freiheiten erlangten und im Lande Frieden und Einvernehmen herrschen. Unsere nächsten Ziele bestehen darin, Investitionen für die Wirtschaft anzuwerben und die schlecht bezahlten Bevölkerungsschichten zu unterstützen sowie die innere und äußere Sicherheit unseres Landes und unserer Bürger zu gewährleisten.

Zehn Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit können wir heute der Entwicklung von Wissenschaft und Bildung, dem Gesundheitswesen und dem Sozialbereich mehr Aufmerksamkeit schenken. Kasachstan hat es geschafft, sein Forschungspotential zu erhalten. Wir beteiligen uns an Weltraumprojekten und wollen auch weiter die Vorteile nutzen, die uns der Weltraumbahnhof Baikonur, das akademische Grundlagenforschungs-system und die wissenschaftlichen Beziehungen zu Rußland und Europa gewähren.

Als Diplomat und Bürger bin ich glücklich, daß sich Kasachstan an solchen Prinzipien wie Toleranz, Pluralismus, ethnische und kulturelle Vielfalt orientiert. Dies ist eben das, was Kasachstan Deutschland näher bringt. Ich freue mich auch darüber, daß unsere ehemaligen jetzt in Deutschland lebenden Bürger in ihrer Mehrheit die Beziehungen zu Kasachstan nicht abbrechen und eine Art Kultur- und Wirtschaftsbrücke zwischen unseren Völkern darstellen.

Während meiner Arbeit im Außenministerium Kasachstans beteiligte ich mich persönlich an der Gestaltung der Außenpolitik des jungen unabhängigen Staates. Kasachstan unternimmt immens große Anstrengungen, um die regionale und internationale Sicherheit zu festigen. Kasachstan war der erste Staat der Welt, der mit Semipalatinsk ein Atomtestgelände geschlossen hat. Kasachstan initiierte die Beratung für Zusammenarbeit und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien, eine Art asiatische OSZE. Unsere Anstrengungen waren erfolgreich: In wenigen Wochen findet in Almaty der erste Gipfel der Teilnehmerstaaten statt. Wir bemühen uns, gute nachbarschaftliche Beziehungen zu allen unseren Nachbarstaaten zu pflegen, und festigen die Institutionen der regionalen Kooperation nach dem Vorbild der Europäischen Union.

Kasachstan ist ein Land mit alter Kultur, alten Traditionen und moralischen Werten, ein Land, in dem talentierte und zielstrebige Menschen leben. Diese Faktoren halfen uns, in den letzten Jahren den schwierigen Weg zurückzulegen, und ich hoffe, daß sie uns auch weiter helfen werden. Natürlich haben wir noch sehr viele Probleme. Wir Kasachstaner sind bestrebt, diese Probleme zu lösen, und erleben hierbei die freundschaftliche Unterstützung anderer Länder, die aufrichtig mit uns sympathisieren. Als ein solches Land betrachten wir natürlich auch Deutschland.

Das Jahr 2001 ist nicht einfach ein Jubiläumsjahr für Kasachstan. Es hat auch eine wichtige Bedeutung für die kasachstanisch-deutschen Beziehungen. Außenminister Fischer besuchte im Mai unsere Republik, und im Oktober kommt Präsident Nasarbajew zu einem offiziellen Besuch nach Deutschland. Die Gespräche auf höchster Ebene werden sicherlich für die weitere Annäherung zwischen unseren Ländern auf vielen Gebieten förderlich sein.


Wjatscheslaw Gissatow,
Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Republik Kasachstan in Deutschland
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