Kontakte

Literarisch-musikalische Puschkin-Abende mit russischen Künstlern

Achtzehn Monate anders leben - Brief aus Sibirien


Literarisch-musikalische Puschkin-Abende mit russischen Künstlern

Die Deutsch-Russische Gesellschaft Rhein/Ruhr, der Deutsch-Russische Freundeskreis Fulda, die West-Ost-Gesellschaft Saarland, die Freundschaftsgesellschaft mit den Völkern des Ostens Sachsen-Anhalt sowie die Volkshochschule Bergisch Gladbach und das Stadttheater Emmerich veranstalten gemeinsam aus Anlaß des Puschkin-Jahres literarisch-musikalische Puschkin-Abende. Diese werden musikalisch gestaltet von Alexander Sudin, Bariton, begleitet von Konzertmeisterin Elina Sudina, beide Solisten der Philharmonie Wologda. Puschkin-Gedichte werden unter anderem in der Vertonung bekannter russischer Komponisten wie Glinka und Tschaikowski dargeboten. Die Einführung in Leben und Werk Puschkins und die Moderation übernimmt Frau Prof. Dr. Swetlana Kibardina, Prorektorin und Lehrstuhlleiterin für Germanistik, Universität Wologda.

Termine:

Donnerstag, 23. September, 18.30 Uhr
Villa Zanders, Bergisch Gladbach

Montag, 27. September, 20.00 Uhr
Aula der Alten Universität, Fulda

Mittwoch, 29. September, 19.30 Uhr
Volkshochschule, Bergisch Gladbach

Freitag, 1. Oktober, 15.30 Uhr
Seniorenheim Peter Landwehr,
Bergisch Gladbach

Sonntag, 3. Oktober, 17.00 Uhr
Schloß Borgheis, Emmerich

Dienstag, 5.Oktober
Rathaus-Festsaal, Saarbrücken

Freitag, 8. Oktober, 19.30 Uhr
Literaturhaus, Magdeburg

Samstag, 9. Oktober, 19.30 Uhr
Kulturfabrik, Haldensleben

Info: Deutsch-Russische Gesellschaft,c/o Walborg Schröder, Dünnwalder Weg 6, 51467 Bergisch Gladbach, Tel.: 02202/83014, Fax: 02202/85461


Achtzehn Monate anders leben - Brief aus Sibirien

Früher sorgte allein der Staat für das soziale Wohl seiner Bürger. Im Rußland von heute sind die Hilfsbedürftigen schutzlos.
Von September 1997 bis März 1999 lebten drei junge Deutsche in Nowosibirsk und leisteten ihren Zivilersatzdienst. Sie arbeiteten teils im Rahmen der Caritas, teils auf eigene Faust in verschiedenen Projekten, die sich mit Obdachlosen, Alten und Behinderten beschäftigten.

Die Winterwelt ist eine gleißend helle in weiß und in blau. Heute bin ich über den Ob gelaufen und habe den Eisfischern zugeschaut. Mit einem großen Handbohrer bohren sie ein kleines Loch ins Eis, dann sitzen sie stundenlang vor ihrer Schnur. Ein Fisch beißt an, die ziehen ihn als Licht, er zuckt noch zwei mal und erstarrt tiefgefroren. Dieses Weiß und Blau läßt mir keine Ruhe.

Kaum bin ich aufgewacht, sehe ich die verführerische schrägstehende Wintersonne hinter unserem Haus leuchten und kann ihrerer Versuchung nicht standhalten, steige in die Metro, fahre mit der Straßenbahn, um die sonnige Welt einzufangen und noch etwas für eine Frau im Altenheim zu erledigen. Sibirien ist für mich das Land des weiten strahlenden Winterhimmels. Nach zwei Stunden Fahrt und Fußmarsch durch endlose Neubausiedlungen finde ich endlich die Adresse Uliza Komsomolskaja 4, Wohnung 381, wo der Sohn einer Oma aus dem Altenheim wohnen soll. Nach zehn Minuten klingeln, zeigt sich ein schmieriger, neureich angehauchter Mann im Jogginanzug und als ich ihm sage, seine Mutter wünsche sich nichts mehr, als daß er sie an ihrem Geburtstag besuche, schlägt er mir die Tür vor der Nase zu.

Eine ganz alltägliche Begebenheit ...


Das Altenheim
Im Invaliden- und Altenheim des Städtchens Ob, das aus drei quadratischen Häuserblöcken besteht, wohnen ungefähr 500 Menschen. In der zweiten und dritten Etage leben jene, die sich noch selbst versorgen können: Jugendliche, aus dem Kinderheim von nebenan, die sich keine Wohnung leisten können, Behinderte und Alte. In der ersten Etage hausen die Pflegefälle, die auf Hilfe angewiesen sind, sie aber oft nicht erhalten.

Niemand kümmert sich um sie. Viele hoffen nur noch auf den Tod als Befreiung. Auf der Station, in der wir arbeiten, leben ungefähr sechzig Menschen - die meisten in engen Vierbettzimmern. Drei oder vier diensthabende Frauen, die für diese Arbeit nicht ausgebildet sind, bringen den Alten das Essen, wischen ab und zu, schreien schwerhörige Opas an und schlafen ansonsten die meiste Zeit in ihrem Dienstzimmer. Ihr geringes Gehalt bekommen sie oft nicht ausgezahlt.

In den achtzehn Monaten, die ich in Sibirien war, verbrachte ich jede Woche einige Tage auf der "Sterbestation", habe das Leben dort aus nächster Nähe kennengelernt und bin für einige sicher zu einem Sohn oder Enkel geworden. Die Lebensumstände sind sehr schwierig, doch nach den Worten des Direktors sind die Heimbewohner nicht zum Verleben ihrer letzten Jahre, sondern lediglich zum Sterben dort. Dieses Prinzip wird im Heimalltag offensichtlich, betrachtet man beispielsweise die Arbeit vieler Schwestern oder die gänzlich fehlende ärztliche Versorung. Doch leben kann man und muß man ...

Von einem langen kahlen Gang mit grün getünchten Wänden gehen die Türen zu den einzelnen Zimmern ab. Hinter der zweiten Tür links wohnen drei Frauen. Luisa ruft uns zu sich un öffnet vorsichtig ihren Nachttisch: ein Stück Brot, zwei, drei Schachteln mit Kram, ein paar Pappikonen, dann etwas in weiß-grün glänzendes Papier Eingewickeltes, auf dem geschrieben steht: Seba Med. Mit leuchtenden Augen holt die dicke alte Frau das Stück Seife aus der Verpackung, riecht daran und läßt auch mich riechen. Sie sagt, das sei das Abschiedsgeschenk von einem deutschen Freiwilligen, der vor zwei Jahren im Heim gearbeitet hat.

Nicht jeder hat solche Schätze zu offenbaren. Viele besitzen nichts außer einem löffel und einem Naßf.

Nina ist vor drei Tagen gestärzt und hängt jetzt ganz unglücklich im Bett. Sie hat diesen unglaublich verschmitzten Blick und das göttlichste zahnlose Lächeln der Welt. Im Zimmer gegenüber wohnt eine beinlose Alte, die von Kindheit an heimatlos auf Güterzügen durchs Land gezogen ist und wie die Männer ihre magere Rente in puren Industriesprit und Papirossi umsetzt.

Die Babuschka am Fenster, eine gute sorglose Seele, fragt uns, ob wir ihr ein Medikament für ihr Nervensystem mitbringen könnten. Sie zittert aus irgendeinem Grund am ganzen Körper und hat bis vor kurzem Tabletten gegen die Krankheit bekommen, die sich das Heim aber jetzt nicht mehr leisten kann. Offiziell hat uns der Direktor verboten, Medikamente zu verabreichen. Natürlich können wir uns gar nicht daran halten, den im Heim gibt es nicht mal die einfachsten Tabletten für fünzig Pfennig die Packung. Ludmilla ist meine Sonne in diesem Zimmer. Sie stahlt mich aus ihrem Bett an, ballt die Hände zu fäusten und sagt: "Du mußt hat sein, darfst nie aufgeben im Leben!" Mit riesiger Kraftanstrengung versuchen wir, die paar Schritte bis zum Waschbecken und zurück zu gehen. Bei ihr ist wie bei vielen anderen auch alles zwischen den Zahen wund und faulig. Wir haben jeden Tag einbalsamiert und verunden, war zur Folge hatte, daß es tatsächlich besser wurde.

Ludmilla dankt tausendmal, weint und bietet mir einen Apfel an. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt die große schwere Baba Natascha auf ihrem Bett und winkt mich zu sih. Zuerst die obligatorische Begrüßung jedes älteren Sibirjaken an Ausländer: "Friert ihr auch nicht?", der jedesmal die Aufzählung der erschlagend niedrigen Temperaturen des letzten Winters folgen (auf nichts in der Welt ist ein echter Sibirer so stolz wie auf die Kälte). Als ich versuche, sie zu ermutigen in ihr altes Zimmer zu ihrer Freundin Nadja zu gehen, meint sie nur trocken: "Wir werden uns schon noch früh genug auf dem Friedhof treffen..." und klopft sich laut lachend auf die Knie. Sie erzählt die Geschichte von einem Deutschen, der mal bei ihr auf dem Dort im Getränkekombinat gearbeitet hat und den sie einmal aus dem Wodkafaß ziehen mußte, nachdem die Männer die Früchte ihrer Arbeit genossen hatten und "besoffen wie die Hunde" waren.

Nach einer Weile konnte ich sie doch überzeugen, Nadja noch einmal im Diesseits zu besuchen, und schleppte ihre hundert Kilogramm den Gang entlang, bis sie glücklich auf Nadjas Bett sitzt. Die muß gleich heulen - und ich fast mit. Rührendes Bild - die große schwere Baba Natascha und die kleine spindeldürre Nadja auf einem Bett, wie sie sich darüber unterhalten, ob sie nun frieren sollen oder nicht.

Und so spielte das Leben Tag für Tag im russischen Altenheim...

Leider konnten wir nichts Grundlegendes an der Situation dort verändern, da die Schwestern ween monatelang ausbleibender Löhne unmotiviert waren und der Direktor andere Dinge zu tun hatte, als sich um die lästigen Alten zu kümmern. Da mußte die Villa fertig gebaut, der Urlaub der Frau (sie ist Chefärztin, obwohl ich sie nie bei den Kranken gesehen habe) in Paris finanziert under Jeep repariert werden. Aber wirkonnten den Alltag der Menschen ein wenig aufhellen, indem wir einfach nur für sie da waren und sie uns ihre Lebensgeschichten erzählen konnten. Wir organisierten Konzerte, stellten Blumenstöcke in viele Zimmer, brachten manchmal Geburtstagsgeschenke und Obst mit, kauften von Spendengeldern dringend benötigte Medikamente, halfen einfach in den tausen kleinen Dingen des Lebens.





Testen Sie WOSTOK unverbindlich im Probeabo!