Gesellschaft


Krise und Aussichten des Rentenystems
von
Pawel Kudjukin


Das Rentensystem in Rußland hat mit großen Defiziten zu kämpfen, die nur zum Teil auf fehlende Zahlungen des Staates zurückzuführen sind. Das Rentensystem muß also reformiert werden. In der Diskussion ist ein dreigliedriges Modell, dessen Schwerpunkt auf einem individuellen Ansparsystem liegt. Pawel Kudjukin ist wissenschaftlicher Oberassistent des Instituts für vergleichende Politologie der RAdW.

Das in Rußland bestehende Rentensystem wurde der Föderation in seinen Hauptzügen aus der sowjetischen Vergangenheit vererbt. Um das Rentensystem und seine Entwicklungsperspektiven besser zu verstehen, muß man kurz auf die Ausgangssituation eingehen. In den folgenden Ausführungen beziehe ich mich nur auf die Altersrenten, die zumeist Arbeitsrenten sind.

In der Rentenreform der Regierung ist ein dreigliedriges System mit dem Schwerpunkt auf der individuelle Rentenvorsorge vorgesehen
Formal wurden in der Sowjetunion die Renten aus den bei der Verwaltung der Gewerkschaften befindlichen Reserven der Sozialversicherung ausgezahlt. Quelle dieser Mittel waren bestimmte Anrechnungen auf den Lohnfonds, die in diese Reserven einflossen. Real waren jedoch die Sozialversicherungsausgaben Teil des Staatshaushalts, jedoch ohne daß es einen eigenständigen Haushalt der Sozialversicherung und -fürsorge gab. Das Rentenalter war mit 55 Jahren für Frauen und mit 60 Jahren für Männer bei einer Mindest- erwerbstätigkeit von zwanzig beziehungsweise 25 Jahren angesetzt.

Ein Großteil der Bürger ging jedoch bereits früher in Rente. Es waren Personen, die unter gesundheitsschädlichen Bedingungen oder extremen Klimaverhältnissen in den Gebieten des Hohen Nordens oder mit ihnen gleichgesetzten Gebieten gearbeitet hatten. Aus diesem Grunde lag das durchschnittliche Rentenalter tatsächlich bei 53 Jahren für Frauen und 57 Jahren für Männer. Die Höhe der Rente wurde auf Basis der Verdienste im letzten Arbeitsjahr oder, wenn der Arbeitnehmer dies wollte, auf Grundlage von beliebigen fünf aufeinanderfolgenden Arbeitsjahren errechnet. Meistens wurden die Verdienste im letzten Arbeitsjahr zugrunde gelegt. Die Rente Belief sich (je nach Höhe des Verdienstes) auf fünfzig bis 85 Prozent des durchschnittlichen Monatslohnes der zugrundegelegten Arbeitszeit. Sie durfte allerdings den Höchstbetrag, der bei etwa siebzig Prozent des durchschnittlichen Monatseinkommens im Lande lag, nicht überschreiten.

Insgesamt war das sowjetische Rentensystem also ein typisches Beispiel des "solidarischen" (verteilungsbezogenen) Rentenversorgungssystems, das heißt die Renten für Menschen im nicht mehr arbeitsfähigen Alter wurden aus den Abführungen der Erwerbstätigen bezahlt. Dieses System funktionierte aufgrund des verhältnismäßig hohen Anteils junger Menschen an der Bevölkerung der UdSSR und dem günstigen Verhältnis von Erwerbsfähigen und Rentnern relativ gut. Da zudem beinahe 33 Prozent der Rentner auch nach Erreichen des Rentenalters weiterhin berufstätig waren, finanzierten sie ihre Renten zum Teil sogar selbst.


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