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Auf dem Weg nach Europa - an der Grenze zu Schengen [ Volltext ]
Ein hochkomplexes Thema: Zwangsarbeit in Rheinland und Westfalen [ Abstract ]
Sehnsucht nach dem roten Wasserholunder [ Abstract ]

Auf dem Weg nach Europa - an der Grenze zu Schengen
von
Juri Durkot, Journalist, Lwiw


Bald ist es soweit, dann werden die Ukrainer ebenso wie die Russen und die Belarussen für die Einreise nach Polen ein Visum vorlegen müssen. An den Grenzübergängen wurde bereits heftig gebaut: groß und modern und schön werden sie. So richtig kommt der transeuropäische Verkehrskorridor von Berlin über Krakau und Lwiw nach Kiew allerdings nicht voran - denn nicht nur Visa, sondern auch lustlose Beamte verhindern den bequemen Grenzübertritt.

Schon bald werden sich die Ukrainer darauf einstellen müssen, daß sie für ihre Einreise nach Polen ein Visum benötigen werden. Viele Bewohner der Grenzregionen sehen darin eine ernste Bedrohung für ihren grenzüberschreitenden Kleinhandel. Doch das Chaos hat bereits begonnen.

Ein moderner Grenzübergang?

Am Ende einer etwa siebzig Kilometer langen Straße von Lwiw nach Krakowez hat sich eine Schlange gebildet. Sie ist kaum 800 Meter lang, und man sieht hinter dem neugestrichenen Zaun schon den Grenzübergang - den modernsten in der Ukraine. Für Kleinhändler aus den ukrainischen Grenzregionen - gerade sie bilden mit ihren alten Moskwitschs und Ladas ja die Schlange - ist Krakowez hier in der westlichen Ukraine aber nicht schlimmer und nicht besser als jeder andere Grenzübergang nach Polen. Sie wissen nicht allzu viel über das zusammenwachsende Europa, über die Europäische Union oder über die ukrainischen außenpolitischen Prioritäten. Europa beginnt und endet für sie im ersten Einkaufsmarkt jenseits der Grenze. Der Grenzübergang ist für sie ein Tor, nicht gerade ein Tor nach Europa, so romantisch sind sie gar nicht, aber ein Tor zum Überleben. Denn die Arbeitslosigkeit wächst in der Westukraine, insbesondere in den ländlichen Gebieten ist kaum noch Arbeit zu finden. Die offiziellen Statistiken sprechen von einer Arbeitslosenquote von nur vier bis fünf Prozent, die Realität sieht anders aus. In der Tat dürften mehr als zwanzig Prozent der erwerbsfähigen Ukrainer ohne Arbeit sein, das Zentrum für Wirtschafts- und Politikstudien in Kiew schätzt die Arbeitslosenquote sogar auf knapp 35 Prozent. So bleiben für viele nur zwei Möglichkeiten: entweder der kleine grenzüberschreitende Handel oder die - in der Regel illegale - Arbeit im Ausland. Beinahe in jeder Familie arbeitet jemand in Polen oder einem anderen europäischen Land. Hier schleift der Familienvater Marmorsteine in Portugal, dort ist der Sohn als Bauarbeiter in Tschechien tätig, da arbeitet die Mutter als Haushaltshilfe in Italien und hier hilft der Sohn einem griechischen Bauern bei der Ernte. Auch Spanien steht ganz oben auf der Liste der ukrainischen Gastarbeiter, deren Gesamtzahl auf anderthalb Millionen geschätzt wird.

Die Menschen hier in der Schlange am Grenzübergang Krakowez haben einen anderen Job. Sie müssen zum Einkauf über die Grenze. Bau- und Supermärkte sind die beliebtesten Ziele. Dabei ist diese Schlange ihr erstes Hindernis. Im Normalfall wäre dies eine Sache von einer, maximal zwei Stunden Wartezeit, doch hat die Schlange ein entscheidendes Manko - sie bewegt sich nicht.

Wir befinden uns in wüstenähnlicher Landschaft - die Straßenränder sind mit Plastikflaschen, Tüten und sonstigem Müll übersät. Der Wind wirbelt den ganzen Unrat zusammen mit dem Staub in die Luft. Ich fahre an der Schlange vorbei. Hier soll bald eine Autobahn gebaut werden, die Strecke führt von Berlin über Krakau und Lwiw nach Kiew und ist Teil des transeuropäischen Verkehrskorridors. Bis 2006 soll der erste Abschnitt zwischen Krakowez und Lwiw fertiggestellt sein. Ein internationales Bieterkonsortium hat für die zukünftige Mautstrekke den Zuschlag bekommen. Es tut sich aber nichts, von Bauarbeiten keine Spur. Nur die Löcher in der Straße wurden nach dem letzten Winter geflickt, jetzt, ein halbes Jahr später, sind sie wieder da. Für den Bau der Autobahn fehlt das Geld, auch das Konsortium hat keines, wird gemunkelt. Die Baukosten für den siebzig Kilometer langen Abschnitt sollen sich auf immerhin rund neunzig Millionen Dollar belaufen.

Endlich bin ich am Tor. Als der Grenzbeamte meinen Presseausweis sieht, winkt er mir ziemlich freundlich zu und läßt mich durch. Der Grenzübergang Krakowez - achtspurig, abgefertigt wird heute aber nur auf zweien - läßt grüßen. Hier stehen die Autos in zwei Reihen, von denen sich keine bewegt. Ich fahre so nah wie möglich an das Zollhäuschen heran, nehme meine Papiere und gehe zum Zoll. Dort sitzen drei offensichtlich desinteressierte junge Zöllnerinnen, keine rührt sich. Gelangweilt sind sie und können das Schichtende kaum erwarten. Das Geschäft ruht. Nein, helfen können sie mir nicht, ich soll zu einem anderen Häuschen laufen, dort sitzt wohl ein Halbvorgesetzter. Ich treffe auf zwei weitere Zollbeamte, der eine telefoniert gerade per Handy - ein schmales glitzerndes Ding, das neueste Modell, versteht sich.

Ich gebe ihm meinen Presseausweis, erkläre, daß ich auf Dienstreise nach Deutschland bin, und bitte, mich durchzulassen. Der bullige Handyfreak stellt sich quer - wir sind keine Hilfsorganisation, wir sind für Kontrollen da. Kein Durchlaß also für Journalisten, nur für Abgeordnete und Diplomaten. Und die Polen lassen sowieso niemanden durch. Meine Argumente lassen ihn kalt, so frage ich ihn, wo sein Chef zu finden ist. Er blickt mich irritiert an - immer noch halb auf dem Stuhl liegend: der Chef sei bereits nach Hause gegangen, ansonsten könne ich ihn ja selbst suchen.

Ich gehe in das Verwaltungsgebäude. Die Riesenhalle empfängt mich mit gähnender Leere. Sie wurde für die Abfertigung der Busreisenden gebaut, doch habe ich den Eindruck, daß hier bislang noch niemand abgefertigt wurde. Der ukrainische und der polnische Präsident waren allerdings schon einmal da - bei der Einweihung. Heute ist der Hall meiner Schritte das einzige Geräusch in dieser Monsterhalle. Ein bedrückendes Gefühl, der Mensch soll sich hier wohl klein fühlen, man kann sich auf den zwei Etagen mit verschlossenen Türen verlieren. Schließlich finde ich die richtige Tür. Der Chef ist da, sitzt gerade vor dem Fernseher. Er zeigt sich immerhin freundlich, und nach einem genauen Studium meines Presseausweises und meiner Papiere greift er zum Hörer. Als ich aus dem Gebäude herauskomme, winken mir die Damen und Herren vom Zoll lächelnd zu. Ein jeder will plötzlich meinen Durchlaßzettel abstempeln. Nur der Bullige ist nirgendwo zu sehen. Ein Blick auf die Uhr - das Hin- und Herlaufen hat knapp eine halbe Stunde gedauert.

Bald kommt die Visumspflicht

Ich fahre weiter. Doch wer denkt, daß er mit Verlassen des Raumes der postkommunistischen Mentalität auch die schlimmsten Probleme hinter sich hat, der irrt gewaltig. Nun beginnt Schengen - heute noch nicht, vielleicht erst in einigen Wochen oder Monaten. Die polnische Seite ist nach eigenen Angaben nicht bereit, Visa direkt an der Grenze auszustellen. Hat sich schon irgend jemand Gedanken darüber gemacht, wie es wohl vor dem Konsulat in Lwiw nach Einführung der Visumspflicht zugehen wird? Immerhin kommen rund zweieinhalb Millionen Ukrainer jährlich nach Polen. Ein ranghoher Beamter aus der Präsidialadministration in Warschau wußte vor wenigen Wochen nichts besseres zu sagen als, daß in den ersten Tagen nach Einführung der Visumspflicht die Schlangen an der Grenze verschwinden werden. Natürlich werden sie verschwinden: kaum jemand wird so schnell ein Visum bekommen. Eine Horrorvision für Europa - Schengen plus kommunistische Mentalität.

Ja gut, polnische Visa für Ukrainer sollen im Gegensatz zu denen für Russen und Belarussen in vielen Fällen kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr ausgestellt werden. Laut einer Regierungsvereinbarung sollen dafür Polen im Gegenzug weiterhin ohne Visum in die Ukraine einreisen dürfen. Doch viele Kleinhändler haben Angst um ihre Existenz. "Um unsere Probleme kümmert sich Kiew nicht, ich habe aber keine andere Möglichkeit, meine Familie zu ernähren", schimpft der 30jährige Petro. Heute fährt er mit seinem alten VW-Passat nach Polen, um Rohre für Heiz- und Wasserinstallationen zu laden, die er anschließend an einen Händler in Lwiw weiterverkauft. Früher konnte er drei bis vier Fahrten am Tag machen, jetzt schafft er vielleicht noch eine oder zwei. "Wenn ich das Visum nicht bekomme, weiß ich nicht, wie es weitergehen soll", zeigt er sich besorgt.

Immer mehr Sorgen kommen auch jenseits der Grenze auf. Denn die Wirtschaft in den ostpolnischen Regionen hat sich inzwischen völlig auf den ukrainischen Markt orientiert. Man befürchtet einen drastischen Einbruch beim Handel, wenn die Kunden wegbleiben: die Wirtschaftslage in Polen ist auch nicht besonders gut, die Arbeitslosigkeit ist mit knapp zwanzig Prozent hoch. Wie es vielleicht weitergehen wird - da steht das Beispiel der Slowakei vor Augen: nach Einführung der Visumspflicht für Ukrainer vor einigen Jahren ist der grenzüberschreitende Verkehr um mehr als die Hälfte eingebrochen.

Kaum hundert Meter weiter muß ich wieder anhalten. Hier gibt es keinen Weg vorbei, alles ist voll mit Autos. Die Polen lassen tatsächlich kaum jemanden durch. Ich steige wieder aus und gehe zu Fuß auf die polnische Seite - niemand ist weit und breit zu sehen. Ich betrete das Verwaltungsgebäude - zumindest ist es auf polnischer Seite viel kompakter als auf ukrainischer -, da kommt auch schon ein Grenzbeamter auf mich zu. Er reagiert freundlich auf meinen Presseausweis: "Wenn Sie mit ihrem Wagen durchkommen, lassen wir Sie durch." Nur - ich kann eben nicht durchkommen. "Warum dauert denn die Abfertigung so lange?" "Da müssen Sie die Zöllner fragen." Von denen scheint aber niemand da zu sein. "Übrigens dürfen Sie hier nicht so einfach herumlaufen", grinst mich der Pole an. Ich grinse zurück und gehe zum Auto. Wieder eine halbe Stunde vergangen.

Plötzlich kommt Bewegung in die Schlange. Die Polen öffnen eine dritte Spur - doch es dauert immer noch eine weitere Stunde, bis ich aus der Schlange herauskann. Ich fahre bis zu einer Mülltonne, die eine Spur blockiert, und trete auf einen Grenzbeamten zu.

Im Vorbeigehen höre ich von einer Frau, daß sie auf die Toilette will - die WCs sind jedoch auf der polnischen Seite. "Sie müssen warten", wird sie schroff abgewiesen.

"Mich interessieren die Pkw nicht, ich muß jetzt einen Lkw abfertigen", schimpft ein polnischer Zöllner. "Dann fahre ich eben weiter." "Gut, öffnen Sie bitte den Kofferraum."

Nach zwei Stunden habe ich die Grenze hinter mir. Der alte Lada mit Lwiwer Kennzeichen, der vor mir fährt, hat vielleicht sieben oder acht Stunden gebraucht. Die gegenüberliegende Straßenseite ist gleich hinter dem Korczowa-Schild - so heißt der Ort auf polnischer Seite - mit Lkws vollgestopft. Manche stehen schon seit Tagen hier. Die meisten Fahrer sind längst weg. Sie sitzen zu Hause in irgendeiner ukrainischen Grenzgemeinde, warten auf die Freigabe. Es kann Wochen dauern - denn der Sinn der ganzen Sache besteht darin, die in Polen eingekauften Waren in die Ukraine zu bringen, ohne die offiziellen Zollgebühren zu zahlen. In dieser Grauzone funktioniert heute ein großer Teil der ukrainischen Wirtschaft. Experten schätzen, daß mindestens die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes in der Schattenwirtschaft entsteht. Dabei sind die illegalen Importe nur ein Teil des Systems.

Der Lada vor mir biegt nach kaum 200 Metern links ab. Hier findet sich ein Markt mit zahlreichen Kiosken, in denen allerlei Ramsch verkauft wird. Der Lada-Fahrer hat sein Europa bereits gefunden.
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Ein hochkomplexes Thema: Zwangsarbeit in Rheinland und Westfalen

von
Wolfgang Schriek, Gymnasiallehrer, begleitete als Übersetzer die ukrainische Gruppe von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen in Hamm


Die Zwangsarbeiter im Maximilianpark 1. Die Zeche "Maximilian" war Sammellager für "Ostarbeiter"
 
Fünf ehemalige Zwangsarbeiter aus der Ukraine hielten sich auf Einladung einer privaten Zwangsarbeiterinitiative im westfälischen Hamm auf. Neben Besuchen von Schulen und Museen sowie Treffen mit offiziellen Vertretern der Stadt stand auch die Ausstellung "Zwangsarbeit in Hamm 1939-1945" auf dem Programm. Die Ausstellung macht den Besucher betroffen, zeigt aber auch, daß bei der lokalen Aufarbeitung der Zwangsarbeitergeschichte noch etliche weiße Flecken bleiben.
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Sehnsucht nach dem roten Wasserholunder

von
Olena Syromyatnikowa, München


Gebäude der Ukrainischen Freien Universität
 
Viele Ukrainer haben ihre Heimat nach dem Erhalt der Unabhängigkeit im Jahre 1991 verlassen. Sie flüchteten häufig vor allem vor den wirtschaftlichen Schwierigkeiten. In Deutschland treffen sie auf diejenigen, die die Ukraine während und nach dem zweiten Weltkrieg verlassen haben, weil das Land keine "sloboda" - keine unabhängige - Ukraine werden konnte. In der Diaspora sind alle mit denselben Problemen konfrontiert, das schmiedet die Menschen zusammen. Die Gemeinde in München und Freising zählt zwischen 2000 und 3000 Ukrainer.
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