Gesellschaft

Zehn Reformjahre - Wiedergewinnung des Gleichgewichts [ Abstract ]
Frauen und Politik im modernen Rußland [ Volltext ]
"Selbsterkenntnis" - ein Schulfach zum "leben lernen" [ Abstract ]
Bringen die Bildungsreformen mehr Chancengleichheit? [ Abstract ]
Das tadschikische Bildungswesen im Umbruch [ Abstract ]
Eiscreme, um den Winter zu versüßen [ Abstract ]
Die russische Hauptstadt und ihre Unterwelt [ Abstract ]
Deutsche Kaufleute am Rande des Russischen Reiches [ Volltext ]

Zehn Reformjahre - Wiedergewinnung des Gleichgewichts
von
Wladimir Petuchow, Leiter der Abteilung zur Analyse sozialpolitischer Prozesse am Institut für komplexe Sozialstudien bei der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau


Zehn Jahre Reformen in Rußland haben das Leben der Bevölkerung radikal verändert. Verlust der Supermachtstellung und sinkende Autorität des Landes in der Welt, der Verfall einst führender Industriezweige, ein Mangel an Ordnung, Verlust von Zukunftssicherheit und Geborgenheitsgefühl, Verfall der Sitten und nicht zuletzt die Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer der Reformen - dies sind nur einige Auswirkungen, mit denen die Bevölkerung klarkommen muß. Insgesamt gibt es aus Sicht der Bevölkerung Anlaß zu ein wenig Optimismus. Die Talsohle scheint durchschritten, man hat sich angepaßt und irgendwie eingerichtet.
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Frauen und Politik im modernen Rußland

von
Wladimir Petuchow, Leiter der Abteilung zur Analyse sozialpolitischer Prozesse am Institut für komplexe Sozialstudien bei der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau


In der russischen Politik sieht man heute vergleichsweise wenige Frauen. Auf der Woge der Perestroikaeuphorie hatten sich viele Frauen politisch engagiert, und im Parlament gab es eine eigene Frauenfraktion. Heute sind Frauen in der Politik kaum noch präsent und auch Frauen-NGOs erreichen nur wenige. Eine Studie der Russischen Akademie der Wissenschaften belegt, daß viele Frauen vor allem im alltäglichen Überlebenskampf Unterstützung suchen und dabei wenig Hoffnung auf die Politik setzen.

Auf der Woge der Perestroika- und der Postperestroikaeuphorie Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre hatten sich viele Frauen in die russische Politik eingeschaltet. Teilweise besetzten sie Schlüsselpositionen in den obersten Machtetagen und waren in der Duma mit der Fraktion "Frauen Rußlands" vertreten. Aber Ende der 90er Jahre ebbte die politische und gesellschaftliche Aktivität von Frauen wieder ab. Es stellt sich die Frage: Läßt sich die "Entpolitisierung" der Frauen dadurch erklären, daß sie neue Möglichkeiten zur Vertretung und Durchsetzung ihrer ureigenen Interessen haben und es eine "Pluralisierung" ihrer Aktivitäten nicht nur in der Politik, sondern auch in Beruf, Ausbildung, sozialem und privatem Leben gibt? Oder gibt es einfach eine geschlechtliche Diskriminierung, die Frauen aus dem aktiven politischen Leben herausgedrängt hat?

Die Ergebnisse der landesweiten Studie "Frauen im neuen Rußland", die das Institut für komplexe Sozialforschungen der Russischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt hat, belegen, daß Frauen - so merkwürdig dies auch klingen mag - beide Fragen mit Ja beantworten.

Einerseits glauben sie in ihrer Mehrheit - 45,8 Prozent gegenüber 29,3 Prozent -, daß die Möglichkeiten von Frauen, sich im Geschäftsleben, in der politischen und gesellschaftlichen Tätigkeit zu verwirklichen, heute wesentlich größer sind. In keinem anderen Bereich, weder der Ausbildung noch der Arbeitssuche oder auch der Hauhaltsführung, sehen so viele Frauen bessere Möglichkeiten als in diesem Bereich (siehe Tabelle 1).


Andererseits stellen die befragten Frauen praktisch im gleichen Verhältnis, nämlich 52,7 Prozent gegenüber 24,9 Prozent, fest, daß Männer bezogen auf eine aktive politische Tätigkeit unverändert sehr viel mehr Rechte und Möglichkeiten besitzen. Auch hätten sie im Vergleich zu Frauen deutlich bessere Chancen, einen Arbeitsplatz entsprechend ihrer beruflichen Ausbildung zu finden. Zudem ist man nach Ansicht der Befragten heute immer noch weit davon entfernt, gleiche Löhne für gleiche Arbeit zu zahlen (siehe Tabelle 2).


Dieser Widerspruch erklärt sich vor allem dadurch, daß die Frauen zwar anerkennen, daß sie mehr Möglichkeiten haben, dies in der Praxis aber noch lange nicht bedeutet, daß sie diese auch automatisch wahrnehmen. Die Mehrheit der Frauen glaubt in der Tat, daß es in Rußland heute formal keine Einschränkungen hinsichtlich einer breiten Teilnahme von Frauen am öffentlichen und politischen Leben und somit auch keine politische geschlechtliche Diskriminierung gibt. Andererseits verweisen die Frauen auf zahlreiche Probleme in ihrem Alltagsleben, die die Politik und die gesellschaftliche Tätigkeit zwangsläufig in den Hintergrund treten lassen. Eine politische oder berufliche Karriere gehört beispielsweise für 44 Prozent der befragten Frauen weder jetzt noch in Zukunft zu den lebensbestimmenden Plänen. Nur 5,5 Prozent der Befragten gaben an, daß sie eine politische oder berufliche Karriere gemacht haben. 25,7 Prozent stellten fest, sie könnten eine Karriere in diesen Bereichen machen, wenn sie dies wünschten. Etwa genauso viele, nämlich 23,5 Prozent, glauben, daß sie unter keinen Umständen erfolgreich aufsteigen können.

Die Feststellung, daß Männer im Vergleich zu Frauen deutlich mehr Möglichkeiten einer Teilnahme am politischen Leben haben, erklärt sich allem Anschein nach auch durch die deutliche Erkenntnis dessen, daß die Politik im heutigen Rußland in hohem Maße Macht-, Finanz- und Verwaltungsressourcen voraussetzt.

Die ungleichmäßige Verteilung dieser Ressourcen bietet Frauen deutlich schlechtere Bedingungen im politischen Konkurrenzkampf. Und daher finden sich nur wenige Frauen, die sich trotzdem erfolgreich durchsetzen können. Sie haben oft charakterliche und professionelle Eigenschaften, die nicht unbedingt positive Gefühle wecken, übrigens auch bei Frauen nicht. So stehen viele Frauen Berufspolitikerinnen sehr kritisch gegenüber.

Dadurch erklären sich wiederum in gewissem Maße die zurückhaltenden Einschätzungen über den Sinn und die Richtigkeit von Frauenquoten in Parlamenten und Verwaltungen, deren Einführung in letzter Zeit von einigen Frauenorganisationen und Politikern gefordert wird. Für eine Frauenquote in der Staatsduma oder in der Regierung, die in etwa dem Bevölkerungsanteil von Frauen (dieser liegt bei etwa fünfzig Prozent) entsprechen würde, sprachen sich 24,15 Prozent der Befragten aus. 20,6 Prozent wollen dies nicht, und mehr als vierzig Prozent gaben an, daß dieses Verhältnis belanglos sei (siehe Tabelle 3).


Bei ihrer Bewertung der Quotenidee scheinen doch viele Frauen an die Praktiken der sowjetischen Zeit zurückzudenken: Damals gab es feste Frauenquoten in allen gewählten Strukturen und Organen (ausgenommen war das Politbüro des ZK der KPdSU). Diese Praktiken werden auch unter den neuen Verhältnissen als teils durchaus begründet und wiederbelebungswürdig angesehen. Andererseits werden sie als schädlich bewertet und abgelehnt.

Noch mehr Zweifel werden über die hypothetische Möglichkeit geäußert, eine Frau zur Präsidentin Rußlands zu wählen. 36 Prozent der befragten Frauen können sich dies vorstellen, während 61,2 Prozent in diesem Amt bevorzugt einen Mann sehen möchten.

Die russischen Frauen stehen Frauen in der Politik insgesamt skeptisch gegenüber, äußern sich aber durchaus positiv über weibliche Verwaltungsmitarbeiter, die nicht mit der "großen" Politik, sondern mit konkreten Sozialproblemen befaßt sind. Auf lokaler Ebene würden sich 51,8 Prozent der befragten Frauen mit ihren persönlichen Fragen an eine Politikerin oder Beamtin wenden, nur 45,7 Prozent an einen Mann. Die weiblichen Beamten mittlerer Ebene verfügen aus Sicht von Frauen offensichtlich über Eigenschaften, die sie für die Funktionen am geeignetesten erscheinen lassen - sie sind tolerant und engagiert, sie sind weniger bestechlich und haben - das ist vor allem wichtig - Verständnis für die Lebensprobleme von Frauen, die mit Männern nicht unbedingt offen besprochen werden können.

Sehr deutlich zeigt sich dies im Vergleich der Haltungen von besser- und schlechtergestellten Frauen. An Frauen würden sich eher diejenigen wenden, die ernste familiäre und finanzielle Probleme haben (siehe Tabelle 4).


Die Frauen betrachten in ihrer Mehrheit die staatliche Politik als eine gemeinsame, dabei aber vornehmlich von Männern dominierte Tätigkeit. Nicht zufällig hat die Fraktion "Frauen Rußlands", die eine eigene Wählerschaft gewinnen und eine "Frauentagesordnung" erarbeiten wollte, es nicht vermocht, sich ihr eigenes politisches Image aufzubauen und sich in den Parlamenten der folgenden Legislaturperioden zu etablieren.

Andererseits hat die Mehrheit der Frauen keine Vorbehalte, was die aktivere Einbindung in die gesellschaftlichen und politischen Prozesse, insbesondere auf Kommunalebene betrifft. Bezogen auf die Möglichkeiten einer eigenen Beteiligung und entsprechende Einflußgrößen weist die Studie ein recht widersprüchliches Meinungsbild auf. Interesse für die Politik und ein hypothetisches Potential, sich individuell einbinden zu lassen, zeigen in der Regel Frauen, die über ein hohes Einkommen verfügen, gut situiert und erfolgreich, auch im familiären Bereich, sind. Gleichzeitig sind diese "erfolgreichen Frauen" interessanterweise in hohem Maße bereit, die politischen Rechte und die politische Verantwortung an Männer abzutreten. Von den Frauen mit hohem Einkommen wollen 64,7 Prozent einen Mann als Präsidenten sehen, lediglich 31,7 Prozent eine Frau. Bei den sogenannten armen Frauen ist dieses Verhältnis weit ausgeglichener. 52,6 Prozent wollen einen Mann, 46,8 Prozent eine Frau an der Spitze des Staates sehen (siehe Tabelle 5). Und ein ähnliches Verhältnis zeigt sich auch hinsichtlich der Einschätzung der eigenen Familiensituation. 65,9 Prozent der Frauen, die eine glückliche Familie haben, bevorzugen einen Präsidenten, nur 33 Prozent ein weibliches Staatsoberhaupt. Bei denjenigen, bei denen sich die Familiensituation weniger glücklich gestaltet, liegt dieses Verhältnis bei 54,1 zu 43,2 Prozent.


Dies erklärt sich aus unserer Sicht dadurch, daß Frauen mit einer normalen und glücklichen Familie sowie stabilen Einkommensquellen den Männern stärker vertrauen als die Frauen, die in materieller und persönlicher Hinsicht weniger gut situiert sind und die eigenen Mißerfolge häufig auf die Diskriminierung von Frauen zurückführen.


Der gleiche Trend, wenn auch längst nicht so ausgeprägt, ist in der Einstellung zur Quotenidee zu bemerken. Dieser Gedanke wird deutlich stärker von weniger erfolgreichen und schlechter versorgten Frauen unterstützt. Frauen mit hohem Einkommen, die auch ihr Privat- beziehungsweise Familienleben als glücklich wahrnehmen, sind hingegen öfter überzeugt, daß das Männer-Frauen-Verhältnis in den Machtstrukturen keine grundsätzliche Bedeutung hat (siehe Tabellen 6 und 7).


Insgesamt zeigen die Umfrageergebnisse deutlich, daß die Mehrheit der Frauen die politische Tätigkeit, der sie relativ indifferent gegenüberstehen, und die gesellschaftliche Aktivität, die auf die Vertretung spezifischer Fraueninteressen abzielt, streng auseinanderhalten. In den letzten Jahren haben sich viele frauenrelevante Fragen angehäuft. Die Frauen glauben in ihrer Mehrheit, daß der Einfluß der Frauen und damit auch der Organisationen, die Fraueninteressen vertreten, im gesellschaftlichen Bereich dominieren sollte. 61,8 Prozent gegenüber 10,5 Prozent der Befragten stimmen jedenfalls zu, daß Frauen selbst die Interessen von Frauen vertreten sollen. In diesem Zusammenhang muß der Einfluß von gesellschaftlichen und politischen Frauenorganisationen verstärkt werden. Andererseits ist es auch eine Tatsache, daß die meisten Befragten (70,6 Prozent!) keine Ahnung haben, ob in ihrer Region, ihrem Gebiet oder ihrer Republik gesellschaftliche Frauenorganisationen überhaupt existieren beziehungsweise tätig sind. Und dies, obwohl in den letzten zehn Jahren in Rußland zahlreiche Organisationen dieser Art gegründet wurden. Nur 8,8 Prozent der Befragten zeigen eine reale oder hypothetische Bereitschaft, sich an deren Arbeit zu beteiligen. Davon äußerten 5,1 Prozent den Wunsch, sich an den Aktivitäten einer solchen Organisation zu beteiligen; 2,5 Prozent hatten sich bereits um Hilfe an Frauenorganisationen gewandt; 1,2 Prozent waren real in einer Frauenorganisation tätig.

Diese Angaben belegen, daß die bestehenden Frauenorganisationen bislang noch keinen wichtigen Faktor in der sich entwickelnden Bürgergesellschaft darstellen. Dies erklärt sich vermutlich durch die unterschiedlichen Interessen der Organisationen und ihres potentiellen Zielpublikums. Die meisten Frauenorganisationen in Rußland sind bekanntlich stark politisiert, während die Mehrheit der Frauen - wie der Befragung zu entnehmen ist - andere Prioritäten setzt. Auf die Frage "Womit sollen sich Frauenorganisationen vor allem befassen?" wurden die folgenden Antworten gegeben: psychologische Unterstützung für Frauen in schwierigen Lebenssituationen (54,4 Prozent); Unterstützung bei der Arbeitsvermittlung (45,7 Prozent); Schutz der Interessen von Kindern (beginnend bei der Freizeitgestaltung für Kinder bis hin zur Tätigkeit der Komitees der Soldatenmütter) (42,3 Prozent); materielle Unterstützung für Frauen in schwierigen Lebenssituationen (41,4 Prozent); Maßnahmen gegen negative Erscheinungen wie Drogen- und Alkoholabhängigkeit oder Prostitution (26,8 Prozent); Kampf gegen jegliche Formen der Frauendiskriminierung (24 Prozent); Schutz vor Gewalt in der Familie (18,3 Prozent); Unterstützung beim Aufbau eines Geschäfts (9,4 Prozent); Kampf um politische Rechte von Frauen (acht Prozent); Organisation der Freizeitgestaltung von Frauen (5,4 Prozent).

Auffallend sind die ersten Positionen. Die Notwendigkeit, Frauen psychologisch zu unterstützen, liegt noch vor der Hilfe bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, der materiellen Unterstützung und dem Kampf gegen die Frauendiskriminierung. Dies erklärt sich aus dem sozialen und psychologischen Streß, dem Frauen in den letzten zehn Jahren ausgesetzt waren und sind. Bei den Aktivitäten von Frauenorganisationen nimmt dies aber nur einen sekundären Platz ein. Die Frauen scheinen gerade nicht nur konkrete materielle und soziale Hilfe zu benötigen, sondern sie bedürfen der Anteilnahme, der Aufmerksamkeit und freundlicher Beratung.

Aufschlußreich ist, daß die Zahl derjenigen, die Hilfe bei der Arbeitsvermittlung fordern, die Zahl der Anhängerinnen von direkter materieller Hilfe für Frauen übersteigt - auch wenn der Unterschied unwesentlich ist. Ziemlich viele Befragte (24 Prozent) zeigen sich auch überzeugt, daß Frauenorganisationen gegen die Diskriminierung von Frauen in allen Formen und Entfaltungen vorgehen müssen. Auf den Kampf für politische Rechte legen hingegen nur acht Prozent der Befragten Wert.

Der Wunsch, in welche Richtungen die Frauenorganisationen arbeiten sollen, wird maßgeblich durch die persönlichen Verhältnisse der Befragten bestimmt. Die Umfrage ermittelte einen sichtlichen Zusammenhang zwischen den Ursachen von Mißverhältnissen und den Ängsten der Befragten einerseits und den gewünschten Ausrichtungen von Frauenorganisationen andererseits. Psychologische Unterstützung benötigen beispielsweise alleinstehende ältere Frauen, die den Verlust der gegenseitigen Hilfe in den Beziehungen zwischen den Menschen sowie die Verschlechterung der eigenen Gesundheit oder der ihrer Nächsten befürchten. Es scheinen vornehmlich Probleme der älteren Generation zu sein, die aber auch für die Jugend aktuell sind (psychologische Unterstützung bräuchten 60,7 Prozent der 17- bis 18jährigen Mädchen, die sich dem Leben der "Erwachsenen" anpassen sollen). So erklärt sich, daß die psychologische Unterstützung von Frauen in schwierigen Lebenssituationen für die Befragten Priorität hat. Dies entspricht aber nicht der realen Aktivität der Frauenorganisationen. So sind viele Frauen mit dem Charakter und den Tätigkeitsschwerpunkten der existierenden Frauenorganisationen unzufrieden. Dabei verweisen sie auf die zahlreichen Probleme, mit denen sie in ihrem Leben konfrontiert sind, und zeigen lebhaftes Interesse daran, daß sich Frauenorganisationen der Lösung dieser Probleme annehmen. Gleichzeitig stellte die Studie eine geringe Aktivität und nur wenig Neigung zur Selbstorganisation fest. Die Frauen wollen nicht, sie sind nicht bereit, und sie haben keine Möglichkeit, sich diesbezüglich zu engagieren. Die Mehrheit möchte, daß jemand anderes, möglicherweise ein Mann, die Last der Entscheidungen im Hinblick auf die Probleme übernimmt, mit denen Frauen in ihrem persönlichen Leben konfrontiert sind.
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"Selbsterkenntnis" - ein Schulfach zum "leben lernen"

Gespräch mit Sara Nasarbajewa

Sara Nasarbajewa, die Frau des kasachstanischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, beschäftigt sich viel mit der Situation von Kindern, deren Erziehung, Bildung und Ausbildung. Vor zehn Jahren initiierte sie die Wohltätigkeitsstiftung "Bobek" für Kinder. Ebenfalls auf ihre Initiative hin wurde in Kasachstan von einer interdisziplinären Wissenschaftlergruppe das Fach "Selbsterkenntnis" entwickelt, in dem Kinder leben lernen sollen. Das Fach wurde in der Experimentierphase an Kindergärten, Schulen und Universitäten eingeführt. Nach Auswertung des Experiments werden Parlament und Regierung darüber zu entscheiden haben, ob das Fach als Pflichtfach in die Lehrpläne aufgenommen werden soll.
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Bringen die Bildungsreformen mehr Chancengleichheit?

von
Grigori Melamedow, Politologe, Moskau


In den letzten beiden Jahren stabilisiert sich das Bildungswesen langsam wieder
 
Nachdem das Bildungswesen in den ersten Reformjahren nach dem Zerfall der Sowjetunion hilflos im Chaos zu versinken drohte, der Boden für ausufernde Korruption gelegt und das Recht auf allgemeine Bildung ausgehebelt worden waren, hat sich die Situation in den letzten Jahren stabilisiert. Einige Reformen zeigen bereits positive Wirkungen. Zu nennen wären hier die landesweite Ausstattung der Schulen mit Computern, die obligatorische Bestätigung der Lehrbücher durch das Bildungsministerium und die Verständigung auf allgemeine Lernziele zum Abschluß der Oberschulen. Andere Neuerungen dagegen sind umstritten. So ist eine heftige Diskussion um die Einführung der "Einheitlichen Staatlichen Prüfung" entbrannt. Werten die einen die Prüfung als Mittel, die Korruption bei den Zulassungen zum Studium zu unterbinden und die Chancengleichheit für alle zu erhöhen, sehen Kritiker darin im Gegenteil ein breites Feld für Mißbrauch und Chancenungleichheit.
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Das tadschikische Bildungswesen im Umbruch

von
Hairullo Saifullajew Dekan der Fakultät für Ausländische Sprachen an der Pädagogischen Universität, Duschanbe


Seit dem Bürgerkrieg fehlen in den Schulen Tadschikistans über 10.000 Lehrer
 
Die gesellschaftlichen Umbrüche seit dem Zerfall sind auch am tadschikischen Bildungswesen nicht spurlos vorübergegangen. Veraltete Bücher und Lehrermangel sind Fixpunkte, die in den Berggebieten der Republik sogar das Gespenst des Analphabetentums erstehen lassen. Aber eine allgemeinbildende Grundbildung wird in allen Gebieten des Landes gesichert. Und der Staat bemüht sich darum, das Bildungswesen in seiner Gesamtheit zu bewahren, wobei nicht nur der gleiche Zugang für alle gesichert werden soll, sondern auch eine kostenlose Bildung.
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Eiscreme, um den Winter zu versüßen

von
Andrej Kobjakow, stellvertretender Chefredakteur "Respublika", Kasan


Wohl jeder, der im Winter schon einmal in Rußland war, wird auf der Straße auch ein Eis gegessen haben. Denn um das Alltagsleben in der Fremde kennenzulernen, folgt man am besten immer wieder mal dem Mainstream - und dann steht man zwangsläufig auch bei minus dreißig Grad Celsius bibbernd vor der Eisverkäuferin und fragt nach Eis. Der Eisverkauf in Rußland floriert im Sommer wie im Winter, und nachdem die Russen eine ganze Zeit importiertes Eis bevorzugten, haben sie nun wieder zu ihren eigenen sahnehaltigen und harten Eissorten zurückgefunden.
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Die russische Hauptstadt und ihre Unterwelt

von
Alexej Koslatschkow, Journalist, Moskau


Die kriminelle Welt in Rußland ist klar strukturiert und hierarchisch aufgebaut, und ihre Mitglieder haben überhaupt nichts mit dem romantisch verklärten Kämpfer für die Armen und Entrechteten vom Typ Robin Hood zu tun, der den Reichen genommen und den Armen gegeben haben soll. Dem organisierten Verbrechen geht es um knallharte Profite aus Schutzgelderpressung, Korruption, Prostitution, Glücksspiel, Drogen- und Waffenhandel - und beim Einstreichen der Profite zeigt man sich nicht zimperlich. Beinahe wie in der Armee sind Rang und Würde durch vielzählige äußere Merkmale klar erkennbar. Die organisierte Kriminalität hat gerade in den 90er Jahren eine hohe Ausstrahlungskraft vor allem auf die Jugend.
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Deutsche Kaufleute am Rande des Russischen Reiches

von
Igor Chramow, Journalist und Schriftsteller, Organisator der Ausstellung "Weiße Rose" in Orenburg, Orenburg


Die Geschichte der Deutschen in Rußland insgesamt und auch im Gebiet Orenburg geht zurück bis ins 18. Jahrhundert. Alexander Schmorell, Sohn einer deutschstämmigen Familie, die die Sowjetunion 1921 verlassen mußte und nach München zurückkehrte, war Mitglied der "Weißen Rose" und büßte den Widerstand gegen das Naziregime 1943 mit dem Tod. Die Wanderausstellung "Weiße Rose", die erstmals 1999 in Orenburg gezeigt wurde, animierte Igor Chramow, den Spuren der Deutschen in seiner Stadt und seinem Gebiet ein wenig nachzuspüren.

Wie es manchmal so geht: Bei der Suche nach bestimmten Informationen stößt man am Rande auf interessante Fakten, die einem bisher nicht bewußt beziehungsweise nicht Ziel der eigenen Forschungen waren.

So geschah es im Zuge der Vorbereitung der seit anderthalb Jahren durch Rußland wandernden Ausstellung über die deutsche Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Einer der Akteure und maßgeblicher Mitverfasser der Flugblätter, die die Studierenden 1942 und 1943 in München schrieben, in Deutschland verteilten, und für die sie 1943 mit ihrem Tod büßten, war der 1917 in Orenburg im Ural geborene Alexander Schmorell. Wir entdeckten ein überaus vielfältiges verwandtschaftliches Beziehungsgeflecht zwischen Familien, die Mitte des 18. Jahrhunderts aus Deutschland in den kaum besiedelten Raum im Südosten des Zarenreiches ausgewandert waren. Es waren Kaufleute und Akademiker, später auch Bauern.

Aber schon vor den von Zarin Katharina II. initiierten und geförderten Einwanderungen Zehntausender Deutscher waren deutsche Ärzte, Offiziere, Apotheker, Dolmetscher, Lehrer und Handwerker am Zarenhof und in den großen Städten beschäftigt. Im Ural arbeiteten Bergbauspezialisten aus dem Harz und dem Erzgebirge, die den Abbau von Mineralien und die Metallverarbeitung leiteten. Deutsche Bauern wurden mit dem Versprechen der Befreiung vom Zehnten für die Kirche, von der Fron und vom Militärdienst aus der Enge ihrer süddeutschen Dörfer, aus politischer Unterdrückung und ländlicher Armut in die weiten Steppengebiete beiderseits der Wolga gelockt.

Zarin Katharina II. rief Mitte des 18.Jahrhunderts Deutsche ins Land
 
Die Stadt Orenburg, in der sich viele deutsche Kaufleute und Akademiker ansiedelten, liegt im flachen Südural, dort, wo man das Uralgebirge nur noch undeutlich in der Ferne sehen kann. Der Fluß Ural, der bei Orenburg seine Nord-Süd-Richtung verläßt und in einem weiten Bogen gen Westen fließt, um dann wiederum in einem Bogen nach Süden ins Kaspische Meer zu münden, teilt die Stadt. Das nördliche Ufer, wo sich der größte Teil der 1743 als Festung gegründeten Stadt mit ihren Bürgerhäusern und Wällen befindet, liegt in Europa. Der südliche, modernere Teil - die Vorstadt - gehört schon zu Asien. Heute zählt Orenburg 600000 Einwohner und ist die Hauptstadt des Gebiets Orenburg. Ihre günstige geostrategische Lage machte die Stadt zu einem Knotenpunkt des Handels mit den angrenzenden asiatischen Stammesgebieten. Heute ist Orenburg in zwei Flugstunden von Moskau und in einer Flugstunde von Samara aus zu erreichen. Die Stadt liegt achtzig Kilometer von der russisch-kasachstanischen Grenz entfernt. Im Jahre 1968 wurden Erdgasvorkommen entdeckt, und mit der Förderung entstanden moderne Bürogebäude des Gasmonopolisten Gasprom und eine beachtliche Villenvorstadt für die Öl- und Gasingenieure. Zwei Universitäten, ein Theater, Museen, die Ausstellungshalle und eine lebendige Kunsthalle kennzeichnen das geistige und kulturelle Leben der sich langsam vom Zerfall der Sowjetunion erholenden Provinzstadt.

Berühmte Persönlichkeiten hatten beziehungsweise haben Beziehungen zu Orenburg. Alexander von Humboldt und Tolstoi haben die Stadt besucht und beschrieben. Alexander Puschkin setzte ihr mit seinem Roman "Die Hauptmannstochter", den er nach historischen Studien in Orenburg geschrieben hatte, ein literarisches Denkmal. Stolz ist man in der Stadt auf Juri Gagarin, den ersten Menschen im All, der in Orenburg studiert hat. Der berühmte Dirigent und Cellist Rostropowitsch lebte mit seinem Vater eine ganze Reihe von Jahren in der Stadt und ist heute ihr Ehrenbürger. Viktor Tschernomyrdin, Ministerpräsident unter Boris Jelzin, leitete einige Zeit die Orenburger Niederlassung des Gasprom-Konzerns - und die langjährige First Lady der Russischen Föderation Naina Jelzina stammt aus Orenburg.

Zu den zahlreichen russischen Geschäftsleuten dieser Stadt in der Steppe mit ihrem deutsch klingenden Namen, dessen Herkunft man nicht bestimmen kann - vermutlich soll er heißen "Burg am Fluß Ori" -, gesellten sich im Laufe der Jahre zahlreiche aus Deutschland stammende Kaufleute. Im Stadtarchiv findet man Namen wie Klumpp, Vockerodt, Oberländer, Hoffmann, Schmorell. Die Deutschen wurden im Laufe der Jahrzehnte geachtete Bürger des zaristischen Gouvernements. Einige von ihnen nahmen die russische Staatsbürgerschaft an, andere blieben - zumindest auf dem Papier - Deutsche, aber ohne Ausnahme nannten sie sich Orenburger und trugen nicht wenig zum Wohlstand und zur wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt bei. Die deutsche Abstammung und die Zugehörigkeit zum evangelisch-lutherischen oder katholischen Glauben führten dazu, daß trotz zahlreicher Einheiraten in russische Familien alle diese deutschen Großfamilien irgendwie untereinander verwandt oder verschwägert waren. Die große Zahl der geborenen und überlebenden Kinder - in der Regel zwischen acht, zehn und mehr pro Familie - machten dies möglich. Macht man sich einmal die Mühe, neben den Dokumenten des staatlichen Archivs des Orenburger Gebiets auch noch die örtliche Presse zwischen 1876 und der Revolution zu sichten, und studiert man zudem die Sitzungsprotokolle der Stadtduma und Berichte der zaristischen Geheimpolizei, so erhält man einen vielfarbigen Eindruck vom Alltagsleben der deutschen Kaufleute am Rande des russischen Reiches.

Die Stadt Orenburg, in der sich viele deutsche Kaufleute und Akademiker ansiedelten, liegt im flachen Südural
 
Bei der feierlichen Eröffnung der "Weiße-Rose"-Ausstellung im Oktober 1999 in Orenburg stand Alexander Schmorell im Mittelpunkt und fand das begeisterte Interesse der russischen Bürger, insbesondere der Studierenden beider Universitäten. Und plötzlich entdeckten die Orenburger ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu vielen Deutschen, die wegen der Ausstellung in ihre Stadt gekommen waren, entfernte Verwandte, die man sozusagen "anfassen" konnte. Sie waren in ihrem kargen Leben in der russischen Gegenwart plötzlich stolz auf ihre Vergangenheit und ihre Toleranz- und Integrationsfähigkeit. Sie zeigten sich dankbar für die warmen Worte, die die in ihre alte Heimat zurückgekehrten deutschen Besucher für sie fanden. Für eine Weile vergaßen sie die länger als ein Jahr nicht ausgezahlten Renten und Löhne, dachten nicht an die bittere Armut, die entsteht, wenn man als Rentner nur etwa fünfzehn Euro im Monat zur Verfügung hat oder als Vollakademiker sechzig Euro.

Alexander Schmorell, geboren von der Russin Natalja Wedenskaja, fühlte sich in seinem kurzen Leben mehr als Sohn seiner geliebten russischen Heimat denn als Deutscher. Er sprach fließend russisch - wie übrigens die ganze überlebende Familie bis heute -, liebte die russisch-orthodoxe Kirche und trauerte seiner Heimat nach. Denn die Familie hatte Orenburg - wie viele andere Deutsche auch - nach der Revolution verlassen müssen und siedelte sich in München an. Er empfand es als eine "drôle de guerre", daß er als Sanitätssoldat der Wehrmacht, als Medizinstudent in München, in seine eigentliche Heimat zurückkehren durfte - oder mußte. Seine Liebe zu Rußland öffnete ihm früh die Augen für die Verbrechen der Wehrmacht, und da er fließend russisch sprach, erfuhr er im Gespräch und nachdem er das Vertrauen der Russen gewonnen hatte, sehr früh von den Grausamkeiten und Unterdrückungen durch die uniformierten Deutschen. In einem Abschiedsbrief, den er nach seiner Verurteilung zum Tode an seine in Gschatsk (Gagarin) gewonnene Freundin Nelli mit den Worten beschließt "Alles für Rußland!!!", wird dies deutlich. Das Original dieses erschütternden Briefes aus dem Schmorellschen Familienbesitz zog die Besucher der Ausstellung geradezu magisch an.

Der erste namentlich bekannte Vertreter der Familie Schmorell, der 1832 in Ostpreußen geborene Karl-August, kam 1855 als 23jähriger nach Orenburg, um hier eine Kürschnerei zu betreiben und mit Pelzen zu handeln. Das Geschäft an der Grenze zu Asien muß sich gut entwickelt haben. In einem Kaufleute-Verzeichnis aus dem Jahre 1872 erscheint sein Name und die Anmeldung von Kapital des noch preußischen Untertanen Schmorell am 29. Dezember 1871. Aus den Zeitungen jener Zeit ist zu erfahren, wo der Pelzladen lag, nämlich in der Nikolajewskaja, der Hauptstraße Orenburgs. Inhaber Schmorell fuhr des öfteren ins Ausland, um neue Pelze zu holen und diese weiterzuverkaufen. Davon zeugen Inserate in den Orenburger Zeitungen. Schmorell verstand sich gut mit den Einheimischen, er war ein geachteter Kaufmann und konnte es sich durchaus leisten, einen Streit über unbezahlte Rechnungen des bekannten russischen Kaufmanns Putolow in einem offenen Brief in der Lokalzeitung auszutragen.

Heute zählt Orenburg 600.000 einwohner und ist Hauptstadt des gleichnamigen Gebiets
 
1878 bat er die Stadt um Zuweisung eines Grundstücks, auf dem er eine dampfbetriebene Mühle und ein Sägewerk errichten wollte. Orenburg kam seinem Wunsch nach und stellte ihm ein Gelände am Stadtrand zur Verfügung. Das erste dampfbetriebene Sägewerk in Orenburg wurde also von dem Deutschen Schmorell und seinem russischen Partner Jurow erbaut. Dies regte viele andere an, statt menschlicher Arbeitskraft Dampf als Antriebsmittel zu nutzen. Dampfbetriebene Werke schossen in Orenburg in den nächsten Jahren wie Pilze aus dem Boden. Es entstanden einige dampfbetriebene Mühlen, deren technische Ausstattung ein anderer Deutscher, der Ingenieur Friedrich Ewert, übernahm. Ewert betrieb einen landwirtschaftlichen Maschinen- und Gerätehandel.

Problematisch wurde es für die Stadtduma, als Schmorell einen Antrag auf Eröffnung einer dampfbetriebenen Brauerei im Zentrum der Stadt stellte. Es gab nämlich bereits die Brauerei des angesehenen und ebenfalls deutschen Unternehmers Anton Klumpp. Zwar wurde die Qualität seines Bieres von einigen Bürgern auch in der Zeitung scharf kritisiert, wie der Leserbrief eines anonymen Biertrinkers 1883 in der Orenburger Zeitung belegt. Er schreibt: "Erbarmen Sie sich bitte, liebe Herren Braumeister! Es ist schon einen Monat her, daß sie statt Bier ein abscheuliches Gesöff, irgend so ein trübes Wässerchen, vertreiben, und auch wenn für Sie der Vertrieb dieses Gebräus zweifellos gewinnbringend ist, frage ich, welche Schuld tragen denn die Mägen der Verbraucher? Sie schädigen die Gesundheit mit Ihrem absonderlichen Surrogat, 'Bier' genannt." Das ist böswillig... Aber die Marktgesetze des freien Wettbewerbs galten für alle, Russen und Deutsche, und so genehmigte die Duma schließlich den Konkurrenzbetrieb der Familie Schmorell und stellte ein Grundstück bereit. Dies war ein mutiger Entschluß, denn die Familie Klumpp nahm in Orenburg einen besonderen Platz in der Reihe der einflußreichsten deutschen Kaufmannsfamilien am Ende des 19. Jahrhunderts ein. Anton Klumpp war nämlich nicht nur ein reicher Brauereibesitzer, sondern auch Abgeordneter der Stadtduma und Direktor der städtischen Bank. Er war berühmt und auch beliebt dank seiner großzügigen Spenden für die Volksbildung. Ein Bauplan von 1875 des bis heute in Orenburg erhaltenen Industriegebäudes des Anton Fjodorowitsch (nach russischer Tradition erhielten auch Deutschstämmige den zusätzlichen Vatersnamen) befindet sich noch heute im Besitz der Familie Schmorell in München.

Klumpp untermauerte aber nicht nur durch Spenden für Bildungseinrichtungen seinen guten Ruf. Bei der Einweihung des Orenburger Bahnhofs am 31. Dezember 1876 spendierte seine Brauerei Freibier für die Bürger. Jedes Jahr erneuerte er zudem die durch Eisgang und Hochwasser zerstörte Fußgängerbrücke über den Ural und festigte so seinen Ruf als reicher Wohltäter.

Auch sein Konkurrent Karl-August Schmorell baute seine Unternehmen aus. Die Rinderzucht in der Steppe führte zu einem hohen Aufkommen an Schlachtvieh. Dies brachte ihn 1887 auf die Idee, ein "Saiten-Werk", also einen Betrieb zur Verwertung von Schafs- und Rinderdärmen, zu gründen. Diese Saiten wurden nicht nur zum Bespannen von Musikinstrumenten, sondern auch als Nähmaterial in der Chirurgie benötigt. Sein Tod im Jahre 1902 führte zu einer Umstrukturierung seiner zahlreichen Industriebetriebe und im Laufe der Zeit schließlich auch zur Beendigung der Konkurrenzsituation mit Klumpp. Schmorells Schwiegersohn Rudolf Bogdanowitsch Oberländer führte einen Teil der Betriebe weiter, der andere Teil wurde verkauft beziehungsweise zu einer Gesellschaft inklusive einer Holzhandelsgesellschaft umstrukturiert.

Das Stadtwappen Orenburgs
 
Im Brauereigewerbe Orenburgs machte sich nun der aus Bayern stammende Georg Jegorowitsch Hoffmann, ehemals Braumeister bei Klumpp, einen Namen. Man erzählte, daß der in einer bayerischen Gaststätte mit angeschlossener kleiner Hausbrauerei aufgewachsene junge Mann in einer Brauereizeitung ein Inserat gelesen hatte, daß die Brauerei Klumpp in Orenburg nach einem Braumeister suchte. Daraufhin verkaufte er seine goldene Uhr, erstand dafür eine Fahrkarte nach Orenburg und begab sich voller Abenteuergeist in die ferne Stadt in der Steppe. Durch Heirat und Erbe wurde aus dem Braumeister ein sehr erfolgreicher Kaufmann, der geschickt die verwandtschaftlichen Beziehungen zur Familie Klumpp nutzte, die "Gesellschaft der Bierbrauerei und Einrichtung für künstliche Mineralwässer E. E. Hoffmann & Co" gründete und mit eigenen Lagerhäusern in den Städten der Umgebung erfolgreich ausbaute. Er blieb in der Tradition der Stifter aus der Schmorellschen Familie, unterstützte die römisch-katholische Kirche, war einer der Initiatoren bei der Gründung der Bibliothek für russische, deutsche, polnische und französische Literatur, die von einer Wohltätigkeitsgesellschaft betrieben wurde. Seine Brauerei ist heute das einzige Gebäude in Orenburg, das in ungebrochener Tradition von der deutschen Kaufmannschaft im Gebiet zeugt. Bei ihrem Besuch in Orenburg im Jahre 1999 konnten die schon betagten Nachfahren des Ehepaares Schmo-rell/Hoffmann sichtlich bewegt auch die Brauerei besuchen, die sie nur vom Papier und aus Erzählungen kannten. Der heutige Geschäftsführer brachte danach ein neues Bier auf den Markt, das unter dem Namen "Hoffmann-Bier" Anerkennung findet.

Franz Schmorell, der Onkel der beiden überlebenden Kinder Erich und Natascha, der jüngeren Geschwister Alexander Schmorells, hatte in Moskau zusammen mit seinem Freund, dem Sohn des Kaufmanns Oberländer, Medizin studiert. Da sie jedoch mit reformwilligen russischen Studierenden sympathisierten und sich auch an Tumulten beteiligten, wurden sie unter Beobachtung der Polizei gestellt und nach Orenburg abgeschoben. Aufgrund der Unterlagen der Polizei wissen wir vieles über das Alltagsleben der beiden Deutschen und ihre Kontakte zu russischen und deutschen Großfamilien. So waren sie befreundet mit dem immer noch preußischen Untertanen Vockerodt, der eine große Bäkkerei betrieb. Franz Schmorell verbringt "dort die Freizeit, benimmt sich gut, auch in politischer Hinsicht" vermelden befriedigt die Polizeiakten.

Er bringt es zum Stadtdumaabgeordneten, zum Mitglied der Stadtverwaltung bis zur Position des stellvertretenden Bürgermeisters der Stadt Orenburg. Nach Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde er als Deutscher gezwungen, dieses Amt 1915 in Form eines "freiwilligen Rücktritts" aufzugeben. Auch seine Brüder Iwan und Hugo Karlowitsch Schmorell, alle immer noch Bürger des Deutschen Kaiserreiches, mußten auf ihre Ämter und Ehrenämter in der Stadtverwaltung verzichten. Hugo Karlowitsch Schmorell, der Vater von Erich und Natascha, hatte es sich leisten können, ab 1902 an der Münchener Universität Medizin zu studieren. 1906 war er nach Rußland zurückgekehrt. Mit Kriegsausbruch wurde er genötigt, seine Tätigkeit an der Universitätsklinik in Moskau aufzugeben. In Orenburg aber lebte er als "deutscher Feind" relativ frei, heiratete und war weiterhin als Arzt tätig. In den überaus schwierigen Jahren nach der Revolution von 1917 und während des um Orenburg wütenden Bürgerkrieges leitete er ein Seuchenlazarett. Damals verlor er seine russische Frau, die Mutter von Alexander Schmorell. Alexander konnte sie nie vergessen, sie lebte fort in der russischen Kinderfrau der Familie Feodora Lapschina, die sich in den folgenden Jahrzehnten und auch in Deutschland um die Kinderschar kümmerte. Sie öffnete das Herz aller, auch der Kinder der späteren deutschen Mutter, für die russische Kultur, die Gläubigkeit in der russisch-orthodoxen Kirche sowie für die russische Lebensweise.

1921 in den Wirren der Revolution und der Kämpfe zwischen "Weißen" und "Roten", wie sie im Roman "Der stille Don" so fesselnd beschrieben sind, mußte die Familie Schmorell Rußland verlassen. Die Verwandten des Hoffmannschen Zweiges konnten die Brauerei noch einige Jahre im Familienbesitz betreiben, bis die Bolschewiken sie enteigneten.

Wie auch heute bei den Familien der Rußlanddeutschen blieb ein Teil in der neuen Heimat Rußland und durchlitt Freud und Leid der Geschichte der UdSSR mit ihren russischen Mitbürgern. Ein anderer Teil wanderte aus in die alte Heimat und erlebte die Schicksalsschläge, die das deutsche Volk trafen beziehungsweise die es durch eigenes Handeln verursachte.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die vorsichtige Öffnung Richtung Westen führten bei den Kaufmannsfamilien zum Wiederanknüpfen an verwandtschaftliche Familienbande, die so lange unterbrochen waren. Die Leistungen der deutschen Kaufleute und Akademiker sind neben der Arbeit der deutschen Bauern Teil der russisch-deutschen Kulturgeschichte. Der von den Deutschen bei der wirtschaftlichen Entwicklung von Stadt und Gebiet Orenburg geleistete Beitrag, ist durch die Ausstellung wieder ins Bewußtsein der russischen Bevölkerung gerückt. Familiengeschichten, die bisher nur wenig erforscht sind, bieten ein breites Feld für Historiker, Völker- und Landeskundler aus Rußland und Deutschland.
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