Kultur

Die Eroberung der Newa-Breiten [ Abstract ]
Zurück in die Vergangenheit - aus Leningrad wird St. Petersburg [ Abstract ]
Anbeter und Neider - die Ermitage [ Abstract ]
Die Sammlung Ludwig im Russischen Museum [ Abstract ]
Der Reichtum des Russischen Museum [ Abstract ]
Annäherung an Schloßplatz und Ermitage [ Volltext ]
Was die Friedhöfe erzählen [ Abstract ]
Wohnungen mit Vergangenheit [ Abstract ]
Unsere revolutionäre Vergangenheit [ Abstract ]
Die neuen Helden von St. Petersburg [ Abstract ]
Wer finanziert Kunst und Kultur? [ Abstract ]
Code 007-812 [ Volltext ]
Galerien - Zwischen Kommerz und Kunst [ Abstract ]
Towstonogow-Theater sucht einen neuen Diktator [ Abstract ]
Bühne der Eitelkeiten - das Mariinski-Theater [ Abstract ]
Ein bißchen Sonne im kalten Wasser [ Volltext ]
Die "andere" Musik von St. Petersburg [ Abstract ]
Alle Avantgarde hat einen Sinn [ Abstract ]
Von Kirchen und Kathedralen [ Abstract ]
Das neue St. Petersburg [ Abstract ]

Die Eroberung der Newa-Breiten
von
Galina Schilowa, Rais Kabanow, Journalisten, St. Petersburg


Die Kathedrale der Geburt Christi in St.Petersburg gilt als die Krönung des Russischen Stils, der vor allem der Wiederbelebung der nationalen Identität diente
 
Jede Epoche bringt ihren eigenen Architekturstil hervor - in Petersburg, dieser als zutiefst europäisch empfundenen Metropole, treffen die Hauptströmungen der Architektur der letzten drei Jahrhunderte aus vielen europäischen Ländern zusammen. Vom Barock Peters I. über den Katharinschen Klassizismus zum Empire des Puschkinschen Zeitalters geht es weiter über den Eklektizismus, den Historismus und den Russischen Stil bis hin zum Russki modern, dem russischen Jugendstil, den Anna Achmatowa so liebte.
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Zurück in die Vergangenheit - aus Leningrad wird St. Petersburg

von
Nikita Danilin, Journalist, St. Petersburg


Petersburg gilt allgemein als tolerant, nicht nur der alten, sondern auch der sowjetischen Vergangenheit gegenüber. Ein kleiner Ausflug in die Ortsnamenkunde zeigt, daß Rück- oder Umbenennungen nicht immer von der Bevölkerung getragen werden, und der unbedachte Umgang mit Namen schnell zu Identitätslosigkeit führen kann.
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Anbeter und Neider - die Ermitage

von
Kira Dolinina, Rem Chidijatullin, Journalisten, St. Petersburg


Wer hat noch nicht von der Petersburger Ermitage gehört, die die reichste Sammlung westeuropäischer Kunst in Rußland in ihrem Besitz hat? So wertvoll wie die Sammlung, so gediegen und prunkvoll sind auch die Säle des Zarenpalastes, in denen die Schätze den Besuchern aus dem In- und Ausland präsentiert werden. Als Gast der Ermitage wird man die Reichtümer des Museums nie ermessen können, denn ein Großteil der Exponate lagert in Depots. Doch auch die Ermitage hat viele Probleme zu überwinden, von denen die Auseinandersetzungen um die Prüfung des Rechnungshofes Anfang des Jahres 2000 nur eines war.
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Die Sammlung Ludwig im Russischen Museum

von
Mareile Ahrndt, Osteuropajournalistin, München


Dmitri Prigow gestaltet mit seinem "Kwadrat Malewitscha" aus dem Jahr 1989 das prominente Vorbild zu einer leeren Worthülse um
 
Einer der eifrigsten Kunstsammler, die sich dem deutsch-russischen Kulturaustausch verschrieben hatten, war der Schokoladenfabrikant Peter Ludwig. Er kaufte schon früh sogenannte informelle beziehungsweise Underground-Kunst in Rußland. Die Sammlung Ludwig ist längst an die Newa zurückgekehrt und hat einen würdigen Platz im Marmorpalast gefunden. Der paßt - denn das Museum zeigt neben seiner ständigen Ausstellung zur Zarenfamilie auch Expositionen moderner Kunst.
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Der Reichtum des Russischen Museum

von
Ina Tkatsch, Journalistin, Moskau


In Rußland gibt es zwei zentrale Museen für russische Bildende Kunst. Es sind die Tretjakow-Galerie in Moskau und das Russische Museum in St. Petersburg mit seinen Filialen im Michailowskipalast, im Marmorpalast, im Ingenieursschloß und im Stroganowpalast.
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Annäherung an Schloßplatz und Ermitage

von
Ina Tkatsch, Journalistin, Moskau


Viele Besucher sind beim ersten Kennenlernen des Schloßplatzes ein wenig enttäuscht, und viele kommen vollkommen erschöpft, aber mit dem Gefühl aus der Ermitage heraus, einen Großteil nicht gesehen zu haben. Wie also kann man sich diesem unfaßbaren Platz und diesem unendlich reichen Museum also nähern?

Was war das bloß, wo kam er her - dieser leicht abschätzige Blick der Besucher, die von den Reisebussen an der Sängerbrücke auf den Schloßplatz strömten, kaum einen Moment erübrigten, den Platz zu würdigen, der zentraler Platz meiner zweiten Heimat, meiner europäischen Heimat ist. Ich ließ den Blick schweifen über diesen unfaßlichen Platz - wurde zur ausländischen Touristin, schlüpfte in die Haut beispielsweise einer verhuschten Angestellten der Tourigruppe "Das ganze Rußland in fünf Tagen" oder so ähnlich. An diesem Tag hatte es um 9.00 Uhr Abfahrt vom Hotel geheißen, kurze Stadtrundfahrt, 10.25 Uhr: Hetzen über den Schloßplatz, 10.30 Uhr: Besuch der Ermitage - mit Führung. Natürlich.

Ja, von dort, von den Bussen kommend, wirkt er nicht, der Schloßplatz. Die Alexandersäule - nur eine unpassende Vertikale - zu hoch, zu schmal, zu glatt. Sie gibt dem Rund, der Weite keinen Halt. Der Blick verliert sich, verlorener Blick, verlorenes Menschenhäuflein, verloren wie der Winterpalast, der sich irgendwie an den Rand gedrängt gibt, ein Beiwerk, schmückend zwar, aber kaum das Format aufweisend, die Leere, leeren Raum, Weite zu durchbrechen. Nein, auch das langlange Halbrund des Generalstabes wollte und wollte nicht zur Geltung kommen. Im kalten Licht auf weitem Platz. Statt ehrfürchtigem Staunen Ungläubigkeit in den Blicken der Stadtbesucher, als wollten sie fragen: Das soll es sein - der Schloßplatz, die Säule, der Triumphbogen, der Winterpalast, die Ermitage - das ganze Petersburg?

Recht hatten sie, die Besucher. So kann es nicht wirken. Die Annäherung ist wichtig und der Zeitfaktor. Nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch die Zeit, die man sich nimmt. Plätze brauchen quirliges Leben, das man hier auf diesem auseinanderfließenden Platz erst wahrnehmen muß. Ich werde also zur Touristin. Nehme mir eine kleine Auszeit für ein neues Entdecken des Altbekannten. Wische alte Erinnerungen weg wie mit dem Zauberstab. Denke mich hinein in die Welt des Besuchers.

Von den beinahe drei Millionen Exponaten, die die Ermitage in ihrem Besitz hat, können die Besucher nur einen Bruchteil bewundern
 
Ich komme von der Uliza Millionnaja - vorbei an endlosen Metern Ermitage, teils eingerüstet. Noch drei Jahre bis zum Jubiläum. Die zehn Granitatlanten, die den Portikus der Neuen Ermitage standhaft tragen, scheinen schon fertig - sind aber noch eingehüllt in anthrazitfarbenes Plastik. Meterweise Winterpalast zeichnet sich auch weiter ab, ich suche mir schon im Abendlicht einen der glatt ausgelegten Steinstreifen, den ich entlangbalancieren will, hin zur Mitte des Schloßplatzes, zur Alexandersäule. Ich will den Platz von der Säule - der unpassenden - aus erkunden, ihn in Segmente teilen.
Was im Ganzen nicht wirkt, nimmt im Detail Gestalt an. Wird sich dann zum Ganzen zusammenfügen. Ganz sicher.

Die Inline-Skater - Künstler sind es schon - kurven hart am Winterpalast um ihre im Abstand von etwa siebzig Zentimetern aufgestellten pinkfarbenen Hütchen. Das gibt dem Auge zu tun. Das Pink, die farbenfrohe Kleidung der Jugend, das Türkis und Blau, das Gold und Weiß des prächtigen Barockbaus von Rastrelli - all dies vor dem alles aufsaugenden Blaublau des Himmels. Gestochen scharf zeichnet sich das Dach ab - die 176 Figuren auf dem Rand der Fassaden, von denen eine jede anders gestaltet ist. Von hier kann ich nur einige sehen - ohnehin sind es nicht die Steinoriginale, sondern Nachbildungen aus Kupferblech, aber was soll's. Eine in Giftgrün gekleidete Grazie vor tiefschwarzem gußeisernen, reich verziertem Flügeltor - schwer das Material und wirkt im Ganzen leicht und filigran und lebensfroh. Nein, der Platz ist nicht kalt und tot, sondern warm und lebendig, ist kein Museum, sondern von der Jugend eroberter Lebensraum.

Punkt 10.30 Uhr stehe ich am nächsten Morgen vor der Ermitage. Der Weg führte am Schloßufer entlang - außen an den Sälen vorbei, die es nun von innen zu entdecken gilt. Glück habe ich, gerade mal zehn Menschen bilden eine Schlange an der Kasse. Hinter mir knuddeln sich gleich vier Touristengruppen, Sprachengewirr. Aber auch ich bin ja Touristin, gebe meiner Sprache einen deutlichen Akzent, als ich ein Ticket verlange. Immerhin: Ob ich Russin sei, werde ich gefragt, wegen der Eintrittskartenkategorie. Soll ich wirklich so tun als ob? 240 Rubel für ausländische Besucher - das scheint unverhältnismäßig gegenüber den fünfzehn Rubel für Russen. Um so mehr, als ich den in teure Stoffe gekleideten und mit schwerem Ringen geschmückten Neurussen nebst Gattin an der Nachbarkasse sehe und mein Blick noch die verträumt blickenden Schwedinnen hinter mir streift. Bei den beiden saß das Geld bestimmt nicht so locker. Und fürs Fotografieren war extra zu bezahlen, wenn man denn wollte. Da wurde niemand diskriminiert. Immerhin. Einheitspreis von fünfzig Rubel.

Vielleicht sollte man die Besucher lieber nach ihren Einkommen zahlen lassen, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden. Aber da hat Rußland noch ein langes Stück Weg vor sich, bevor die Einkommen real erfaßt werden - und dann ist da ja auch noch der Datenschutz. Doch geht es auch anders: Als ich erstmals im kürzlich eröffneten Freud-Museum war, hieß es gleich: Zehn Rubel für alle, Schüler und Studenten zahlen fünf Rubel. Die Unverhältnismäßigkeiten in der Preisgestaltung scheint nicht nur mich zu stören. Aber das Freud-Museum und die Ermitage - es ist ja auch schon eine Unverhältnismäßigkeit, die beiden überhaupt in Bezug setzen zu wollen.

Die Prachtsäle der Ermitage bieten der westeuropäischen Kunst, dem Schwerpunkt des Museums, einen würdigen Rahmen
 
Als Touristin suche ich den Eingang - vorbei an Wachpersonal, die Garderobe - vorbei an Wachpersonal und immer durch irgendwelche Detektoren. Ja, seit dem spektakulären Messer- und Säureattentat auf die "Danae" 1985 wurden die Sicherheitssvorkehrungen weiter verschärft. Aber was war das andererseits doch für eine Überraschung, als die Restauratoren und Chemiker der Ermitage die wiederbelebte "Danae" 1992 in Stockholm dann präsentieren konnten - ein echter Rembrandt, hieß es da einhellig in der Fachwelt. Das Innenleben der Ermitage, das wissenschaftliche, ist faszinierend. Apropos Sicherheit: die dient auch den Besuchern. Die Aufforderung, alles an der Garderobe abzugeben, heißt auch, daß Taschendiebe, von denen es leider viele gibt, weniger Möglichkeiten haben, den Staunenden, Versunkenen, Sich-Vergessenden das Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen.

James Cox schuf seine Tischuhr im Jahre 1772
 
Alles läuft Hand in Hand und abgestimmt. Ja, die Ermitage hat sich wahrlich zu einem Kunstkonzern entwickelt - zu einem modernen, wie der Internet-Auftritt beweist. Und muß dies nicht auch so sein? Nicht nur, um die Besucherströme zu kanalisieren, sondern auch, um die reichen Besitztümer nicht nur zu horten und zu verwalten, sondern dem Publikum immer wieder neu zu präsentieren. Aber ich will ja von meinem Besuch erzählen. Wie soll man an das Museum herangehen, um sich nicht so kleinklein verloren auf weitem Terrain zu fühlen. Wenn Sie Zeit investieren können: Stückeln Sie. Besuchen Sie einzelne Ausstellungen, vielleicht sogar nur einen einzelnen Saal oder einzelne Bilder. Verarbeiten können Sie die Masse ohnehin nicht. Und das "Zuviel" ermüdet, nimmt ihnen die Freude und die Spannung, die Tiefe möglicher Empfindung und vielleicht auch das Herzklopfen. Zumal man sich auch immer wieder bewußt sein muß, daß schon das Äußere Kunstwerk ist, ein Meisterwerk der Innenarchitektur, das Kunst birgt. Nicht nur die Florentinische und Venezianische Schule, nicht nur Tizian, Raffael und da Vinci, nicht nur Rembrandt, Dürer und und und. Es gibt die unendliche Pracht der Säle, daran kann man auch nicht einfach vorbeilaufen, das erfordert ebenfalls ungeteilte Aufmerksamkeit. Und so manches Mal wünscht man sich still und leise ein neutraleres Umfeld für die Gemälde, und den Palast als Museumswohnung. Schwierig zu sagen, ob das eine vom anderen zu sehr ablenkt? Und wohin die Aufmerksamkeit richten. Deshalb: Stückeln Sie.

Und schließlich: Die Ermitage - losgelöst von ihrem reichen Innenleben, das dem normalen Besucher nur in den seltensten Fällen zugänglich ist - ist auch spannendes Leben, wunderbares typisch russisches Leben, wie es sich im Heranführen an Kulturwerte in der Kindheit manifestiert. Auf seine Museumspädagogik kann Rußland wahrlich stolz sein. Und wieviel Zeit brauchen Sie, um einer Kindergruppe zu folgen, die sich Kunst erschließt? Man kann sich einfach dazu setzen und den Kinderstimmen lauschen, wenn sie Farbe in Wort fassen, wenn sie mittelalterliche Historie in kleinen Erzählungen neu schöpfen, wenn sie gelöst und entspannt auf dem Boden liegen und ihre eigenen Sichten zu Papier bringen.

Ja, es ist klug, sich Zeit zu nehmen. Und die Ermitage Mal für Mal mit neuem Ziel zu betreten, oder sich treiben zu lassen, oder nur einen Spaziergang durch die Pracht vergangener Architektur zu machen. Da stehen dann - für viele ausländische Besucher - natürlich wieder die exorbitanten Eintrittspreise vor. Und so werden viele Kunstfreunde, die einen ganzen Tag in diesem einzigartigen Museum verbracht haben, von dessen Besitz sie ohnehin nur einen Bruchteil sehen können, wieder nur Bruchteile wahrnehmen.
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