Gesellschaft


Die "ungeprügelte Jugend" betritt die Szene in Rußland [ Volltext ]
Die "heldenhafte Zeit" des Russischen Norden [ Abstract ]
Hinrichten nicht begnadigen [ Abstract ]
Gesetzlichkeit und Menschenrechte auf islamischer Rechtsgrundlage [ Abstract ]
Verbrechen oder tradierte Lebensweise - Kriminalität im Nordkaukasus [ Abstract ]
Die Massenmedien und die Gesellschaft [ Abstract ]
Blick auf die russische Presselandschaft [ Abstract ]
Russisches Fernsehen - Wer bestimmt die Meinungen? [ Abstract ]
Hochschulbildung im Prozeß endloser Reformen [ Abstract ]
Vom schwierigen Los eines Propheten im elektronischen Zeitalter [ Abstract ]
Puschkin ... und der Staatshaushalt [ Abstract ]

Die "ungeprügelte Jugend" betritt die Szene in Rußland
von
Wladimir Petuchow, Soziologe, Russisches Forschungsinstitut für soziale und nationale Politik, Moskau


Tabelle 1
Das aktive und passive Wahlrecht erhalten in Rußland jedes Jahr eine bis anderthalb Millionen Bürger, die das 18. Lebensjahr erreicht haben. In den vier Jahren zwischen den Wahlen auf Föderationsebene stellen die Jugendlichen eine bedeutende "neue Wählergruppe", die die Ergebnisse künftiger Präsidentschafts- und Parlamentswahlen wesentlich beeinflussen kann. Die Jugend ist aber natürlich nicht nur in bezug auf ihre möglichen Wahlentscheidungen von Interesse. Heute tritt die erste Generation ins politische Leben, die keine sozialistische Erziehung genossen hat, also "die erste Frucht" der sozialen und wirtschaftlichen Umgestaltungen der letzten fünf bis zehn Jahre ist.

Vorausschicken möchte ich, daß die heutige Jugend wie die Gesellschaft insgesamt stark zersplittert ist. Es lassen sich einzelne Gruppen herauskristallisieren, die sich durch ihr Interesse für Politik, die Teilnahme am politischen Leben und die Orientierung auf verschiedene ideologisch-politische Strömungen des modernen Rußlands voneinander unterscheiden. Diese Unterschiede weisen bislang noch nicht den Charakter scharfer Widersprüche auf, wie sie bei den Älteren zu finden sind. Dies ist nur zu verständlich. Denn die heutige Jugend ist unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen aufgewachsen und betrachtet die Diskussionen von Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre, die mit dem Ende des kommunistischen Zeitalters und dem Zerfall der Sowjetunion zusammenhängen, als längst vergangene Ereignisse, die für die Gegenwart genauso aktuell sind wie solche, die sich vor hundert Jahren abspielten. Zur heutigen politischen Führung verhält sich die Jugend neutral: "Sie ist so, wie sie ist." Mit der Macht, ganz gleich in Gestalt welcher Politiker und Institutionen, sind keine besonderen Hoffnungen verknüpft. Die Jugend unterscheidet sich überhaupt wesentlich von den älteren Generationen dadurch, daß sie der Illusion, irgend jemand könne ihre Probleme lösen, bar ist. Sie ist pragmatisch und individualistisch. Der Glaube der älteren Generationen, daß "sich die Macht um sie kümmern muß", und die Enttäuschung darüber, daß diese genau das nicht tut, sind der russischen Jugend fremd. Die junge Generation verhält sich zu Macht und Politik wie zu Gegebenheiten, die zwar keine Begeisterung, aber auch keine besonders heftigen negativen Emotionen auslösen.

Tabelle 2
Dies kommt vor allem in der Distanzierung eines sehr großen Teils der Jugend vom politischen Leben zur Geltung. Die Zahl der jungen Leute im Alter von achtzehn bis 26 Jahren, die sich kontinuierlich für Politik interessieren, beträgt nur ein Drittel im Vergleich zur Elterngeneration: 13,2 gegenüber 37,5 Prozent. Hoch ist auch der Prozentsatz der politisch völlig Gleichgültigen, der 33,4 Prozent beträgt, während der vergleichbare Wert bei Älteren bei 20,6 Prozent liegt (siehe Tab. 1).

Bei den Versuchen, das offenkundig apolitische Verhalten der jungen Generation zu erklären, wurden verschiedene Überlegungen geäußert. Einige gehen davon aus, daß die Apathie der Jugend vor allem dadurch bedingt ist, daß die Reformen in Rußland in erster Linie die Jugend getroffen haben; zudem habe es in den letzten Jahren keine durchdachte Politik gegenüber der Jugend als eigenständiger Gruppe gegeben. Infolgedessen entwikkelte sich eine absolute Ent-fremdung der Jugend von der Macht, die zu einem beliebigen Zeitpunkt zu einer aktiven Ablehnung werden könnte.

In anderen Überlegungen wird die Apathie der Jugend aus einem anderen Blickwinkel interpretiert. Denn ungeachtet der Schwierigkeiten der Übergangszeit hat sich gerade die Jugend besonders leicht an die veränderten Bedingungen des Lebens angepaßt und die neuen "Spielregeln" angenommen. Der Fakt, daß sie sich aus der Politik heraushält, hängt vor allem damit zusammen, daß sie einerseits keine Notwendigkeit sieht, etwas an der bestehenden Gesellschaftsordnung grundlegend zu verändern, und andererseits die politische Tätigkeit als nicht bedeutsam betrachtet, da sie andere zukunftsweisendere Verfahren und Bereiche zur Selbstbehauptung und persönlichen Selbstverwirklichung findet.

Die Auswertung der neuesten Forschungsergebnisse belegt, daß beide Standpunkte die heutige Haltung der Mehrheit der Jugend nicht widerspiegeln.

Zunächst einmal sei angemerkt, daß das apolitische Verhalten der Jugend längst nicht so total ist, wie dies auf den ersten Blick zu sein scheint. Mehr als die Hälfte der jungen Russen (52,0 Prozent) verfolgen, wenn auch sporadisch, das politische Geschehen im Lande: 52,7 Prozent sehen ab und zu Informationssendungen und Reportagen über verschiedene Aspekte des wirtschaftlichen und politischen Lebens; 13,8 Prozent verfolgen solche Sendungen ständig; 17,9 Prozent lesen regelmäßig Zeitungen. Da die Politik beziehungsweise die Beteiligung oder Nichtbeteiligung an der Politik letztendlich eine Frage der persönlichen Entscheidung geworden ist, ist die sporadische Beteiligung am politischen Leben gar nichts Außergewöhnliches.

Zum zweiten weist die Studie aus, daß die Jugend, je älter sie wird, stärkeres Interesse an Politik zeigt. Nur 6,5 Prozent der Jugendlichen im Alter bis zwanzig Jahre verfolgen die politische Entwicklung aufmerksam, während es im Alter von 24 bis 26 Jahren bereits 13,7 Prozent sind.

Tabelle 3
Gleiches gilt auch für den Bildungsstand: Je höher der Bildungsgrad, desto höher ist der Anteil der Jugendlichen, die sich für Politik interessieren. 8,2 Prozent der Jugendlichen mit Oberschulbildung verfolgen aufmerksam die politischen Prozesse; unter den jungen Abiturienten sind es 18,4 Prozent; unter den Aspiranten und Studenten 40,9 Prozent.

Zum dritten bestätigen die Ergebnisse die Abhängigkeit zwischen vorhandenem beziehungsweise fehlendem politischen Interesse und dem Anpassungsgrad an die heutigen Realitäten nicht. Der Anteil von politisch beziehungsweise apolitisch gestimmten Jugendlichen verteilt sich gleichmäßig zwischen denjenigen, die laut Selbsteinschätzung "durch die Reformen in Rußland eher gewonnen" oder "eher verloren" haben (siehe Tab. 2).

Man muß allerdings feststellen, daß die Grenze zwischen den beiden Gruppen im Jugendmilieu nicht so deutlich sichtbar ist, wie in anderen Altersgruppen. Siebzig bis achtzig Prozent der Jugendlichen sind zum Beispiel der Ansicht, daß sie in so wichtigen Bereichen wie Hochschulbildung, Arbeitsverhältnis, Lieblingsbeschäftigung bereits Erfolge erzielt haben oder in naher Zukunft erzielen werden. Natürlich werden nicht alle Erwartungen in Erfüllung gehen, doch nivelliert das Vorhandensein solcher Erwartungen die Anpassungsprobleme.

Bislang sieht sich die Jugend zu mehr als vierzig Prozent in einem "Grenzzustand", also weder als "Gewinner" noch "Verlierer" der Reformen. Eben dieser Teil bildet die Grundlage des "politischen Sumpfes", bei dem Politik am Rande des eigenen Interesses bleibt und der weder die Möglichkeit noch den Wunsch hat, seine Einstellung zu den Wandlungen im Lande zu formulieren. Diese Kategorie Jugendliche zeigt das geringste Interesse für Politik (11,6 Prozent), und in dieser Kategorie stellen die, die sich überhaupt nicht für Politik interessieren, den höchsten Anteil (32,4 Prozent).

Ebenfalls sehr widersprüchlich sind die konkreten politischen Leitsätze und Orientierungen der Jugend. Jedoch ist die Situation nicht so eindeutig, daß man sie als eine totale ideologisch-politische Desorientierung bezeichnen könnte.

Die Jugend betrachtet die heutige Politik und insbesondere die jüngste Vergangenheit unter eigenen Blickwinkeln. Die 40- bis 50jährigen schätzen die Meilensteine der vergangenen Jahre - die von Gorbatschow eingeleitete Perestroika, den Zerfall der Union, den Beginn der Marktreformen und die Wiederwahl Jelzins 1996 - extrem negativ ein. Die Jugend verhält sich hierzu offener. Die Perestroika wird eher positiv als negativ eingeschätzt (38,8 gegen 35,4 Prozent), die Gaidarschen Reformen eher negativ als positiv bewertet (30,2 gegen 29 Prozent). Dies bedeutet, daß die Jugend ungeachtet der Probleme das "neue" Leben nicht total ablehnt; dies gilt auch für Ereignisse, die das "Alte" vom "Heutigen" trennten.

Tabelle 4
Weniger deutlich ist auch die Vorliebe der Jugend für moderne ideologisch-politische Strömungen und deren Träger ausgeprägt. Nur 32 Prozent der Befragten konnten sich im Koordinatensystem des heutigen ideologischen und ideologisch-politischen Bereichs wiederfinden, während sich 26,2 Prozent als Anhänger einer Kombination aus Liberalismus, Sozialismus und russischer Eigenständigkeit einstuften. 40,1 Prozent sympathisieren mit keiner ideologisch-politischen Strömung (siehe Tab. 3).

Diese Verteilung erklärt sich aber weniger aus ideologischen Faktoren, als vielmehr durch die Umstände des konkreten Lebens und der politischen Praktiken. Der niedrige Anteil von Anhängern des sozialistischen Gedankens (4,5 Prozent) ist darauf zurückzuführen, daß die junge Generation verstanden hat, daß es keine Rückkehr in die Vergangenheit geben kann. Zugleich ist sie sich bewußt, daß es bislang keine richtige "Linke" gibt, die eine Alternative bieten könnte, die in ihrem Kern keine Restaurierung des alten Systems wäre. Drittens sehen sie die Generation ihrer Väter und Großväter, die ihr Leben dem Vaterland hingegeben haben und denen als Resultat der Erschütterungen der letzten Jahre "alle Felle davongeschwommen sind".

Relativ klein ist der Anteil der Jugendlichen, die heute die "tiefgehenden Marktreformen" unterstützen (13,1 Prozent). Das ist im Vergleich zur älteren Generation zwar ein größerer Anteil, aber wesentlich weniger, als dies mit Blick auf ihren eigenen "spontanen Liberalismus", genauer aber auf ihr Bekenntnis zu bürgerlichen Verhaltensmodellen und Werten wie Individualismus, Erfolgsorientierung, eigenes Wohlergehen zu erwarten wäre. Übrigens werden im realen Leben und Bewußtsein diese Werte mit weniger wichtigen Komponenten der bürgerlichen Ethik und Moral wie Verbindlichkeit und Initiative bei weitem nicht immer verbunden. Die Jugend betrachtet den Liberalismus in ihrer Mehrheit nicht als einen Satz abstrakter Formeln von Demokratie, Menschenrechten und Marktwirtschaft, sondern der Liberalismus ist für sie eine durchaus greifbare politische und wirtschaftliche Realität, die weder abgelehnt noch befürwortet wird.

Die junge Generation lehnt vieles von dem ab, was den besonderen "russischen" Kapitalismus ausmacht. Aber auch den Mythen des westlichen "Konsumparadieses" und den Mustern der westlichen Massenkultur werden wenig Beachtung geschenkt. Daraus ergibt sich eine - wenn auch unwesentliche - Priorität des Gedankens eines eigenständigen russischen Entwicklungsweges. 15,2 Prozent der Befragten unterstützen diesen Gedanken. Der jugendliche Nationalpatriotismus ist dabei weder imperial noch archaisch geprägt, sondern ein Ergebnis dessen, daß für die Jugend Rußland den Teufelskreis aus Rückständigkeit und Abhängigkeit nur durchbrechen kann, wenn es nicht zu einem Randgebiet des Westens wird.

Tabelle 5
Insgesamt sind die Grenzen zwischen den Anhängern verschiedener ideologischer Strömungen fließend. Die archaische Teilung der Gesellschaft in "Kommunisten" und "Reformer" entspricht nur in geringem Maße der Mentalität der Jugend, wobei sich die "Liberalen" nach einigen Daten kaum von denen unterscheiden, die sich als Anhänger eines "eigenständigen russischen Weges" bezeichnen.

Dies bedeutet, daß in Zukunft ein Konsens möglich ist, zumindest bezogen auf die grundlegenden Werte und Institutionen. Dieser wird offensichtlich durch eine Synthese von sozialliberalen und nationalen Gedanken erzielt, da die Jugend in einem freien, reichen und großen Land leben will.

Das aber ist die Zukunft. Noch besteht ein eher "negativer Konsens" über die heutige Situation Rußlands und seine Perspektiven. Nur 8,8 Prozent der befragten Jugendlichen glauben, daß Rußland in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu einem wirtschaftlich blühenden Land wird. 12,6 Prozent sind überzeugt, daß es zu einem demokratisch entwickelten Staat wird, und 10,9 Prozent, daß es zu einem Land wird, das weltweit Ansehen genießt. Der Optimismus, der der Jugend im Prinzip zu eigen ist, erstreckt sich also nicht auf den Staat und eine schnelle Überwindung der Krise.

Die Mehrheit der Jugend wie auch der Bevölkerung unterstützt insgesamt den Gedanken, daß die Föderation eine "starke Hand" braucht, die Ordnung im Lande schafft (53,7 gegenüber 18,9 Prozent). Das Gegenteil, nämlich daß Rußland demokratischer Institutionen und Gesetze bedarf, wurde allerdings praktisch im gleichen Verhältnis unterstützt (50,8 gegenüber 14 Prozent). Die junge Generation hat sich wie die ältere noch nicht festgelegt, in welcher politischen Ordnung sie leben möchte. Die Hauptfrage lautet, wie die beiden Kernwerte - nämlich individuelle Freiheit und nationale Ordnung, die die Konkurrenzfähigkeit Rußlands in der komplizierten Welt sichern könnten - miteinander zu verbinden sind? Feststeht, daß eine Diktatur, also eine "starke Person", die sich massiv in das Privatleben einmischen würde, abgelehnt wird.

Im Hinblick auf konkrete politische Vorlieben der Jugend fällt auf, daß fast vierzig Prozent der Befragten keinen würdigen Kandidaten für das Präsidentenamt benennen können. Unter denen, die sich in ihrer politischen Entscheidung festgelegt haben, ist folgender Trend sichtbar: Die Jugend verliert das Interesse sowohl an der traditionellen Opposition als auch an Personen, die die heutige Ordnung versinnbildlichen und ihren Erhalt garantieren. Gefragt sind Politiker, die positive Wandlungen sichern können, ohne die Grundlagen der Gesellschaft anzugreifen. Die Sympathien der Jugend verteilen sich entsprechend auf Juri Luschkow, Grigori Jawlinski, Boris Nemzow und Alexander Lebed, die jeweils extrem unterschiedliche politische Positionen besetzen.

Eine Grundfrage, die insbesondere nach den Studentenkundgebungen des letzten Jahres immer intensiver diskutiert wird, ist die Frage der Radikalisierung der Jugend. Die Studie gibt darauf keine eindeutige Antwort. Einerseits ist ein großer Teil der Jugend träge; andererseits sind in ihrem aktiven Teil unterschiedliche Trends sichtbar. Bei einer drastischen Verschlechterung der Lebensbedingungen sind daher unterschiedliche Verhaltensmuster zu erwarten (siehe Tab. 4).

Die überwiegende Mehrheit der Befragten zieht statt aktiver sozialer Protestformen die individuelle Anpassung an die Verschlechterung der Lebensbedingungen vor. 62,2 Prozent wollen sich in diesem Fall um zusätzliche Einkommensmöglichkeiten bemühen. Ein großer Teil will dann auswandern. Mit 11,8 Prozent übersteigt diese Zahl den Vergleichswert der älteren Generation um mehr als das Doppelte (4,7 Prozent). Andererseits wäre ein beachtlicher Teil (acht Prozent) bereit, die eigenen Interessen mit radikalen Mitteln zu verteidigen und an Protestaktionen teilzunehmen, während 6,1 Prozent sogar "auf die Barrikaden gehen" wollen.

Es versteht sich, daß es von der hypothetischen Bereitschaft, "zu den Waffen zu greifen", zum realen Waffeneinsatz ein großer Schritt ist. Die Bereitschaft selbst ist jedoch beachtenswert, wie auch der Tatbestand, daß ein ganz erheblicher Teil derjenigen, die ihre heutige materielle Lage als durchaus gut betrachten, extrem entschlossen gestimmt ist (siehe Tab. 5).

Die Schlußfolgerung liegt nahe, daß unter bestimmten Voraussetzungen nicht nur die "Verlierer", sondern auch ein Teil der Jugendlichen, der bereits etwas erworben hat und es nicht verlieren will oder der "einen Platz an der Sonne" zu erlangen sucht, seine Hoffnungen jedoch nicht umsetzen konnte, bereit ist, die eigenen Interessen mit radikalen Mitteln zu verteidigen.

Trotzdem scheint eine gravierende Radikalisierung der Jugend selbst bei der Verschlechterung des sozialen Hintergrunds wenig wahrscheinlich, was vor allem durch den schlechten Grad der Selbstorganisation bedingt ist. Denn es gibt weder "Horizontalbeziehungen", noch Subjekte, die den aktiven Teil der Jugend organisieren könnten. Versuche, zuerst den Komsomol zu reanimieren und auf dieser Basis Parteien und Bewegungen zu gründen, die die Interessen der Jugend vertreten würden, sind gescheitert. Dies ist durchaus logisch, wenn man bedenkt, daß die Vertreter der verschiedenen "Gruppen" nur durch ihr Alter geeint sind. Die wenigen Vertreter der "informellen" Jugendbewegung, die Anfang der 90er Jahre ihre Ansprüche anmeldeten, sind heute entweder Teil der Machtstrukturen oder an den Rand des politischen Lebens gedrängt.

Ähnliches gilt auch für die Jugendsubkultur. Diese entwikkelt sich optisch zwar sehr intensiv, es mangelt ihr aber an einem sozialen und patriotischen Kontext. Alle Jugendidole sind wie die Informellen der 90er Jahre entweder ins herrschende Establishment eingebunden (es genügt, auf den Propagandafeldzug "Stimmen oder Verlieren" im Sommer 1996 zur Unterstützung Jelzins zu verweisen) oder aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden.

Die Ausführungen besagen nicht, daß die heutige und insbesondere die nächste Jugendgeneration konfliktfrei ins Leben eintreten wird. Höhere Anforderungen an Bildung und Qualifikation und ein merklich sinkender Bedarf an Arbeitskräften im Finanz-, Geschäfts- und Handelsbereich (in den Bereichen also, die von Jugendlichen mehrheitlich bevorzugt werden) kommen bereits heute zur Geltung und lösen Zukunftsängste aus. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann man vorhersagen, daß die Generationskonflikte verschärft werden. Die "natürliche" Ablösung der Generation wurde bereits Anfang der 90er Jahre gestört. Nach dem Augustputsch ist die Generation der damals 40- bis 50jährigen in bezug auf den sozialen Status und den materiellen Wohlstand tief "gesunken". Sie wurde durch die Generation der 25- bis 30jährigen "zur Seite geschoben", die viele "Kommandostellen" in Politik und Wirtschaft besetzte. Es entstand die merkwürdige Situation, daß die kommende Generation die ältere Generation, die übrigens heute noch im erwerbsfähigen Alter ist, sowohl in bezug auf den Anpassungsgrad als auch auf den materiellen Wohlstand überrundet hat.

In der Politik kam dieser Konflikt insbesondere beim Präsidentschaftswahlkampf 1996 zum Ausdruck, als die "fortschrittliche" Jugend den "konservativen Alten" gegenübergestellt wurde. Es handelte sich um einen offenen "Jugendchauvinismus". Es gibt keine Garantie, daß die neue Generation, die zur Hälfte davon überzeugt ist, daß sie im Leben mehr als die Generation ihrer Eltern erreichen wird, und zugleich weiß, daß "die moderne Welt grausam ist und man, um zu überleben und erfolgreich zu sein, für seine Stellung kämpfen muß", nicht versuchen wird, ihre Überzeugung praktisch umzusetzen.


Die "heldenhafte Zeit" des Russischen Norden
von
Anatoli Koslow, freier Journalist, Moskau


Dies Ausbeutung der reichen Rohstoffvorkommen - wie in dieser Goldgrube - bedeutet ein großes wirtschaftliches Potential für die Russische Föderation
Der Hohe Norden ist eines der an Bodenschätzen reichsten Gebiete der Welt, und eine für Rußland zugleich lebensnotwendige Devisenquelle. Die schwierige und äußerst aufwendige Erschließung der Region wurde in der Sowjetunion über die Schaffung eines riesigen künstlichen Versorgungsnetzes unter hohen finanziellen Aufwendungen betrieben. Heute hat die Russische Föderation die für den Norden benötigten Mittel nicht mehr - weder um den unermeßlichen Ressourcenreichtum abzubauen, noch um die dort angesiedelte Bevölkerung ausreichend mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen oder gar deren Arbeitsplätze zu sichern. Das Leben in Armut steht in eklatantem Widerspruch zum natürlichen Reichtum der Region und stellt mittlerweile eine regelrechte Notstandssituation dar.


Hinrichten nicht begnadigen
von
Alexander Lewschin, freier Journalist, Kiew


Mit der Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention hat sich die Ukraine verpflichtet, die Todesstrafe abzuschaffen. Tatsächlich kann die Übergangsfrist, die der Europarat dem Land gesetzt hat, nicht erfüllt werden, denn die Oberste Rada, das Parlament der Ukraine, hat die Konvention noch nicht ratifiziert, und das neue Strafgesetzbuch, in dem die Todesstrafe nicht mehr vorgesehen ist, wird die Rada ebenfalls kaum bis Mitte des Jahres verabschieden können. Zudem steht die ukrainische Bevölkerung der Abschaffung der Todesstrafe ablehnend gegenüber. Angesichts des bereits angelaufenen Präsidentschaftswahlkampfes ist eine ernsthafte öffentliche Diskussion kaum zu erwarten. Die Kandidaten werden sich, so die Befürchtung, der Stimmung der Bevölkerung wahrscheinlich anpassen. In der Überschrift steht kein Komma: In der Vergangenheit wurde ein Schild mit dieser Aufschrift bei Hinrichtungen aufgestellt - es war ein Befehl, wobei offen blieb, ob der Verurteilte hingerichtet oder begnadigt werden soll.


Gesetzlichkeit und Menschenrechte auf islamischer Rechtsgrundlage
von
Juri Iljin, Jurist, Moskau


An die neue Scharia-Gesetzgebung werden sich auch die Tschetschenen gewöhnen müssen
Die Republik Tschetschenien - sie selbst nennt sich Republik Itschkeria - ist formell Teil der Russischen Föderation. De facto hat sie sich aber längst von Rußland gelöst und einen unabhängigen Staat geschaffen. Eines der neuen Attribute ist ein eigenes Strafgesetzbuch. Das tschetschenische Strafgesetzbuch und Gerichtssystem basieren auf der islamischen Rechtsgrundlage, der Scharia. Aus Unkenntnis können Nichtmoslems gegen viele Gesetze verstoßen. Bestraft werden beispielsweise nichtehelicher Geschlechtsverkehr, Trunkenheit in der Öffentlichkeit, Verstöße gegen das Ehr- und Sittlichkeitsempfinden der Bevölkerung und Ruhestörung. Extrem harte Strafen zieht auch jede Form vermeintlicher Spionage nach sich, wobei der Begriff sehr schwammig gefaßt ist. Bei aller Strenge läßt die tschetschenische Gesetzgebung den Gesetzesbrechern aber ein Hintertürchen offen: Wenn man nämlich glaubhaft seine guten Absichten und die Unvorsätzlichkeit seiner Handlungen nachweisen kann, wird der Vorgang schnell vergessen.


Verbrechen oder tradierte Lebensweise - Kriminalität im Nordkaukasus
von
Alexander Iskanderjan, Kaukasusexperte, Moskau


Die Armut in Tschetschenien hat ungeheure Ausmaße angenommen.
Kaukasus und Kriminalität - das scheint heute eine begriffliche Einheit zu sein. Schaut man genauer hin, stellt man fest, daß der Nordkaukasus in bezug auf die Kleinkriminalität am unteren Ende der Kriminalitätsstatistiken in der Russischen Föderation rangiert. Im Kaukasus und insbesondere in Tschetschenien haben wir es nach europäischen Vorstellungen mit einer Kriminalisierung in allen Bereichen - wirtschaftlich, rechtlich, politisch - zu tun, wobei es vor allem um "Wirtschaftskriminalität" geht. Berücksichtigen muß man, daß angesichts der unzureichenden Gesetzgebung und unausgegorenen Steuererhebung im Prinzip die ganze Wirtschaft beziehungsweise ihre privaten Formen kriminalisiert sind (was allerdings für ganz Rußland gilt). Viele Formen der Kriminalität sind der Tatsache geschuldet, daß der Staat seinen Pflichten in keiner Weise nachkommt. Es hat sich zum Teil eine Situation herausgebildet, in der erst kriminelles Handeln das Überleben sichert. Ein möglicher erster Lösungsschritt wäre, die Schattenwirtschaft amtlich zuzulassen, um dann die tatsächlich kriminellen Elemente zu isolieren und zu bekämpfen.


Die Massenmedien und die Gesellschaft
von
Wladimir Petuchow, Russisches Forschungsinstitut für soziale und nationale Politik, Moskau


Die Massenmedien standen in der Zeit von Glasnost für die Kommunikation zwischen Herrschenden und Bevölkerung, und die Bevölkerung hatte großes Vertrauen zu ihnen. Doch hat sich dieses Verhältnis in den letzten Jahren erheblich verändert. Auch wenn die russische Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit weiterhin ein großes Interesse an Information hat, traut sie den Massenmedien nicht mehr, da sie diese als Teil der herrschenden Elite wahrnimmt. Zudem können Kampagnen der Massenmedien wie der aktuelle Kampf gegen den Antisemitismus durch ihre stark propagandistische Ausrichtung sogar das Gegenteil bewirken.


Blick auf die russische Presselandschaft
von
Anna Wostruchowa, Mitarbeiterin des EPIzentr, Moskau


Der russische Zeitungsmarkt hat sich in den letzten Jahren rapide gewandelt. Der Staat hat seinen starken Einfluß auf die Printmedien verloren und verfügt nur noch über einige eher unbedeutende Zeitungen. Neben traditionsreichen Zeitungen, die oft auf eine 70jährige Geschichte zurückblicken und traditionelle Formen des Journalismus pflegen, sind eine Reihe neuer Zeitungen entstanden, die sich eher an westlichen Vorbildern orientieren. Fast allen Zeitungen gemein ist, daß sie heute von den großen Finanzindustriegruppen kontrolliert werden. Allein das Verlagshaus "Kommersant" scheint noch relativ unabhängig zu sein.


Russisches Fernsehen - Wer bestimmt die Meinungen?
von
Filimon Sergejew, Fernsehjournalist, Moskau


Mit Entstehtung der ersten privaten zentralen Fernsehsender wurden auch in den Regionen Fernsehsender gegründet, die aber oft schon nach kurzer Zeit aufgeben mußten
Die Fernsehlandschaft in Rußland hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Aus dem einstigen Fernseh- und Rundfunkmonopolisten der Sowjetzeit Gosteleradio lösten sich die Fernseh- und Rundfunkgesellschaften der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Und aus den Resten des Monopolisten entstand mit der Zeit die Aktiengesellschaft ORT, die zu 51 Prozent in staatlichem Besitz ist, auf die aber Boris Beresowski, dessen Unternehmen LogoWAS dreizehn Prozent der Aktien besitzt, einen ganz erheblichen Einfluß ausübt. Neben ORT bestehen heute eine Reihe von überregionalen und regionalen privaten und staatlichen Sendern, die aber zusammen kaum mehr Zuschauer erreichen als ORT.


Hochschulbildung im Prozeß endloser Reformen
von
Alexej Koslatschkow, freier Journalist, Moskau


Nach dem Zerfall der UdSSR sollte auch das Bildungswesen reformiert und an die neuen wirtschaftlichen Erfordernisse angepaßt werden. Dies war notwendig geworden, da die Ausbildung in ingenieurtechnischen Richtungen in der UdSSR einen überproportional großen Anteil hatte. Wie in so vielen Bereichen blieb man aber auch im Ausbildungssektor auf halber Strecke stehen beziehungsweise kopierte blindlings westliche Bildungssysteme. Herausgekommen ist ein Stückwerk, das den tatsächlichen Anforderungen an ein modernes Ausbildungssystem in keiner Weise entspricht. Nicht nur daß der Staat das Bildungswesen gelinde gesagt unzureichend finanziert, wodurch sich die Hochschulen immer stärker auf kommerzielle Tätigkeiten verlegt haben; die Gefahr eines tatsächlichen Bildungsverlustes liegt auch in den nichtstaatlichen Hochschulen, die hohe Gebühren für schlechte Lehrtätigkeit und in Teilen mangelhafte Ausbildung erheben.


Vom schwierigen Los eines Propheten im elektronischen Zeitalter
von
Alexej Koslatschkow, freier Journalist, Moskau


Als Alexander Solschenizyn nach Rußland zurückkehrte, hoffte er auf einen würdigen Platz in der Gesellschaft.
Alexander Solschenizyn wurde Ende 1998 achtzig Jahre alt. Entgegen seinen Hoffnungen, nach seiner Rückkehr nach Rußland als einflußreiche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens einen ihm gebührenden Platz einnehmen zu können, stieß er mit seinen Ansichten und Mahnungen vor allem bei den Mächtigen auf Ressentiments, was zu einer beinahe völligen Ignorierung des Schriftstellers in der Öffentlichkeit führte. Aufsehen erregte er mit seinem 1998 erschienenen Buch "Rußland vor dem Zusammenbruch", in dem er die Gier der politischen Führung für die Zerstörung des Landes verantwortlich machte. Jelzin zeichnete ihn trotzdem oder gerade deswegen mit dem Andreasorden aus, den Solschenizyn - wie nicht anders zu erwarten war - ablehnte.


Puschkin ... und der Staatshaushalt
von
Alexej Koslatschkow, freier Journalist, Moskau


Aus Anlaß des 200jährigen Geburtstages von Alexander Puschkin am 6. Juni wurde das Jahr 1999 per Präsidentenerlaß zum Puschkinjahr erklärt. Ein staatlicher Puschkinausschuß wurde gebildet, der die Gesamtvorbereitung koordinieren soll. Riesige Summen sollten für vielfältige Projekte, Restaurierungsarbeiten und Werkausgaben bereitgestellt werden. Mit der Herbstkrise und der Abwertung des Rubels wurden die Mittel gekürzt, und ein Teil der geplanten Projekte wird nun nicht realisiert werden können. Trotzdem versprechen die Feierlichkeiten groß und aufwendig zu werden.


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