Vorwort


"Der Aggressor erlitt eine moralische Niederlage"

Wladimir Ostrogorski
Journalist und Publizist, Berlin
Dieser Satz war in der Sowjetunion der ständige Refrain aller amtlichen Mitteilungen über internationale Krisen mit Beteiligung der USA. Die USA waren ein Aggressor, der die verdienten Früchte seines schändlichen Tuns ernten mußte. Die andere Supermacht dagegen ging aus allen Krisen, auch den selbstverschuldeten, ehrenvoll hervor. Mit dem Nimbus des Friedenskämpfers und Völkerfreundes. Bis sie unter dem Freudenbeifall der Staatengemeinschaft zerbrach. Allerdings bedauerten es Nordkorea und Albanien, damals beide noch strikt stalinistisch.

Das war wirklich eine moralisch- politische Niederlage. Und eine wohlverdiente. Denn ein Staat, der auf das internationale Recht pfeift und sich anmaßt, zu entscheiden, wo welche Regierung an der Macht sein darf, wie es die Sowjetunion in bezug auf Ungarn, die Tschechoslowakei, Polen und Afghanistan praktizierte, untergräbt seinen Ruf, und sei er noch so mächtig. Das soll natürlich nicht heißen, daß den USA dasselbe Schicksal droht wie der UdSSR und sie demnächst in einige Dutzend Staaten zerfallen. Nein, zum Glück oder leider, es kommt auf den Standpunkt an, ist dies nicht zu erwarten. Aber ihr Ruf ist hin. Unumkehrbar. Der Ruf eines großen, mitunter arroganten Bruders, aber doch eines Bruders, der für Freiheit und Demokratie sorgte und einen Weltkrieg verhinderte. Denn inzwischen hat die Welt gelernt, daß die unschätzbaren Güter, auf Bajonette aufgespießt, nicht beglücken. Niemanden und nirgendwo.

Auch in Rußland stehen die USA jetzt am Pranger. Die Russen haben ihren Spaß daran, ihnen jetzt den Stinkefinger zu zeigen. Den Russen ist es nicht zu verdenken. Zu lange stand ihr Land aufgrund des völkerrechtswidrigen Verhaltens seiner Regierungen selbst am Pranger. Und die USA waren die ersten, die den Kreml anklagten. Vor allem wegen Gewaltanwendung.

Diese ist auch durch nichts zu rechtfertigen. Aber wenn der Moralapostel, anstatt vor der eigenen Tür zu kehren, viele Tausende Menschen in der Fremde mordet, bricht er über sich selbst den Stab.

Nach neuesten Umfragen unterstützen nur zwei Prozent der Russen die Vorgehensweise der USA im Nahem Osten ohne Vorbehalte. Dabei ist Rußland nie ein Hort des Antiamerikanismus gewesen. Ganz im Gegenteil. Selbst als das Politbüro Hetzkampagnen verordnete, um das Ansehen des Rivalen im Kampf um die weltweite Dominanz zu schädigen, verliefen diese im Sand.

Als Kinder lasen wir mit Vorliebe Mark Twain, als Jugendliche Main Reed und als Erwachsene Theodore Dreiser. Und alle waren wir Charly Chaplins heiße Fans.

Meine Generation, die Kriegsgeneration, lernte auch die amerikanischen Rosinenbomber kennen, die uns in den Kriegsjahren zwar weniger Rosinen, dafür aber Fleischkonserven und Milchpulver brachten und viele Sowjetmenschen vor dem Hungertod retteten. Und wie kann ich vergessen, daß ich den ganzen Krieg in einem amerikanischen Panzerauto mitgemacht habe?

Kein Wunder, daß sich die zwar zumeist verhaltene, aber sehr zähe Opposition zur Sowjetmacht, die dieser schließlich den Garaus machte, nicht zuletzt vom amerikanischen Mythos inspirieren ließ.

Aber seit der vielgerühmten Perestroika à la Gorbi haben wir ein anderes Amerika erlebt. Eines, in dem unsere, geschwind zu Milliardären aufgestiegenen Glücksritter freie Marktwirtschaft lernten. Und anschließend ein Land plünderten, in dem auch jetzt, nach der Überwindung des Schlimmsten, jeder dritte, wenn nicht jeder zweite unter dem bescheidenen Existenzminimum ums Überleben kämpft.

Der Einmarsch in den Irak, vom Geheul der Raketen und Bomber, vom Flehen und Stöhnen der Kinder und Frauen begleitet, gab dem Ansehen der USA in Rußland den Rest.

Es wäre gelogen, wollte ich behaupten, die Russen mögen die Muslime besonders. Aber die Russen scheinen begriffen zu haben, daß der irakische Waffengang nur der Anfang ist. Wer demnächst als Schurkenstaat ins Visier kommt, steht in den Sternen. Vermutlich wagt Washington nach der Erprobung seiner neuen Waffen und der Vervollkommnung der im Irak etwas daneben geratenen Strategie einen größeren Wurf.

Es ist billig, die Ängste der Russen, auch sie könnten irgendwann zur Zielscheibe des Schocks und Schrekkens werden, als Paranoia abzutun. Doch wer immer sich auf den Weg zur Weltherrschaft begab, kam an Rußland nicht vorbei. Vermutlich folgt auch ein neuer Möchtegern dem Beispiel seiner Vorgänger. Früher oder später. Es sei denn, ihm vergeht die Lust, weil er eine schlimme "moralisch-politische Niederlage erleidet", wie es früher so oft hieß.


Wladimir Ostrogorski
Journalist und Publizist, Berlin
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Aus der Redaktion

Spezial zum Gebiet Nowosibirsk
 
Mit dem Krieg der USA und Großbritanniens gegen den Irak, der dem internationalen Recht widerspricht - niemand hat allerdings derzeit die Möglichkeit, Bush und Blair vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen -, steht die internationale Politik vor einem Scherbenhaufen. Trotz aller Erklärungen ist unklar, wie sich die globalen Beziehungen weiterentwickeln werden und welche Rolle künftig die Vereinten Nationen übernehmen können. Werden die neuen christlichen Kreuzritter in der Bush-Administration für den freien Zugang zum Erdöl zu weiteren Schlägen gegen das internationale Recht und gegen unliebsame Staaten ausholen? Diese Befürchtungen scheint man in Georgien, Aserbaidschan und Usbekistan zu haben, die sich als einzige Staaten der GUS in die Koalition der Willigen einreihten. Die Regimes in diesen geopolitisch wichtigen Regionen versprechen sich davon wohl in einer nüchternen Güterabwägung eine Sicherung ihrer Macht. Die USA haben in den letzten Jahrzehnten immer wieder gezeigt, daß die Fragen von Demokratie, Menschen- und Bürgerrechten wenig bedeutsam sind, solange die herrschenden Cliquen im Sinne ihrer Interessen handeln.

Auch in den Staaten der GUS und insbesondere in Rußland wird die Frage gestellt, wie mit der alleinigen Supermacht und ihrem Unilateralismus der Willigen umzugehen ist. In dieser Ausgabe befassen sich daher Artikel mit der russischen Außenpolitik und deren Suche nach Bündnispartnern sowie den Beziehungen Rußlands zu Georgien. Der Kaukasus, wo Georgien nicht nur in die NATO drängt, sondern mit den USA über Militärstützpunkte und die Unterstützung im Irakkrieg verhandelte, ist Schwerpunkt weiterer Beiträge. Hier steht die Welt vor neuen Herausforderungen und auch hier geht es vor allem um Erdöl.

In der nächsten Ausgabe wollen wir uns ausführlicher den internationalen Verwerfungen aus der Sicht der Staaten Zentralasiens, der Ukraine und Belarus widmen.

Das Spezial dieser Ausgabe beschäftigt sich erneut mit dem Gebiet Nowosibirsk, das zu den wirtschaftlich potentesten Regionen Rußlands gehört.
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