Gesellschaft


aus WOSTOK SPEZIAL: Moldowa - Land am Dnjestr
 
Welch buntes Reden, welch Gemisch von Kleidung und Gesicht [ Abstract ]
Das Leben eines fahrenden Mönches - Hierodiakon Savatie [ Abstract ]
Sich regen bringt Segen - das Leben einer Weinbäuerin [ Abstract ]
Das Klondike Transnistrien - Leben jenseits des Dnjestr [ Abstract ]
Kleine Reise, kleines Glück, kleine Normalität [ Volltext ]

Spezial: Moldowa - Land am Dnjestr

Im Mittelpunkt dieser Ausgabe steht ein Spezial zur Republik Moldowa. Mit der weiteren EU-Osterweiterung wird das Land schon bald direkter Nachbar der EU. Das kleine zwischen der Ukraine und Rumänien liegende Moldowa findet kaum in tagesaktuellen Meldungen Beachtung. In den vergangenen Jahren haben auch wir Moldowa in unserer Zeitschrift stiefmütterlich behandelt, aber wir denken, daß wir dies mit unserem Spezial ein wenig ausgleichen können. Das Moldowa- und das Aserbaidschan-Spezial in der letzten Ausgabe können natürlich auch als Sonderdrucke direkt bei uns bestellt oder im Buchhandel erworben werden.



Welch buntes Reden, welch Gemisch von Kleidung und Gesicht

von
Mihai Mihailov, Journalist, Chisinau


Neben den 2,79 Millionen Moldawiern lben in Moldowa 600 000 Ukrainer, 562 000 Russen und 152 000 Gagausen
 
Moldowa gilt trotz seiner Mehrheitsbevölkerung der Moldawier als multinationale Republik, was verständlich ist, denn aufgrund seiner geographischen Lage an einem Kreuzungspunkt der Handelswege kamen und blieben Angehörige vieler Völker und Völkerschaften hier. Neben den Moldawiern stellen Ukrainer, Russen, Juden, Zigeuner und Bulgaren große Bevölkerungsgruppen. Es gibt zudem Armenier, Griechen, Polen, Deutsche, Belarussen und nicht zuletzt die Gagausen, ein christliches Turkvolk.
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Das Leben eines fahrenden Mönches - Hierodiakon Savatie
von
Dumitru Crudu, Journalist, Chisinau


Viele Klosterbesuch kommen, um Rat zu holen, zu beten, zu beichten und das Abendmahl zu empfangen
 
Viele der in der Sowjetzeit geschlossenen Klöster haben ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. Mönche und Nonnen sind zurückgekehrt, wie auch die Gläubigen. Neue Menschen haben den Weg ins Kloster gefunden. Einige Klöster sind wahre Pilgerorte, darunter Capriana, Hincu oder das Kloster Noul Neamt. Der Alltag der Mönche und Nonnen ist streng reglementiert.
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Sich regen bringt Segen - das Leben einer Weinbäuerin
von
Dumitru Crudu, Journalist, Chisinau



 
Moldowa ist ein Agrarland, reist man umher, so folgt auf einen Weingarten ein Sonnenblumenfeld, eine Obstplantage und wieder ein Weingarten. Die Bodenreform wurde in der Republik früh durchgeführt, die staatlichen Sowchosen aufgelöst, der Boden den Bauern übergeben. Das Leben als Bäuerin ist nicht einfach, wie das Beispiel Marias zeigt.
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Das Klondike Transnistrien - Leben jenseits des Dnjestr
von
Dumitru Crudu, Journalist, Chisinau


Das Ufer des Dnjestr ist beliebter Erholungsort für Alt und Jung
 
Der Landstrich Transnistrien hat im Jahre 1991 seine Unabhängigkeit als Transnistrische Moldawische Republik erklärt, auch aus Angst, daß sich Moldowa Rumänien anschließt. Das nicht anerkannte Transnistrien hat sich eine Staatsflagge und ein Staatswappen gegeben und eine eigene Währung eingeführt. Der Konflikt zwischen Moldowa und seiner Autonomen Republik ist trotz aller Vermittlungs- und Verhandlungsbemühungen bis heute nicht gelöst.
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Kleine Reise, kleines Glück, kleine Normalität
von
Britta Wollenweber, Redakteurin "Wostok", Berlin


Das Image Transnistriens ist schlecht. Hohe Kriminalität, illegaler Drogen- und Waffenhandel, und die Restwirtschaft sei fest in der Hand der Präsidentenfamilie, heißt es in Moldowa. Aber die Menschen in Transnistrien sind tatsächlich nicht anders als anderswo in der GUS. Sie haben mit vielen Schwierigkeiten in ihrem gar nicht einfachen Alltag zu kämpfen. Wie in Moldowa ist die Abwanderung aus wirtschaftlichen Gründen hoch.

Die Transnistrier wehren sich vehement gegen das schlechte Image ihrer nicht anerkannten Republik
 
Du willst nach Transnistrien? Allein, als Frau? Mit dem Bus? Begeistert waren die Bekannten in Chisinau nicht angesichts meiner kleinen Reisepläne in das gerade mal siebzig Kilometer entfernte Transnistrien. Überall, so wurde mir bedeutet, wimmele es von Miliz, die Gefahr, daß die Kamera konfisziert werde, sei groß, gesetzloser Raum sei es, in den zu fahren ich beabsichtigte. Ob man eine Genehmigung bräuchte - niemand wollte mir so recht Auskunft geben, vielleicht in dem Glauben, wenn der Reisende nicht weiß, ob er überhaupt ankommen wird, macht er sich vielleicht gar nicht erst auf den Weg. Ermutigend war das alles nicht - also ließ ich mich treiben, den Zufall entscheiden. Gehst Du halt früh zum Busbahnhof, so nahm ich mir am Abend vor, und nimmst den ersten Bus, der zu einem deiner Ziele führt. Und das war noch eine lange Liste, auf der sich verheißungsvolle Namen fanden wie Causeni, Hirjeuca, Orheiul Vechi und Soroca, eben auch Tiraspol, Tighina und Dubasari. Der Zufall meinte es gut mit mir, und das Wetter spielte mit. Morgens um sechs startete ich erwartungsfroh.

Kein moderner Mercedes-Transit diesmal, sondern ein alter Ikarus-Bus, und wie sich herausstellte, fuhr er über das nicht anerkannte Transnistrien weiter in die Ukraine. Keine gute Wahl, denn je größer der Bus, desto mehr Menschen, desto mehr Zeit brauchen wir an der Grenze kurz vor Tighina, bis alle Ausweise geprüft, alle "Fremden" ihren Obolus bezahlt haben. Wegezoll könnte man auch sagen, Eintrittsgeld für eine andere als die moldawische Welt. Sieben Lei (1,20 Euro) soll der Eintritt kosten, man wird in ein großes Buch eingetragen, muß gegenzeichnen, erhält ein "Ticket", mit der Bitte, dieses sorgsam aufzubewahren, ja und sogar eine Quittung. Alles sehr ordentlich, die Grenzer sind ausgesprochen höflich - der Busfahrer sammelt seine Passagiere ein, und schon sind wir in Transnistrien, das im Jahre 1991 seine Unabhängigkeit von Moldowa erklärt hat, wohl auch aus Angst, sich als Teil Rumäniens wiederzufinden. Tighina streifen wir nur - etwas später werde ich hier die Erfahrung machen, daß man zwar von jedem, angefangen bei den Verkehrspolizisten bis hin zur Marktfrau, zur Tighina-Festung geschickt wird, diese aber trotzdem nicht besichtigen kann. Da steht der Kommandant vor, der einen am Tor bestimmt zurückweist (immerhin entschuldigt er sich damit, daß auch Archäologen, die um einen Besuch baten - und es sind nicht wenige -, der Zutritt verweigert wurde - Militärgelände sei eben Militärgelände) - schon sind wir auf der Brücke über den Dnjestr - auch hier viel Militär, es ist eine wichtige Verbindung, die Straße führt nun geradeaus auf die Hauptstadt der Transnistrischen Moldawischen Republik Tiraspol zu. Metropole eines Gebiets, von dem viele Moldawier sagen, es sei fest in der Hand einer Gruppe Krimineller.

Die Kirchen sind in Tiraspol stets gut besucht
 
Die meisten Besucher, die zum ersten Mal nach Tiraspol kommen, werden erstaunt sein. Die Vorstellungen, die man haben könnte, wollen sich so gar nicht erfüllen. Die Stadt wirkt frisch, sauber und modern, neue Glas- und Aluminiumarchitektur neben schön restaurierten Stadthäusern und öffentlichen Gebäuden. Die Straßen sauber, kein Müll verschandelt das Stadtbild, auch keine riesigen Reklametafeln. Gerade heute wird irgendein Stadtfest gefeiert - auch wieder einer dieser Zufälle, bei denen ich mich stets frage, wie es kommt, daß ich immer und immer wieder ein solches Glück, ein kleines Glück, habe. Am Theater das Kinderfest - adrett sind die jüngsten Transnistrier, die hier in einen Wettbewerb treten - wie überall in der Welt gilt es große Bälle zwischen den Knien über eine abgesteckte Strecke zu bringen, werden Füße zum Dreibein zusammengebunden, gilt es einen Luftballon auf dem Löffel ans Ziel zu bringen. Hier auch, hier in Transnistrien?

Unter tiefblauem Himmel leuchten die Kuppeln der orthodoxen Kirche - ein wuchtiger Bau, vielleicht soll er prächtiger sein als in Chisinau. Stimmt es vielleicht doch mit der andauernden Konkurrenz zwischen dem linken und dem rechten Dnjestrufer, die härter wird, je weniger man sich in der Statusfrage näherkommt, und die unter anderem bereits in einem 30-Millionen-Euro-Sportstadion in Tiraspol Ausdruck gefunden hat, dem modernsten übrigens der gesamten Region? Mag sein. Wie überall in Moldowa ist die Kirche gut besucht. Der Chor singt göttlich. Eine jüngere Frau schickt mich ein wenig weiter die Straße hinunter, da gebe es noch eine schöne blau-weiße Holzkirche, die den Besuch lohne, wenn ich mich schon für Kirchen interessiere. Hätte sie Zeit, würde sie mich gerne begleiten, aber sie sei zugeteilt für den sonntäglichen Kirchendienst. Nein, es sind nicht nur ältere Damen, die hier die Kerzenhalter reinigen, sich um die Ordnung kümmern und den Boden nach dem Gottesdienst wischen.

Mein Spaziergang bringt mich weiter zum Zentralen Platz - als ein wenig einsam erlebe ich das Standbild von Feldmarschall Suworow, dem die Tiraspoler die Gründung ihrer Stadt verdanken, ein wenig erschreckt mich die Weite dieses in der Tat sowjetischen Zentrums, das ein Kino, Verwaltungsgebäude, das Mahnmal für den Großen Vaterländischen Krieg und für die Opfer des Afghanistankrieges umfaßt - und eben viel Raum für Militär- und sonstige Paraden. Lenin grüßt in ungewohnter Manier - das Denkmal erinnert eher an Gagarindenkmäler, dynamisch strebt die Stele mit der Leninfigur in den Himmel. Zwei Männer sehen meinem Treiben zu. Ob ich ihre Stadt schön finde, ist ihnen wichtig, und auch daß ich verstehe, daß man Geschichte nicht einfach "schleifen" kann, wie anderswo in der GUS geschehen. Nein, Menschen kommen nicht einfach nach Tiraspol - da ist sie wieder die Beschwerde über das schlechte Image, das Transnistrien hat, wie es mir auch schon beim Kinderwettbewerb entgegengeschlagen war. Unverständnis, daß niemand die Normalität bei ihnen zeigte. Ich solle unbedingt zum Dnjestrufer gehen, meinen Vater und Sohn noch, da sei es schön zum Spaziergehen, zum Ausruhen, auch zum Fotografieren, im Sommer ist der Strand gut bevölkert, jetzt natürlich sei kein Badewetter mehr. Auch das Theater und die Universität sollte ich nicht missen, alles ist gut zu Fuß zu erreichen. Wenn ich hungrig sei, könne ich in eine Pizzeria gehen, da sei immer viel junges Volk, zweifelnd sehen sie mich an. Die Uni liegt verlassen, klar an einem Sonntag, nur einige Studierende sitzen unter den Bäumen. Allseits Neugier, auch Offenheit. Die Meinungen sind geteilt, wenngleich alle darin übereinstimmen, daß der Unterricht nach russischen Lehrplänen und die Anerkennung der Diplome in Rußland dort Chancen bieten. Das übliche Klagen über die Schwierigkeiten im Bildungswesen, aber wen wundern sie in den wirtschaftlich krisengeschüttelten Nachfolgerepubliken der Sowjetunion. Auch daß für gute Vorschuleinrichtungen nicht wenig Geld bezahlt werden muß, wird heftig kritisiert. Ein Germanistikstudent fragt mich am Schluß ironisch, ob ich auch die Babuschkas erwähnen werde, die an den Straßenkreuzungen geröstete Sonnenblumenkerne verkaufen. Und ob sie denn nur hier so exotisch seien, daß sie in jedem der spärlichen Reiseberichte über Transnistrien Erwähnung finden müßten.


 
Der Dnjestr, ja schön ist er, auf eine ruhige Art einfach schön. Einige Kinder einsam am Ufer. Weiter hinten führt ein Bootssteg weit in den Fluß hinaus, eine Großmutter ist besorgt um die Enkelkinder, die sich so vollkommen angstfrei über dem Wasser geben. Andrej, ein junger Mann, lädt mich ein, den Ruderklub zu besichtigen. Der läßt sich sehen. An diesem Sonntag wird geteert, gestrichen, ausgebessert. Ein kleines Idyll ist es hier am Wasser mit vielen jungen Menschen und schönem Blumengarten, ja der wird gehegt, ob mir denn nicht aufgefallen sei, daß alle hier in der Region Freude an bunten Pflanzen in Garten und Hof haben? Und dann: Eine Rudermeisterschaft wird gerade ausgetragen, ob ich aufs Wasser hinaus wolle, schöne Fotos könnte ich dort machen, und überhaupt sei die Landschaft drei Kilometer den Fluß hinunter ursprünglicher und der Fluß herrlicher. So finde ich mich also in einem knatternden Motorboot auf dem Dnjestr wieder - auf dem Weg zum Startpunkt einer russisch-belarussisch-transnistrischen Rudermeisterschaft, die Kinder und Jugendliche dieser drei Länder (wenn man Transnistrien denn sicher nicht ganz rechtmäßig als eines zählt) zusammenbringt, in Begleitung des Fahrers und eines nach Kalifornien ausgewanderten Tiraspolers, der das Wettrennen auf Video bannt. Kleine Dinge, kleine Treffen, nichts Spektakuläres - Präsident Igor Smirnow - der Zar eigener Gnade, wie die Moldawier sagen - schippert an uns vorbei, klein ist sein Boot, und einen Begleittrupp hat er auch nicht. Das Image Transnistriens ist extrem schlecht - warum über die Machthaber lamentieren, sprechen wir doch lieber über die Bürger, meint Andrej, nachdem ich wieder heil am Ufer bin. Natürlich haben die Transnistrier Probleme, und natürlich fühlen sie sich als Menschen zweiter Klasse und besorgen sich irgendeinen Paß - mit dem transnistrischen sind sie in ihrer Bewegungsfreiheit sehr stark eingeschränkt. Aber trotzdem, auch wenn sie einen russischen Paß haben, gehe es ihnen doch um ihre Heimat. Auch wenn viele ins Ausland gehen, um dort zu arbeiten, ziehe es die meisten doch wieder zurück. Ob er selbst daran gedacht hat, seine Zukunft woanders aufzubauen? Keine Frage. Schau Dich doch um, betrachte das Kleine, Sport verbindet. Die Jugend, die hier engagiert ist, hat Ziele, trinkt nicht und nimmt keine Drogen. Lauf durch die Stadt, sprich mit den Menschen, hör ihnen zu, worüber sie klagen. Aber dann meint er noch, zeig den Menschen in Deutschland einfach einige Fotos, die Du bei uns gemacht hast, zeig ihnen unsere Normalität, da muß man vielleicht gar nicht so viel erklären.


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