Politik

Niemand wird zur Verantwortung gezogen - Interview mit Zainap Gaschajewa [ Volltext ]
Formieren sich die russischen Oligarchen neu? [ Abstract ]
Neue Regierung und machtlose Opposition in der Ukraine [ Abstract ]
Die heiße Phase vor der armenischen Präsidentschaftswahl [ Abstract ]

aus WOSTOK SPEZIAL: Die Westliche Ukraine
 
Reformen auf dem Land - der Weg ins Aus? [ Abstract ]
Über die Mythen - die Bergung der galizischen Titanic [ Abstract ]

Niemand wird zur Verantwortung gezogen - Interview mit Zainap Gaschajewa
Mit Zainap Gaschajewa sprachen Peter Franke und Britta Wollenweber in Berlin

Der Krieg in Tschetschenien dauert bereits das vierte Jahr an, und er hat Tausende Menschenleben - Zivilisten, Kämpfer und Armeeangehörige - gefordert sowie Zehntausende zu Flüchtlingen gemacht. Die tschetschenische Menschenrechtlerin Zainap Gaschajewa hat in Inguschetien die humanitäre Organisation "Echo des Krieges" gegründet, die sich um Flüchtlinge und insbesondere die Kriegswaisen kümmert. Die Organisation versucht zugleich, die Informationsblockade der russischen Führung über den Krieg und seine Schrecknisse zu durchbrechen. Die Entwicklungen der letzten Monate mit dem Geiseldrama in Moskau, der Sprengung der Kadyrow-Verwaltung in Grosny, aber auch den täglichen Übergriffen der russischen Armee zeigen nur, daß es trotz aller gegenteiliger Verlautbarungen der russischen Führung keinen Frieden ohne Verhandlungen mit allen Parteien geben wird.

FRAGE: Ein Phänomen des zweiten Tschetschenienkrieges ist die Informationsblockade durch die russische Seite. Sie und ihre Mitarbeiterinnen versuchen immer wieder, westliche Journalisten dafür zu interessieren, nach Tschetschenien zu kommen und über die Situation vor Ort zu berichten - und nicht nur Journalisten, sondern auch Menschenrechtler und Mitarbeiter humanitärer Organisationen. Aber Sie müssen die Besucher heimlich über die Grenze bringen.

Zainap Gaschajewa: Natürlich ist es ein großes Risiko, wenn Beobachter, Journalisten oder Menschenrechtler zu uns kommen und wir mit ihnen die Grenze überqueren. Andererseits fühlen wir uns verpflichtet, den Menschen, die ein Sprachrohr für die Sache der Tschetschenen und für unsere Sache sein können, zu zeigen, wie es auf der anderen Seite der Grenze - wie es in der Tschetschenischen Republik - tatsächlich aussieht. Auch ich wurde schon festgenommen. Und trotzdem müssen wir dieses Risiko immer wieder eingehen, weil es für die tschetschenische Bevölkerung immens wichtig ist, daß unzensierte Informationen verbreitet werden. Daß wir gezwungen sind, die Grenze heimlich zu überqueren, ist nur ein Beleg dafür, wie geheim dieser Krieg geführt wird, wie sehr die Journalisten daran gehindert werden, unabhängige Informationen zu sammeln.

Viele Russen haben keine Ahnung, was in Tschetschenien wirklich los ist. Viele wissen nicht einmal, daß ihre Kinder als Soldaten dort sind
 
Auch russischen Journalisten ist es verboten, frei und unabhängig über die Lage in Tschetschenien zu berichten. Sie werden von Anna Politkowskaja von der Nowaja Gaseta gehört haben. Sie wollte die Menschen kennenlernen, sie wollte sehen, was eigentlich wirklich in Tschetschenien passiert. Anna Politkowskaja wurde als Russin von russischen Soldaten verhaftet, weil sie mit den Menschen gesprochen hat, auch mit Menschen aus Filtrationslagern, die bei ihrer Entlassung unterschrieben hatten, daß sie mit niemandem sprechen werden, daß sie nichts darüber erzählen werden, was ihnen in diesen Lagern zugestoßen ist, nämlich daß sie dort schwer gefoltert worden sind. Es waren ungefähr zehn Menschen, mit denen Politkowskaja gesprochen hatte - fast alle wurden später getötet.

Im April 2002 war ich mit Anna Politkowskaja in einem Dorf in den Bergen. Das Dorf war 22 Tage vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Das Dorf besteht aus ungefähr 1600 Häusern, und es waren mehr als 5000 russische Soldaten an der Blockade beteiligt. Es wird Ihnen bekannt sein, daß russische Soldaten immer wieder Säuberungen durchführen. Gefährdet sind vor allem die jungen Männer. Die Mütter haben versucht, ihre Söhne zu schützen, sie haben sie in der Moschee eingeschlossen - zwanzig Tage lang. Trotzdem ist es den Soldaten gelungen, zwanzig junge Männer mitzunehmen. Ihre Leichen haben sie später in die Luft gesprengt. Es ist unfaßbar, nicht vorstellbar. Die Mütter suchten ihre Söhne, um sie zu begraben, doch konnten sie nur zerfetzte Leichenteile ihrer Kinder einsammeln.

Wir kamen zwei Tage nach dieser Blockade und den grausamen Geschehnissen in das Dorf, und die Menschen haben zu Anna Politkowskaja gesagt: Geh wieder weg, du bringst uns nichts Gutes, wir werden dir nichts sagen. Wenn wir etwas sagen, werden wir erschossen. Damit Anna Politkowskaja ihren Artikel schreiben konnte, mußte ich die Menschen zu überzeugen versuchen, daß sie eine gute Frau ist, daß sie ihnen mit ihrer Berichterstattung etwas Gutes tun wird. Sie sehen, die Menschen sind so eingeschüchtert, daß sie gar nicht mehr darüber sprechen können, was mit ihnen gemacht wird. Die Menschen haben Angst, und sie verlieren die Hoffnung, daß jemand ihnen wirklich zuhört.

Wir waren in diesem Dorf bei einer tschetschenischen Familie. Der Sohn und der Vater waren gefoltert worden. Die Mutter wollte zunächst ebenfalls nicht mit uns sprechen. Auf der Straße hat sie uns dann doch erzählt, wie ihr Sohn gefoltert worden war. Und was ihr Mann erdulden mußte. Der Mann wurde mit den Händen an ein Holzkreuz genagelt, dann sagten ihm die Soldaten: versuch doch, dich selbst zu befreien. Es gibt Hunderte solcher Fälle. Das ist für niemanden vorstellbar, aber es ist die Realität, über die niemand mehr Bescheid wissen möchte.

Für Tschetschenien und seine Bevölkerung gibt es eigentlich nur zwei Wege. Der eine ist, die Schrecknisse, die Grausamkeiten irgendwie auszuhalten und zu versuchen, als Volk irgendwie zu überleben. Die andere Möglichkeit ist, sich zu artikulieren und Zeugnis darüber abzulegen, was in der Republik vorgeht: Es ist die vollkommene Mißachtung aller Menschenrechte.

FRAGE: Es wird viel über den "loyalen" Verwaltungs- und Regierungsapparat um Kadyrow gesprochen, wie auch über die Maschadow-Regierung, die die Russische Föderation nicht für Friedensgespräche akzeptiert - wobei man sich in Erinnerung rufen muß, daß Maschadow in demokratischer Wahl zum Präsidenten gewählt wurde. Welche Haltung hat die Bevölkerung tatsächlich zu diesen "Politikern"? Hat Kadyrow Rückhalt bei den Menschen, setzen die Menschen noch Hoffnung auf den untergetauchten Maschadow?

Zainap Gaschajewa: Kadyrow steht für die Moskauer Regierung. Man kann sagen, daß zu Beginn des Krieges vielleicht fünfzig Prozent Kadyrow und der russischen Macht loyal gegenüberstanden. Mittlerweile ist die Situation völlig gekippt. Die Tschetschenen sind zu neunzig Prozent gegen die Moskauer Regierung, gegen die russische Armee und gegen die vom Kreml eingesetzte Kadyrow-Verwaltung. Dies hat auch der russische Menschenrechtsbeauftragte Oleg Mironow, der zusammen mit der Vorsitzenden der Internationalen Helsinki-Gruppe in Moskau Alexejewa in Tschetschenien war, so eingeschätzt.

Nehmen wir die Haltung der Tschetschenen gegenüber Kadyrow, so muß man sagen, daß mit ihm überhaupt keine Hoffnungen mehr verbunden sind. Denn Kadyrow hat die ganze Zeit, die er nun das Volk vermeintlich vertritt, nichts für die Bevölkerung getan. Er hat seine Aufgaben, nämlich das tschetschenische Volk gegenüber der russischen Armee zu schützen und gegen das brutale Vorgehen der Armee in Tschetschenien zu protestieren, nicht wahrgenommen. Ja, die Menschen verstehen sehr gut, daß er kein realer Politiker ist, daß er nichts für dieses Volk tun kann und getan hat.

Wenn man nun über Maschadow spricht, muß man realistischerweise einschätzen, daß er und die tschetschenischen Kämpfer allein dadurch Zulauf haben, daß die Russen so brutal vorgehen. Für die jungen Männer gibt es in der Regel keine andere Alternative, als in die Berge zu gehen und zu kämpfen, ich habe eben kurz über die Säuberungsaktionen gesprochen. Die Bevölkerung schätzt zudem sehr positiv ein, daß Maschadow in den letzten Monaten immer wieder versucht oder zumindest signalisiert hat, daß er zu Friedensverhandlungen bereit ist.

Die Situation in der Kaukasusrepublik ist heute so, daß selbst Tschetschenen, die auf der Seite der Russen kämpfen, die also die Seite gewechselt haben, nicht sicher vor der Repression und der Verfolgung durch die russische Armee sind. Sie erinnern sich wahrscheinlich daran, daß im Sommer ein russisches Militärfahrzeug in die Luft gesprengt worden ist. Bei diesem Attentat kamen bezeichnenderweise nur Soldaten tschetschenischer Nationalität, die auf russischer Seite kämpften, ums Leben. Dieses Beispiel zeigt, daß es überhaupt kein Vertrauen gibt, daß man sich nicht dadurch retten kann, daß man sagt, okay, ich kämpfe jetzt auf der russischen Seite.

FRAGE: Worauf führen Sie die Brutalität der russischen Armee zurück? Ist die Brutalisierung, von der in hohem Maße auch die Zivilbevölkerung betroffen ist, aus den Kampfhandlungen der letzten Jahre hervorgegangen? Oder liegt es daran, daß die russische Militärführung keine Kontrolle über die Armee hat? Steckt die Militärführung vielleicht selbst hinter dieser Brutalisierung?

Zainap Gaschajewa: Das größte Problem ist, daß den Armeeangehörigen überhaupt keine Strafen drohen. Die Brutalität wird weitergehen, und sie wird sogar wachsen, solange nie jemand für das, was er an Unmenschlichkeit an den Tag legt, zur Verantwortung gezogen wird. Ich will nicht alles auf die einfachen Soldaten schieben und nur diese verantwortlich machen. Es ist aber klar, daß die Macht ein solches Verhalten befördert, wenn sie niemanden zur Verantwortung zieht.

Das zweite ist, daß die Armee und auch die einfachen Soldaten gute Geschäfte in Tschetschenien und durch den Krieg machen. In Tschetschenien ist die Situation heute so, daß alles gehandelt, gekauft, verkauft und wiedergekauft wird. Angefangen bei den Toten - man muß den Soldaten die Leichen abkaufen, um sie bestatten zu können - bis hin zu den Lebenden - für die Entführten muß man Lösegeld bezahlen - und zu den Verschwundenen - man muß bezahlen, um überhaupt eine Information zu erhalten, was mit ihnen passiert ist, wo man sie finden kann. Auch das hat der russische Menschenrechtsbeauftragte bestätigt.

Zainap Gaschajewa (links) hielt sich auf Einladung der Gesellschaft für bedrohte Völker in Deutschland auf. Während ihres Besuches wurde ein "Forum der tschetschenischen Flüchtlinge in Deutschland" gegründet
 
Auch in der Zwischenkriegszeit zwischen 1996 und 1999 und unter der Präsidentschaft von Aslan Maschadow gab es Entführungen. Tschetschenien ist aufgrund der unzähligen Entführungen in Verruf geraten. Da wurde die tschetschenische Seite immer wieder beschuldigt - und in der Tat kann man sagen, daß es sicher ein Zusammenspiel zwischen Russen und Tschetschenen gegeben hat. Mittlerweile muß man jedoch konstatieren, daß die russische Armee ein regelrechtes System geschaffen hat, um die Menschen gefangenzuhalten, zu verkaufen, Handel mit ihnen zu treiben. Ob jemand freigelassen wird, hängt von der Zahlung der Verwandten ab. Hast du Geld, hast du kein Geld - davon hängt ab, ob dein Haus in Frieden gelassen oder geplündert wird.

Die russische Armee lebt von Tschetschenien, sie beutet die Republik in jeglicher Art und Weise aus. Die Häuser werden geplündert, das Erdöl wird gestohlen und verkauft, an jedem Kontrollposten - und es gibt unzählige - muß man Schmiergeld bezahlen.

Ein Beispiel von vielen aus einem Dorf, aus Tschetschen-Aul, will ich noch erzählen. Die jungen Männer, die dort noch lebten, mußten sich alle in einer Reihe aufstellen, und die russischen Soldaten betrachteten die Reihe, sagten dann, für den wollen wir soviel, für den soviel und so weiter. Die Mütter standen daneben und sagten, wir haben kein Geld. Die Soldaten antworteten ihnen: dann müßt ihr halt welches suchen, dann müßt ihr halt welches zusammenkratzen. Ein Soldat ging mit jeder Mutter mit, um zu kontrollieren, ob sie versucht, irgendwelches Geld aufzutreiben. Wenn nicht genügend zusammenkam, wurden die jungen Männer mitgenommen.

Man muß verstehen, daß Putin genau weiß, daß er diesen Krieg beenden muß, und er hat den Wunsch, diesen Krieg zu beenden. Aber die Armee will den Krieg nicht beenden, die Militärangehörigen, die an diesem Krieg verdienen, wollen es nicht.

Dann ist es so, daß sie immer wieder eine Rechtfertigung liefern, um diesen Krieg nicht beenden zu müssen. Das heißt, es läßt sich beobachten, daß Kämpfe oder Szenarien, die einen solchen Grund liefern, inszeniert oder gestellt werden. Beispielsweise wird an irgendeinem Kontrollposten eine Mine zur Explosion gebracht, und unmittelbar daneben stehen Soldaten und filmen das Ganze. Das Material wird dann nach Moskau geschickt: Seht, wir haben immer noch Terroristen und Kämpfer. Niemand versteht, daß die riesige Armee die Situation nicht in den Griff bekommt.

Ich komme noch einmal auf den Anschlag auf das russische Militärfahrzeug zurück, bei dem übergelaufene Tschetschenen umgekommen sind. Sofort nach diesem Anschlag wurde von russischen Medien verbreitet, daß tschetschenische Kämpfer für den Anschlag verantwortlich sind, erst danach wurde klar, daß es auf russischen Befehl passierte.

Dann ist es zudem so, daß sehr viele Gruppierungen und Untergruppierungen der russischen Sicherheitsbehörden - also nicht nur die Armee, sondern auch alle möglichen Sondereinheiten des Innenministeriums und des Geheimdienstes - hier stationiert sind, die überhaupt nicht mehr zusammenarbeiten und wo der eine das macht und der andere etwas ganz anderes. Es gibt oft Säuberungen, es kommt dann eine Einheit, und die jungen Männer werden verhaftet und mitgenommen. Dann wenden sich die Verwandten an die nächstgelegene Kommandantur, und dort heißt es, nein, wir wissen überhaupt nicht, wo die Verhafteten sind. Wir haben hier keine Säuberung durchgeführt. Fragt irgendwo anders. Das ist die absolute Willkür.

FRAGE: Wen sehen Sie in Moskau, der wirklich versuchen würde, diesen barbarischen Krieg zu beenden? Auch in der russischen Bevölkerung stößt der Krieg Umfragen zufolge nicht mehr auf die größte Zustimmung. Aber man hat nicht den Eindruck, daß es außer den "Verhandlungsversuchen" irgendwelche realen Bemühungen gibt.

Zainap Gaschajewa: Ja, es gibt Menschen. Aber es sind nicht viele. Es sind einige Dumaabgeordnete, aber sie haben viel zu wenig Einfluß und Macht. Es sind Menschen wie Oleg Mironow, Jewgeni Primakow und Iwan Rybkin. Ich denke, auch Präsident Putin möchte den Krieg beenden. Besorgniserregend ist jedoch, daß die russische Bevölkerung irgendwie völlig benebelt ist von dieser ganzen Kriegspropaganda. Es ist ein Krieg, der gegen Terroristen, Extremisten und Banden geführt wird. Die Russen verstehen nicht, was dieser Krieg mit ihrer eigenen Gesellschaft macht. Daß die Gesellschaft an diesem Krieg erkranken wird. Nämlich durch die Soldaten, die aus Tschetschenien in die russische Gesellschaft zurückkehren. Wie will man sie wieder eingliedern? Viele Russen haben keine Ahnung, was in Tschetschenien wirklich los ist. Viele wissen nicht einmal, daß ihre Kinder als Soldaten dort sind. Es gibt keine unabhängige Information. Viele wissen etwas und wollen ihre Kinder da herausholen, aber sie haben kein Geld, sie haben keine finanziellen Möglichkeiten. Vor kurzem war die Leiterin der Caritas St. Petersburg bei uns. Sie verließ den Kaukasus mit den Worten: Ich kannte Tschetschenien nur aus dem Fernsehen, ich dachte, daß dort Terroristen und Banditen sind. Jetzt habe ich die Menschen kennengelernt. Ich werde alles dafür tun, daß ein anderes Bild dargestellt wird.

FRAGE: Der Krieg kostet viel Geld. Man weiß, daß sich Rußland diesen Krieg nicht leisten kann. Sie sagten, daß die Armee den Krieg will, weil sie an ihm verdient. Halten Sie die Macht der Militärs in Rußland wirklich für so groß?

Zainap Gaschajewa: Mit dem, was ich vorhin über Wladimir Putin gesagt habe, daß er den Krieg beenden will, möchte ich den Präsidenten nicht von der Verantwortung entbinden. Er - als Präsident und als Oberkommandierender der Armee - trägt die Hauptverantwortung für diesen Krieg. Und er wird sich für diesen Krieg verantworten müssen. Aber andererseits sehe ich den wahnsinnigen Einfluß der Armee. Und es ist ein neues Muster seit Amtsantritt von Präsident Putin: Armeeangehörige der höchsten Ränge gehen in die zivile Verwaltung gehen - als Gouverneure, als Bevollmächtigte Vertreter des Präsidenten in den Regionen. Das Militär - und nicht nur dieses, es geht auch um Mitarbeiter der Geheimdienste, der Sicherheitsbehörden - breitet sich in allen Strukturen der Gesellschaft aus. Ich befürchte, daß dieses Monster erst im Hintergrund ersteht.

FRAGE: Eine Frage noch zur Lage der Flüchtlinge in Inguschetien. Es ist bekannt, daß es die Anweisung gibt, die Lager zu schließen und die Flüchtlinge nach Tschetschenien zurückzubringen.

Zainap Gaschajewa: Es wird massiv versucht, die Flüchtlinge zur Rückkehr nach Tschetschenien zu bewegen. Der neue Präsident Inguschetiens Murat Sjasikow und der tschetschenische Verwaltungschef Kadyrow haben am 29. Mai 2002 einen Vertrag unterzeichnet, daß bis Oktober alle Flüchtlinge Inguschetien verlassen haben sollten. Und die Realität der Flüchtlinge ist, daß mal das Gas, mal der Strom abgestellt wird, ihre Lebensbedingungen also künstlich erschwert werden. In Inguschetien gibt es etwa 150 unterschiedliche Flüchtlingsunterkünfte. Nicht nur in Zeltlagern, sondern auch in ehemaligen Fabriken, in Schulen und so weiter sind Flüchtlinge untergebracht. Die Unterkünfte werden von Inguschen geleitet, die vom Katastrophenschutzministerium bezahlt werden. Wenn kein Geld kommt, sagen die Inguschen: Jetzt müßt ihr gehen. Dann versuchen die Flüchtlinge, Geld zusammenzukratzen, um sie zu bezahlen und bleiben zu dürfen. Offiziell wird immer wieder gesagt, daß die Tschetschenen in ihre Heimat zurück wollen. Es wurden auch irgendwelche Flüchtlingsunterkünfte in Tschetschenien eingerichtet, aber die Sicherheitslage dort ist einfach so, daß sie dort nicht leben können. Ich selbst habe eine Flüchtlingsunterkunft in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny besucht und dort erfahren, daß täglich Säuberungen durchgeführt werden. So kommen immer noch weitere Flüchtlinge aus Tschetschenien nach Inguschetien. Diese Flüchtlinge werden jedoch in Inguschetien nicht mehr registriert. Das heißt, die Menschen erhalten auch keine humanitäre Hilfe.

Kadyrow lädt alle humanitären und Menschenrechtsorganisationen ein, in Tschetschenien zu arbeiten. Aber er garantiert nicht für die Sicherheit der Mitarbeiter. So bleibt es unrealistisch, was Kadyrow dort macht. Ich habe bislang keinen Flüchtling getroffen, der gesagt hat, er will nach Tschetschenien zurück, solange der Krieg dauert. Denn jeder weiß, was dies für die eigene Sicherheit bedeutet.

Mit Zainap Gaschajewa sprachen Peter Franke und Britta Wollenweber in Berlin
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Formieren sich die russischen Oligarchen neu?

von
Wladimir Miljutenko, Journalist, Moskau


Laut Statistiken gehört rund die Hälfte allen Eigentums, von Geldvermögen und anderen Reichtümern der Welt etwa 500 Personen, darunter sieben Russen.
 
Unter Präsident Boris Jelzin erlangten die russischen Oligarchen der ersten und zweiten Stunde ein hohes Maß an politischem Einfluß, den sie vor allem nutzten, um ihre wirtschaftlichen und Kapitalinteressen sowie ihre Gewinne abzusichern. Präsident Wladimir Putin hingegen war von Anfang an bestrebt, den Einfluß der mächtigen Finanz- und Industriegruppen zurückzudrängen - und war darin auch erfolgreich. Nun suchen die Oligarchen neue Formen, um ihre Interessen durchzusetzen. Knapp ein Jahr vor den nächsten Parlamentswahlen ist eine Neuformierung der Oligarchen zu beobachten.
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Neue Regierung und machtlose Opposition in der Ukraine

von
Juri Durkot, Journalist, Lwiw


Anatoli Kinach war der zehnte Premierminister in der Ukraine und mußte im Spätherbst seinen Hut nehmen
 
Premierminister in der Ukraine kommen und gehen, und mit Viktor Janukowitsch steht seit der Unabhängigkeit nun bereits der elfte Premier dem Ministerkabinett vor. Seine Berufung bedeutet aber auch, daß das Donezker Gebiet, das zu den wirtschaftlich potentesten der Ukraine zählt, weiter an politischem Einfluß gewinnt. Die Opposition hingegen zeigt sich kraftlos und ohne klare Strategie.
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Die heiße Phase vor der armenischen Präsidentschaftswahl

von
Chakop Chanuntunian, Journalist, Jerewan


Die Armenier stehen der Politik skeptisch gegenüber
 
Am 19. Februar wird in Armenien ein neuer Präsident gewählt. Und mit Stand vom 6. Dezember gab es fünfzehn nominierte Kandidaten, wenn auch erst nach dem 1. Januar die endgültige Zulassung zur Wahl von der Zentralen Wahlkommission getroffen wird. Die Hoffnungen, daß sich die Opposition zusammenschließen und einen gemeinsamen Kandidaten aufstellen könnte, hat sich nicht erfüllt. Für viele Beobachter wird dies Amtsinhaber Kotscharian in die Hände spielen.
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Spezial: Westliche Ukraine
Galizien, Bukowina, Transkarpatien - Streifzüge durch Geschichte und Kultur

Das Spezial dieser Ausgabe ist einem Teil der westlichen Ukraine gewidmet. Wir versuchen, uns der Geschichte und Kultur dieser Region zu nähern, die eine äußerst wechselhafte Geschichte durchlebte und von vielen Staaten und Herrschern beherrscht und beeinflußt wurde.

Das Spezial ist natürlich auch als Sonderdruck für 7,00 EUR beziehbar. Erhältlich im gut sortierten Buchhandel oder direkt beim Verlag.

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Reformen auf dem Land - der Weg ins Aus?
von
Miroslaw Lasaruk, Journalist, Tschernowitz


Im allgemeinen sind die Gemeinden mit der Bodenreform zufrieden. Jetzt kommt es darauf an, das Bodengesetz einzuhalten, trotz seiner erheblichen Lücken
 
Das Leben als Bauer und auf dem Dorf ist in der Bukowina immer schon schwer und ermüdend gewesen. Und immer wieder gab es Wellen von Landflüchtigen, die in weit entfernten Gegenden und im Ausland Arbeit suchten. Auch die Schriftstellerin Olga Kobyljanskaja hatte sich vor hundert Jahren dieses Themas in ihrem Werk "Die heimatliche Scholle" angenommen. Ungeachtet aller Landwirtschaftsreformen, die allerdings seltsam unvollendet blieben, sowie aller heutiger Umstrukturierungen der riesigen Kolchosen und Sowchosen ist der Trend zu beobachten, daß die Menschen ihre Dörfer verlassen, um Geld zum Leben zu verdienen, denn der Boden ernährt sie nicht mehr.
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Über die Mythen - die Bergung der galizischen Titanic

von
Jurko Prochasko, Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Lwiw


In Galizien ist alles anders, Galizien ist nicht die Ukraine; hier gibt es eine andere Kultur und eine andere Mentalität, auch ein anderes Verständnis von Demokratie und Zivilgesellschaft. Solcherlei Sätze wird man in Lwiw und Umgebung des öfteren hören, ebenso wie manch abenteuerlich anmutende Aufrufe zur teilweisen Autonomie bis hin zur völligen Loslösung von der Restukraine. Zwei historisch bedingte Mythen - das parlamentarisch-demokratische Verständnis einerseits und die nationalpatriotische Haltung andererseits - existieren als galizische Mythen auch heute noch. Sie wirken bis ins stürmische politische Leben der modernen Ukraine. Doch was steckt tatsächlich hinter ihnen?
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