Vorwort


10 Jahre

Vor zehn Jahren besiegelten, nach einem ausgiebigen Trinkgelage in Beloweschskaja Puschtscha, die Präsidenten der drei slawischen Sowjetrepubliken, die endlich Herren im geliehenen Haus sein und Gorbatschow entmachten wollten, das Ende der UdSSR. Nach leichten letzten Zuckungen der Zentralregierung und vehementen Widerständen der zentralasiatischen Unionsrepubliken wurde Ende Dezember 1991 in Alma Ata die Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten aus der Taufe gehoben, der sich zunächst elf der fünfzehn einstigen Sowjetrepubliken anschlossen. Die Gemeinschaft selbst war in der Hinsicht erfolgreich, daß sie eine friedliche Auflösung der UdSSR ermöglichte - die zivile Scheidung. Viele ihrer hehren Ziele der letzten zehn Jahre sind allerdings über die Papierlage nicht hinausgekommen, und jedes Jahr aufs neue erleben wir die Diskussion über die voranzutreibende Integration der Mitglieder, wobei diese eigene politische und wirtschaftliche Ziele verfolgen. Ende 1991 war die zweite Supermacht an ihren inneren politischen, wirtschaftlichen und ethnischen Widersprüchen sowie dem Willen zur Macht einzelner Politiker zugrunde gegangen.

Britta Wollenweber
Kurz vor diesem historischen Datum war auch das Schicksal der Zeitschrift "Sowjetunion heute" besiegelt worden - nicht bei einem Trinkgelage in einem belarussischen Naturschutzgebiet, sondern in Moskau. Am Subowski Boulevard mußte man feststellen, daß die sowjetische Regierung nicht mehr bereit war, Geld für Selbstdarstellungszeitschriften - heute würde man sie vielleicht Image-Magazine nennen - auszugeben. So stand im Herbst 1991 fest, daß auch die letzten vier der einst stolzen Heerschar von über hundert Propagandazeitschriften der UdSSR im Ausland eingestellt werden sollten. Aber "Sowjetunion heute" verfiel nicht wie ihre Namensgeberin: Der Reiz der Unabhängigkeit ließ auch Neues entstehen.

Die erste Ausgabe von "Wostok" präsentierte sich, begleitet von den guten Wünschen des damaligen russischen Botschafters Wjatscheslaw Terechow, im Februar 1992 als unabhängiges Medium auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt. Anders als der Vorläufer, der beinahe ausschließlich von staatlichen Subventionen lebte und von der Gorbatschow-Euphorie zu ungeahnten Auflagenhöhen getragen worden war, konnte "Wostok" nur auf den Enthusiasmus seiner Macherinnen und Macher sowie das Interesse und die Treue der Leserinnen und Leser, die dann gleich mit einer Preiserhöhung von 200 Prozent leben mußten, bauen. Wir selbst wußten vielleicht, was wir wollten, aber sicherlich nicht, worauf wir uns einließen. Dies haben wir - uns verausgabend und anstrengend - in den letzten zehn Jahren erfahren müssen. Die Existenz der Zeitschrift wie auch ihre inhaltliche Unabhängigkeit konnten wir nur durch massive Innovationssprünge, Preiserhöhung, Ausgabenreduktion, Selbstausbeutung und Reduzierung der Mitarbeiter sichern.

Peter Franke
Wurden wir inhaltlich in den ersten beiden Jahren vom EPIzentr Grigori Jawlinskis unterstützt, ist es uns danach gelungen, ein vielmaschiges Autorennetz in den GUS-Staaten zu knüpfen. Inhaltlich hielten und halten wir das Zusammenspiel von deutscher Redaktion und einheimischen Autorinnen und Autoren für wichtig. Nur so ist es möglich, sich von einer eurozentristischen Weltsicht zu lösen und anderen Sichtweisen, die uns nicht immer gefallen, Raum zu geben. Dies heißt aber auch, daß wir uns in "Wostok" schon lange mit Problemen und Fragen befassen, die erst mit dem 11. September auch in das Blickfeld der westlichen Welt gerückt sind.

Es macht Mühe, sich Themen in der Form, wie wir sie in "Wostok" anbieten, zu nähern. So bedanken wir uns bei denjenigen, die uns als Leserinnen und Leser treu geblieben beziehungsweise neu hinzugekommen sind. Sie allein sichern die Existenz der Zeitschrift. Natürlich danken wir auch allen, die uns in unserer Arbeit in den vergangenen Jahren unterstützt haben.

Die Länder wie auch unsere Autorinnen und Autoren haben sich in den letzten zehn Jahren verändert. Die Umbrüche sind an niemandem spurlos vorbeigegangen. Gemeinsam mit unseren Autorinnen und Autoren hoffen wir, daß das Interesse am postsowjetischen Raum, der trotz tiefer Wandlungen in mancher Hinsicht auch stabil und statisch geblieben ist, nicht nur tagespolitisch bedingt ist, sondern etwas Langfristiges annimmt. Den Problemen in der Region wird man nicht dadurch gerecht, daß man aus westlicher Sichtweise alle Lösungen schon vorab kennt. Dies lehrt uns die Erfahrung mit den vielen gescheiterten Beratern.

Mit dem 11. September hat es tatsächlich einen entscheidenden Einschnitt gegeben. Die USA haben sich in Zentralasien etabliert und sichern sich damit den Zugriff auf die Öl- und Gasreserven der Region. Rußland schaut eher abwartend zu, und die zentralasiatischen Republiken ergreifen die Möglichkeit, sich der freundlichen Vereinnahmung durch den nördlichen Nachbarn zu entziehen und geostrategisch, politisch und wirtschaftlich neue Wege zu beschreiten. Noch ist unklar, in welche Richtungen und mit welchen Schwerpunkten diese Entwicklungen in den nächsten Jahren vorangehen werden. Rußland reduziert sich auf seinen engeren Einflußbereich und konsolidiert sich im Inneren. Zugleich kaufen russische Oligarchen nicht nur die Ukraine und den Kaukasus, sondern auch weitere Teile der GUS auf. Es gibt also noch vieles, was wir in den nächsten Jahren diskutieren werden.


Britta Wollenweber, Peter Franke
Redakteure der Zeitschrift "Wostok"
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