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"Stalinistischer Terror - eine Forschungsbilanz" [ Volltext ]

"Stalinistischer Terror - eine Forschungsbilanz"
von
Annette Süß, Berlin


Unter dem Titel "Stalinistischer Terror - eine Forschungsbilanz" fand am 13. und 14. November 2001 in der Gedenkstätte deutscher Widerstand in Berlin eine Konferenz mit Teilnehmern aus Rußland, der Ukraine, Deutschland und Österreich statt. Veranstaltet wurde die Tagung von dem Verein "Helle Panke" und Memorial Moskau, die von der Forschungsstelle Widerstandsgeschichte Berlin unterstützt wurden. Mit Vorträgen zu den vier Schwerpunktthemen: "Steuerung des Terrors in der NKWD-Zentrale und auf der Ebene der Kreisdienststellen", "Situation deutscher Wirtschaftsemigranten in Rußland", "Täter- und Opferperspektive" und "Verarbeitung des Terrors durch Vertreter des künstlerischen Exils" sollte, so Klaus Kinner in seinem Beitrag zur Eröffnung der Konferenz, ein Versuch unternommen werden, das Unerklärbare des stalinistischen Terrors ein Stück weit faßbarer zu machen und einen Beitrag zur Kommunikation der Historiker, die zu diesem Thema forschen, zu leisten. Denn neben dem Faktum, daß kaum Fachtagungen zur Stalinismusforschung stattfinden, wurde bemängelt, daß auch Forschungsergebnisse untereinander oft unzureichend zur Kenntnis genommen würden. Die klaffenden Wissenslücken über den stalinistischen Terror offenbaren sich vor allem im Vergleich mit der Nationalsozialismus-Forschung. Man war sich darüber einig, daß ein Vergleich der beiden großen totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts keine Relativierung des nationalsozialistischen Unrechtssystems zur Folge haben darf, aber für die Erkenntnis der in beiden Systemen wirkenden Mechanismen nutzbringend sein kann.

Obwohl das Ende der Sowjetunion auch eine Öffnung der Archive mit sich brachte und somit die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Stalinismus erst ermöglichte, sind viele Dokumente immer noch nicht zugänglich. So sie in nichtstaatlichen Institutionen lagern, müssen sie nicht unbedingt freigegeben werden. Zudem wird die gesetzliche Öffnung der Archive seit 1995 von seiten des Staates wieder eingeschränkt, und russische Historiker bestehen oft nicht entschieden genug auf ihrem Recht zur Akteneinsicht.

Diskutiert wurde auf der Konferenz über innen- und außenpolitische Faktoren, die man als mögliche Auslöser für den Terror betrachten kann, wie die drohende Gefahr eines Krieges und die notwendige Bewältigung innenpolitischer Probleme, zum Beispiel die schlechte Wirtschaftslage. Anhand eines Fallbeispiels aus Kunzewo machte Alexander Watlin (Moskau) den "Alltag des Terrors" anschaulich. Er zeigte, wie Mitarbeiter des NKWD die Terrorwelle zu ihrem Vorteil nutzten, indem sie durch gezielte Verdächtigungen gegen bestimmte Leute eine Umverteilung von Wohnungen zu ihren Gunsten in Gang setzten. Sergej Schurawljow, der sich mit dem Schicksal der deutschen Arbeiter in der Moskauer Elektrosawod beschäftigte, forderte von der russischen Geschichtswissenschaft, sich stärker auf Alltagsgeschichte hin zu orientieren, da das Exemplarische Rückschlüsse auf die Gesellschaft im Ganzen zulasse.

Deutsche Emigranten waren ebenfalls massiv von den 1937 einsetzenden Massenverhaftungen betroffen, sie wurden vielfach der Kollaboration mit dem Faschismus verdächtigt. Unter den Einwanderern, die aus politischer Überzeugung in die Sowjetunion gekommen waren, wuchs zum Teil die Enttäuschung über das, was sie in der sowjetischen Realität vorfanden, und sie wurden als Kritiker des Systems gefährlich. Zugleich griffen auch in den Kreisen der deutschen Emigranten gegenseitige Bespitzelungen und Denunziantentum um sich.

Berthold Unfried stellte die "Säuberungen" in den Kontext von Kritik und Selbstkritik, die als spezifische Kommunikationsformen in Parteiversammlungen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion üblich waren und durch die der "alte Mensch" überwunden werden und dem "neuen Menschen" Platz machen sollte. In der Erinnerungsliteratur finden sich demgemäß sehr konträre Einschätzungen dieser "Schauprozesse im Kleinen", die sich bald in das Gegenteil von dem verkehrten, was sie ursprünglich bewirken sollten.

In den Diskussionen wurde häufig die Frage nach dem Warum des Terrors gestellt, die aber letztlich nicht beantwortet werden konnte. Jens-Fietje Dwars stellte im letzten Beitrag der Tagung verschiedene Deutungsmuster vor, die jedoch aus Zeitgründen nicht mehr diskutiert werden konnten. So faßte Klaus Kinner am Schluß zusammen, daß die Tagung eher "Werkstatt" als "Bilanz" der Stalinismus-Forschung gewesen sei - angesichts der noch in vielem defizitären Forschungslage zum Thema stalinistischer Terror wohl auch die realistischere Zielvorgabe.
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