Gesellschaft

aus WOSTOK SPEZIAL: Belarus - Im Zentrum Europas
 
Belarus - Gruppenporträt in Moll mit Selbstbildnis [ Volltext ]
Belarus - Geschichte und Gegenwart [ Abstract ]
Das Licht der lang ersehnten Freiheit [ Abstract ]
Zwischen Orthodoxie und Katholizismus - Religion in Belarus [ Abstract ]

Großes Spezial: Belarus - im Zentrum Europas

Die Republik Belarus liegt im Herzen Europas, bleibt aber auch zehn Jahre nach dem Zerfall der UdSSR eine Terra incognita. Die Geschichte von Belarus ist geprägt von Auseinandersetzungen und Kriegen zwischen West- und Osteuropa. Hier stoßen Katholizismus und Orthodoxie aneinander und beeinflußten Kultur und Gesellschaft in den Regionen. Unermeßliches Leid über das Land brachte der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Das Spezial widmet sich nicht nur der wechselvollen Geschichte, sondern führt Sie in die Welt der Kirchen- Volks- und modernen Kunst, nimmt Sie mit in die Museen, Theater und zu vielen Sehenswürdigkeiten. Anhand von Alltagsgeschichte und -geschichte läßt es das belarussische Volk in Ost und West erstehen.

Incl. großem Serviceteil mit Informationen von A bis Z, Adressen und Telefonnummern.


Belarus - Gruppenporträt in Moll mit Selbstbildnis

von
Pjotr Sadowski, ehemaliger Botschafter der Republik Belarus in Deutschland, Minsk


Es ist sehr schwer, über sein eigenes Land und Volk aufrichtig und unparteiisch in knapper Form zu erzählen: Am Ende kommt man sowieso zu einem unerquicklichen Ergebnis - ein notdürftiges Mosaik von Ereignissen und Feststellungen, in dessen Hintergrund eine Art von Selbstbildnis entsteht. Da läuft man bei uns Gefahr, als Nationalist beziehungsweise als schlechter Patriot angeprangert zu werden.

Geographie und Mentalität

Bezieht man die Bismarcksche Aussage über den Einfluß der Geographie auf die Außenpolitik auf den Charakter einer Nation, so dürfte sie auch in diesem Falle richtig bleiben: Die Geographie ist die einzige Konstante im Charakter einer Nation.

Wenn man rein äußerliche Merkmale der gesamten Landschaft nimmt, also zum Beispiel solche wie bebaute und unbebaute Flächen, Wälder, Flüsse, Bodenerhebungen, Sümpfe, die Flora, und diese dann mit der authentischen Gesangs- und Sprachmelodie, den Gesten und den Trachten, der traditionellen Malerei und den Volkstänzen vergleicht, so merkt man bei uns in Belarus keine jähen Übergänge, Gefälle, Kontraste und Diskrepanzen (natürlich muß man dabei solche Phänomene wie die Jugendkultur und -mode oder die Avantgardekunst unberücksichtigt lassen). In belarussischen Volksliedern und Märchen hört man nichts von wundersamen Weiten, wo man sich unbändig tummeln und seine kämpferische Verwegenheit vielleicht dadurch demonstrieren kann, daß man seinem vorüberziehenden Nachbarn "die Rübe von den breiten Schultern abschlägt". Unsere Melodien und Bildfarben, Tanzbewegungen und die Sprachintonation, ja, sogar die zeitgenössischen Literaturgenres sind wie unsere Landschaft: ausgewogen und beherrscht, ohne Ausgelassenheit, manchmal ein wenig monoton, von eintönigen Wiederholungen bis zu allmählichen harmonischen Rondoeffekten. Versetze ich mich in Gedanken in andere Winkel der Welt mit anderen Landschaften, finde ich mich häufig im georgischen Teil des Kaukasus oder in Oberbayern wider. Dort ist alles anders: da kann man "Echo rufen" oder "ins Tal jodeln". So auch in der Psyche...

Psychologisch gesehen bildete sich die Mentalität der Belarussen an der Marginale zweier (im Sinne von Lew Gumiljow) "Passionaritäten": der skandinavisch-slawisch-asiatischen Herrschaftslust gemischt mit devoter metaphysischer orthodoxer Glückseligkeit und der westlichen pragmatischen Denk- und Glaubensweise mit dem nüchternen Primat der Alltagszivilisation über die ephemerische Maxime der umfassenden Gerechtigkeit. Der östliche "Caesaropapismus" mit seinem "vertikalen" Charakter der Lebensordnung stand zu allen Zeiten im Gegensatz zum westlichen "Papacaesarismus" mit einem "horizontalen" liberum veto (freiem Einspruchsrecht).

Von mächtigeren Nachbarn dauernd angegriffen - dabei nicht nur im militärischen Sinne -, gaben abgestumpfte und abgeplattete Samenkörner - wie beim Mahlgut durch die Steine der Handmühle - sieche, aber zähe Keime für die bis heute erhaltene etwa zehn Millionen Menschen zählende Sippschaft - die Belarussen.

Die belarussische Lebenszähigkeit, Sanftmut, Rück- und Nachsicht spiegeln sich im volksmündlichen Vergleich wider: "Man lebt wie die Erbse am Feldweg - jeder zupft im Vorbeigehen etwas ab." Die sprichwörtliche belarussische Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit finden ihren Ausdruck im bekannten resignativen Ausspruch: "Hauptsache, es gibt keinen Krieg."

Nicht weniger aussagekräftig ist der Witz über einen Belarussen, der zum Tod durch den Strang verurteilt worden war. Nach Vollstreckung des Urteils blieb er drei Tage und Nächte hängen und doch am Leben. Als man ihn vom Galgen abnahm, soll er gesagt haben: "Ja, Kumpel, es hat weh getan, aber ich habe es überhangen."

Nun redet man auch bei uns viel über NGOs, über "horizontale" Körperschaften der Selbstverwaltung, aber meine Landsleute - und vor allem die "Ossis" in den Gebieten Mogiljow und Gomel - stehen treu zur "Machtvertikale", praktisch apolitisch und gesellschaftlich nicht engagiert. (Es wäre in diesem Falle angebracht, sich an die aristotelischen Ausführungen über den Menschen als politisches Wesen zu erinnern: das griechische "polis" bedeutet "Stadt".) Und es wäre durchaus berechtigt, in diesem Sinne von der belarussischen Gesellschaft als einer ländlichen, apolitischen und ungenügend zivilengagierten Gesellschaft zu sprechen. Obwohl heute die Mehrheit der Bevölkerung (etwa siebzig Prozent) in Städten lebt, bleiben die meisten der "Pflaster-Newcomer", dabei mit warmen Klosetts, vom ländlichen Individualismus befangen. Genau wie der wackere deutsche Igel Pilopex: "Ich habe meine Stacheln und ich rolle mich zusammen, wenn draußen Unerquickliches passiert."

Vieles, das relevant Negative und Positive, wäre auf diese beiden Faktoren - eine virulent gleichmütige Mentalität und die in sich gekehrte Ländlichkeit - zurückzuführen.

Licht und Schatten

Natürlich sind Licht und Schatten nicht voneinander zu trennen. Ein autochthoner - "bodenständiger" - Patriot kann zum Beispiel so manche Träger des belarussischen "binären" Patriotismus (eines belarussisch-russischen und eines belarussisch-polnischen Patriotismus) nicht besonders lieben. Andererseits könnte man die erwähnten Objekte der Nichtsympathie als Zeugnis einer modernen europäischen Toleranz werten.

Ich habe einige Male beobachtet, wie belarussische gut ausgebildete und mit ausreichender "Theaterstube" versehene Zuschauer beziehungsweise Zuhörer auf mittelmäßige und sogar schwache Vorstellungen reagieren. Niemand wird laut "niedergeklatscht". Bei der nächsten Vorstellung aber ist der Saal nur halb voll. Hier könnte man streiten, was sich mehr lohnte: ein reservierter Applaus oder burschikoser Radau?

Noch ein Beispiel aus diesem Bereich. Ich habe zufälligerweise einen russischen Komiker in Minsk und in Jaroslawl mit demselben Programm gesehen. Er gab kurze und manchmal ziemlich lange Witze zum besten. In Minsk wurde in beiden Fällen an der "richtigen Stelle" gelacht. Dabei hat man die längeren Witze immer "zu Ende gehört" und nie dazwischengeredet. In Jaroslawl war die kritische Zeit kürzer, die Zuhörer wurden unruhig. Man wollte schneller einen "Gag" - wie in Chicago.

Die Fähigkeit, einem anderen ruhig zuzuhören (nicht unbedingt mit dem Versuch zu verstehen und einer unzweideutigen Reaktion) und dabei äußerlich ruhig und konform zu bleiben, ist wohl eher angeboren als das Ergebnis einer guten Erziehung. Dabei bedeutet diese äußere Gleichmütigkeit ganz und gar nicht das Einverständnis mit oder gar die Billigung der Aussage. Wenn eine Antwort kommt, wird sie fast immer lauten: "Ja, das dürfte stimmen..." Bei sich aber wird der Zuhörer denken: "Sehen wir mal, wie der Hase läuft..."

Dieses reservierte Verhalten dem Neuen und Unbekannten gegenüber könnte man auch auf andere Situationen und höhere Ebenen übertragen: von der unnatürlich stillen Atmosphäre im Wagen einer Elektritschka bis zu den kaum vorangehenden wirtschaftlichen Transformationsprozessen. In der belarussischen Elektritschka, die am Wochenende vollgestopft mit kartoffelbeladenen Rentnern beispielsweise von Molodetschna nach Minsk fährt, spricht man auch unter für einen durchschnittlichen Europäer extremen Umständen im Flüsterton. In Rußland oder in Armenien hingegen schreit man von einem Wagenende zum anderen wie im Wald, auch wenn der Wagen nur halb voll ist. Die Schocktherapie bei den Wirtschaftsreformen ist nichts für Belarus. Nicht nur die achtzig Jahre Sowjetmacht und der charismatische Halbzigeuner Lukaschenko sind schuld daran, daß die Belarussen bis heute im Marktsozialismus verhaftet sind. Die Wurzeln reichen viel tiefer: in die Geographie und die ältere Geschichte. Auch wenn man das mittelalterliche Statut, die Gesetzessammlung des feudalen Rechts des "sogenannten Großen Fürstentum Litauen" (Bezeichnung von Karl Marx, womit er den slawischen Charakter desselben unterstrichen hat), aufmerksam liest, so findet man dort die Anfänge der bürgerlichen, der religiösen und der Alltagstoleranz. Natürlich kann man auch behaupten, daß die belarussischen Feudalen in grundlegenden politischen Beschlüssen - so zugunsten der Integration mit Polen - zu oft "klein beigegeben" haben. Man darf aber nicht vergessen, daß dies angesichts einer drohenden Todesgefahr aus dem Osten geschah. Diese Zwangswahl führte letzten Endes "zur Republik zweier Völker" und Ende des 17. Jahrhunderts zum Verlust der konfessionellen Toleranz und des Altbelarussischen als Kanzleisprache zugunsten des Polnischen. Kurz darauf kamen die drei Teilungen der "Republik zweier Völker", und es begann eine Integration mit dem östlichen Nachbarn, die bis zum heutigen Tage anhält.

Man kann ohne jeden Zweifel behaupten, daß die Belarussen Anfang des 20. Jahrhunderts nie einen revolutionären Entwicklungsweg eingeschlagen hätten, wenn sie nicht in den Bereich fremder Interessen hineingezogen worden wären. Dieses geschichtliche Konditional dürfte einem sachlich-nüchternen Wissenschaftler naiv und kindlich erscheinen. Vom Standpunkt der Alltagsgeschichte, der Geschichte eines "kleinen Menschen" (im Unterschied zur sowjetischen semantischen Tradition im europäischen Sinne "einer beliebigen Person im mikrohistorischen Zusammenhang"), ist es jedoch möglich, sich Einzelmentalitäten und Personen zu nähern sowie die "großen Ereignisse" näher zur subjektiv-objektiven historischen Wahrheit darzustellen.

Unsere Wessis und Ossis

Die äußerlich sichtbaren Unterschiede zwischen Ost und West in rußland- und polennahen Gebieten, die sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren allmählich verwischen, merkt man hie und da auch heute noch vom Fenster eines Zuges aus - so, wenn man aus dem Gebiet Gomel nach Brest oder aus dem Gebiet Witebsk nach Grodno fährt. Der Zustand von Straßen, Tankstellen, Wohn- und Wirtschaftshäusern, die Dienstleistungen, der Umgang mit den Fahrgästen - alles nimmt an Qualität zu, je weiter man nach Westen kommt. Dabei erinnert man sich unwillkürlich an ähnliche Unterschiede zwischen Ost- und Westpolen oder Ost- und Westberlin in den ersten Jahren nach der Vereinigung.

Hinter diesen, auch für einen Fremden merklichen äußerlichen Unterschieden steckt etwas, das man ohne kurze historische Abschweifung kaum versteht. Man kommt ein wenig dahinter, wenn man einen "Studiengang" durch unsere protestantischen und katholischen Diözesen und die orthodoxen Eparchien unternimmt. Ganz vereinfacht dargestellt: Die westlichen Belarussen bleiben auf dem Boden der Tatsachen, auch wenn sie in der Kirche sind, die östlichen schweben auch dann glückselig zwischen der Erd- und der Himmelsfeste, wenn sie ihren Alltagsgeschäften nachgehen.

Es sei am Rande angemerkt, daß es in Belarus zur Zeit offiziell keine autokephale orthodoxe Kirche gibt. Alle sechs orthodoxen Eparchien mit ihren mehr als 800 Gemeinden unterstehen der (Moskauer) Russischen Orthodoxen Kirche. Die inoffiziell existierenden unabhängigen Gemeinden der belarussisch-orthodoxen und griechisch-katholischen (unierten) Kirche bedienen sich bei den Predigten des Belarussischen und sind die wichtigsten Träger des Belarussentums - und nicht nur im kirchlichen Bereich. Dies führt nicht selten dazu, daß sie seitens anderer Kirche, vor allem der Russischen Orthodoxen Kirche, angefeindet werden. Insbesondere bei den offiziellen Besuchen des Moskauer Patriarchen in seinen "Domänen und Territorien in der Weißen Rus" tritt dies offen zutage. Er wird stets vom Metropoliten von Minsk, Sluzk und ganz Belarus Filaret, einem gebürtigen Russen, begleitet und von Präsident Lukaschenko devot geküßt. Dabei wird viel über die Feinde der Orthodoxie gesprochen. Die "Spalter des einheitlichen slawischen Glaubens" werden als Agenten westlicher Geheimdienste angeprangert. Die Moskauer orthodoxe Kirche hat in Belarus praktisch den Status einer Staatskirche.

Besuchen wir je eine Messe bei den Baptisten, den Katholiken, den Unierten, den autokephalen Orthodoxen und den "Moskauer" Orthodoxen und achten wir dabei auf drei Dinge: äußere Aufmachung, Inhalt und Sprache der Messe. Erklären wir die drei Dinge für relevant, dann kommen wir zu einer binären Gegenüberstellung: nicht russisch-orthodox versus russisch-orthodox.

Die äußeren Attribute bei den nicht russisch-orthodoxen Gläubigen fallen dem Besucher der Messe nicht ins Auge: die Pfarrer sind schlicht, aber gepflegt gekleidet und unterscheiden sich kaum von den gemeinen Anwesenden, bei denen man keine großen äußeren Unterschiede zwischen arm und wohlsituiert merkt. Die Abwesenheit von Ikonen und Wandgemälden bei den Baptisten läßt einen in seinem Bestreben, das Seelenheil zu erlangen, nicht sofort in Himmelswonne aufschwingen. Die Melodien klingen vertraut, alltagsnah. Bei den autokephalen Orthodoxen bemerkt man Versuche, beim "goldglänzenden" östlichen Ritus zu bleiben, aber der informelle Status und der "wenig üppige Alltag" der Gemeinde und ihrer Mitglieder lassen dies nicht zu. Vom Umfeld her könnte man beinahe denken, man sei in einem baptistischen Gotteshaus. Selbiges könnte man auch über die von der Macht "angefeindeten" Unierten sagen (apropos: bei den Unierten habe ich während der Messe einige sitzende Alte gesehen). Bleiben die Katholiken - die unterscheiden sich von ihren westeuropäischen Brüdern durch einen merklichen Konservativismus: von der Bauart des Gotteshauses bis zum Kragen des Priesters.

Der Inhalt der Predigten ist in dieser ersten Gruppe natürlich an den jeweiligen Kirchenkalender gebunden, aber der Priester - oder der Beauftragte - richtet auch stets ein aktuelles Wort an die Gemeinde: entsprechend dem Thema der Predigt nimmt er Stellung zu Ereignissen in der Gemeinde, in Belarus oder in der Welt. Dabei ist das Ambiente locker, beinahe wie in einer profanen Versammlung, nur nach den passenden Worten sucht man mit größerer Sorgfalt. Die Sprache unterscheidet sich nur wenig von der des Alltags. Jeder muß angesprochen werden. Alle sind wie Brüder und Schwestern, keiner fühlt sich klein oder von oben unterdrückt. Nach der Messe verlassen die Menschen das Gotteshaus, und man kann von ihren Gesichtern ablesen: "Wir sind eine Gemeinschaft, wir halten zusammen, alles wird gut sein."

Einen anderen Eindruck bekommt man beim Gottesdienstbesuch in einer russisch-orthodoxen Kirche. Viel Goldglanz, echt oder unecht - je nach Diözese und Gemeinde. Der Pope in vergoldeter Aufmachung, zumeist recht gut genährt, rotgesichtig, mit einem brustlangen Wergbart und schwammigen Händen. Die besser (sprich: reicher) gekleideten und gepflegten Anwesenden, die sich selten bekreuzigen - es ist in der Regel die lokale Prominenz -, stehen vorne auf den guten Plätzen, von denen aus man alles sehen und hören und das meiste Wonnefluidum empfangen kann. Ältere Mütterchen mit schlichten Kopftüchern und Personen in zerlumpter Kleidung (wie "Narren in Christo") drängen sich hinten in dunklen Ecken zusammen. Kein Wort ist zu hören, nicht einmal ein Flüstern. Es ist, als ob über den Köpfen eine dunkle Angstwolke hängen würde. Keine Mikrophone - der Pope spricht unnatürlich laut. Dabei besteht die Predigt zur Hälfte aus altkirchenslawischen Vokabeln, und die Gläubigen verstehen nur einzelne Wörter. (Sogar in den für den Klerus gedachten Liturgieheften nehmen die erklärenden Fußnoten etwa ein Drittel der Seite ein.) Zum offenen Gespräch über aktuelle Fragen kommt es sehr selten. Wenn es denn einmal der Fall ist, ist es bombastisch, aber oberflächlich, und die Gläubigen werden nicht direkt angesprochen. Da beim orthodoxen Ritus keine Sitzplätze vorgesehen sind, wirken die vom langen Stehen im überfüllten Raum müden Gläubigen wie irdische Sklaven Gottes. Bei den "großen Messen" - zu Ostern oder Weihnachten - passiert es nicht selten, daß Gläubige in Ohnmacht fallen. Und nach der Messe scheinen die Menschen nicht nur eine seelische, sondern auch eine physische Erleichterung zu empfinden, da sie sich frei bewegen und frische Luft schnappen können.

Das Bild einer orthodoxen Messe ist in gewissem Sinne eine Allegorie vom irdischen modus vivendi heutiger belarussischer Ossis. Und nicht nur. Dies kam mir in den Sinn, als ich einmal mit meiner Frau an einem kalten Wintertag bei einer Messe in der Frauenkirche in München auf einer von innen geheizten Bank saß...

Vielleicht habe ich unverhältnismäßig viel über das konfessionelle Leben geredet. Die Kirche und der Glaube nehmen nicht so viel Platz im Leben meiner Landsleute ein: etwa achtzig Prozent der Belarussen sind getauft, davon besuchen durchschnittlich fünf bis sieben Prozent regelmäßig die Messe. Von den orthodoxen Gläubigen empfangen nach inoffiziellen Angaben weniger als ein Prozent der Gläubigen das Abendmahl. Bei Baptisten, Katholiken und autokephalen Orthodoxen sind es drei- bis viermal mehr. Die Anatomie des postsowjetischen Kirchenlebens erlaubt, die Mentalität in anderen Bereichen zu erkennen. Die heutige Orthodoxie ähnelt der kommunistischen Ideologie der Sowjetzeit: es gibt viele staatlich unterstützte Mitglieder, aber wenige echte Gläubige. Die absolute Mehrheit läßt sich im Alltag und bei wichtigen Lebensentscheidungen in der Familie - wie richtige Protestanten - von klaren pragmatischen Prinzipien leiten. Der alte Caesaropapismus wird bei uns auch heute von den Machthabenden für politische Zwekke ausgenutzt, indem man die russische Orthodoxie in eine staatliche Showideologie verwandelt. Schon als Fernsehwitz beobachteten Tausende Fernsehzuschauer, wie sich Präsident Lukaschenko während der Ostermesse - er steht als Ehrengast neben dem Metropoliten auf dem Galateppich - benimmt. Der Metropolit proklamiert feierlich: "Christus ist auferstanden!" Die Anwesenden erwidern dem Ritus folgend im Chor: "Wahrlich auferstanden!" Nur der Präsident legt seine Hand links, wo das Herz ist, auf die Brust und sagt "Danke schön!" Da triumphiert der Satan...

Ich bin einer von zehn Millionen

Natürlich sind meine Impressionen sehr subjektiv. Die Vorfahren meiner Mutter waren Protestanten. Bei der kirchlichen Trauung mit meinem Vater, einem Katholiken, wurde sie katholisch. Das war Anfang der 20er Jahre. Ihre erste Tochter wurde in einer katholischen Kirche getauft (unser Dorf lag etwa zehn Kilometer von der polnischen Grenze nach dem Rigaer Vertrag von 1920). Ende der 20er Jahre, als die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft begann, zogen meine Eltern - nun schon mit zwei Töchtern - als "Freiwillige" zur Erschließung der Gebiete bei Tomsk und Omsk nach Sibirien. Vor dem Krieg kehrten sie nach Hause zurück. Zwei Söhne waren in Sibirien geboren worden, die älteste Tochter war dort gestorben. In der Zwischenzeit hatten die Sowjets alle Kirchen, gleich welcher Konfession, geschlossen beziehungsweise zerstört. Ab September 1939 wurden Katholiken als Feinde behandelt. Um so mehr mein Vater und meine Mutter. Der Vater hatte einen ausgesprochen polnischen Vor- und Vatersnamen - Vinzent Kazimirowitsch. Die Mutter war eine geborene Friedrich. Zudem waren zwei ältere Brüder meines Vaters vor Machtantritt der Sowjets Förster bei einem Gutsherrn. Beide wurden vor dem Krieg als "Volksfeinde" erschossen. Als ich das Licht der Welt erblickte, war von unserem Dorf aus im Umkreis von fünfzig Kilometern keine Kirche - weder eine orthodoxe noch eine katholische noch eine protestantische - zu sehen. So blieb ich zunächst gottlos. Nach Kriegsbeginn im Juli 1941 sickerten Schreckensgerüchte bis in unser Dorf: Die Deutschen erschießen ungetaufte Kinder. Drei Familien stöberten in einem weit entlegenen kleinen Dorf einen 80jährigen ehemaligen orthodoxen Kirchendiener auf und brachten ihn in der Nacht heimlich in unser Dorf. Es muß aber gerade mit dem Teufel zugegangen sein: Der Alte war nicht ganz nüchtern und verlangte vor Ort sofort ein Gläschen. Da die Sache keinen Aufschub duldete, ließen die Eltern es geschehen. Dann ließ der improvisierte Pope alle fünf Kinder antreten, sagte im Gesangston etwas Altkirchenslawisches, schlug einige Male das Kreuz über uns, drückte uns der Reihe nach ein großes Kreuz auf den Mund und bespritzte alle mit Wasser aus dem Taufbesen. So wurde ich im Kollektiv von einem betrunkenen Popengehilfen in der Nacht vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach improvisiertem orthodoxen Ritus getauft. Diese Episode erzählte mir meine ältere Schwester - meine Eltern starben im Krieg - viele Male in immer neuen Einzelheiten.

Ich bin einer von diesen zehn Millionen. Uns passierte vieles unzeitig. Die Unzeit hält bis jetzt an. Sehr viele Belarussen leben heute provisorisch und warten auf eine "rechtzeitige" belarussische Geschichte.
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Belarus - Geschichte und Gegenwart

von
Anatoli Grizkewitsch, Historiker, Minsk


Den Verheerungen durch die Kriege auf belarussischem Territorium fielen viele Baudenkmäler zum Opfer
 
Die belarussische Geschichte ist wechselhaft und ließ wenig Raum für die Entwicklung einer eigenen belarussischen Staatlichkeit. Einfluß auf das Schicksal von Belarus nahmen vor allem Polen von Westen und Rußland von Osten. Vom 13. bis 16. Jahrhundert existierte das Großfürstentum Litauen, das belarussische Historiker heute als Belarussisch-Litauischen Staat bezeichnen. Das Großfürstentum war stark von regionaler Selbstverwaltung geprägt. Auch der Staatenbund mit Polen - die Rzeczpospolita - ließ dem Großfürstentum in vielen Bereich Eigenständigkeit, obwohl es nur einen König und ein gemeinsames Parlament gab. Infolge der drei Teilungen Polens fiel das belarussische Territorium an Rußland. Im ersten Weltkrieg war Belarus fast völlig von den Deutschen besetzt. Im zweiten Weltkrieg wurde das Land von der Wehrmacht beinahe vollkommen zerstört. Belarus erklärte am 27. Juli 1990 seine Souveränität und wurde am 1. Januar 1992 unabhängig.
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Das Licht der lang ersehnten Freiheit

von
Wassili Bykow, Schriftsteller, Minsk, derzeit Frankfurt


Betrachtung über Freiheit und die belarussische Gesellschaft unter Präsident Lukaschenko.
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Zwischen Orthodoxie und Katholizismus - Religion in Belarus

von
Anatoli Grizkewitsch, Historiker, Minsk


Der Patriarch der Russischen Orthodoxen Kirche Alexi II. mit Präsident Lukaschenko
 
Mit der Christianisierung an der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert beginnt die lange, wechselvolle Geschichte der Kirchen in Belarus. Ein besonders wichtiges Datum in der Kirchengeschichte ist das Jahr 1596, als die Orthodoxe Kirche in Belarus und der Ukraine in der Brester Kirchenunion den Papst als geistliches Oberhaupt anerkannte, den orthodoxen Ritus sowie Kirchenslawisch als Sprache der Liturgie jedoch beibehielt. Ende des 18. Jahrhunderts, nach dem Anschluß an das Russische Reich, führten machtpolitische Gründe zu einer Russifizierung der belarussischen Bevölkerung, in deren Verlauf auch die unierte Kirche in die russische Orthodoxie eingegliedert wurde. Der Zerfall der Sowjetunion und das Entstehen der unabhängigen Republik Belarus ließen nach Jahren der Repression die religiöse Vielfalt wieder aufleben. Heute ist, gemessen an der Zahl der Gläubigen, die belarussisch-orthodoxe Kirche die größte Glaubensgemeinschaft, gefolgt von römisch-katholischen und evangelischen Gemeinden.
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