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Erstes Jugendinfozentrum in Rußland öffnete seine Pforten
von John Myers, Service Civil International, Bonn, e-mail: sci-d@sci-d.de
Während eines deutsch-russischen Seminars zum Thema Jugendarbeit in Perm im November 1998 beklagte sich Sergej Britwin, Leiter der Freiwilligenbewegung "Prikama" heftig über die mangelnden Informationsmöglichkeiten für russische Jugendliche; der Zugang zur Information war einer kleinen Gruppe von Funktionären vorbehalten, die kaum Interesse zeigten, diese weiterzuleiten; zudem gab es kaum Vernetzungen unter den im sozialen Sektor tätigen verschiedenen, neuentstandenen Jugend- und Nichtregierungsorganisationen (NGO). Kaum eine wußte, was die andere tat. Ein Jugendlicher, der spezifische Informationen über soziale, berufliche, außerschulische oder Ausbildungsfragen suchte, mußte die ganze Stadt absuchen. Der SCI (Service Civil International) in Bonn hat nicht lange überlegt, was unter solchen Umständen zu tun ist. Im Frühjahr 1999 wurde mit finanzieller Unterstützung der Stiftung West-Östliche Begegnung in Berlin eine Jugenddelegation der Stadt Perm unter Leitung des Jugendamtsleiters zu einem Studienaufenthalt zum Thema Jugendinformation und Jugendpolitik nach Deutschland eingeladen. Unter anderem im Jugend Service Büro Bremen, im Jugendinformationszentrum Bremerhaven, im IJAB-Büro in Bonn beziehungsweise durch die Besichtigung von Jugendzentren und sogenannten "Streetworking Projekten" konnten sich die Gäste ein umfassendes Bild von der Vielschichtigkeit und Vielfältigkeit von Jugendinformationsdiensten in Deutschland machen. Zurück in Perm wurde zügig weitergearbeitet: Oberbürgermeister Juri Trutnjew sagte bereitwillig seine Unterstützung zu, Räume in der Zentralbibliothek wurden zur Verfügung gestellt, die Stadtduma beschloß die Finanzierung der Räume und von drei Mitarbeitern, die Open Society-Stiftung (Soros) erklärte sich bereit, die Ausstattung mit Computern und anderen audio-visuellen Medien zu übernehmen, ein wissenschaftliches Institut wurde mit einer soziologischen Studie über die Informationsbedürfnisse der Jugend und deren Organisationen beauftragt. Im August kam dann der Gegenbesuch aus Deutschland: Dirk Heine (Stadtjugendring Bremerhaven), Björn Kunter (Trainer und pädagogischer Mitarbeiter aus Bielefeld) sowie John Myers (Ost-West-Referent des SCI) besuchten für eine Woche Perm und machten unter anderem durch zwei Fernsehinterviews, Presseartikel und eine "Livesendung" in einer bei Jugendlichen beliebten Radiosendung Werbung für das Zentrum. Neben Zuhörerfragen nach dem Nutzen des Zentrums, warum es ausgerechnet ein Zentrum für die Jugend geben soll, was für Informationen dort abgefragt werden, wie bestehende NGOs das Zentrum praktisch nutzen können, waren auch solche Fragen zu beantworten wie "Stimmt es, daß die Ehescheidungsrate in Deutschland deswegen so hoch ist, weil die deutschen Frauen nicht gut kochen?" Während ihres Aufenthaltes in Perm, der, weil Perm lange eine geschlossene Stadt war, eher ein "Ereignis" als ein reiner Besuch war, wurde die deutsche Delegation vom internationalen Sekretär des russischen Föderationsrates der Kinder und Jugendlichen Michail Kazarin begleitet. Ein Anfang wurde gemacht, aber wie soll es jetzt mit der konkreten Arbeit weitergehen? Unter anderem wurde vereinbart, daß im Februar 2000 ein Mitarbeiter des Jugendinformationszentrums Bremerhaven beratend im neuen Zentrum in Perm mitarbeitet; im April sollen MitarbeiterInnen des Permer Infozentrums ein Praktikum beim Jugendinformationszentrum in Bremen absolvieren. Im Sommer 2000 soll eine internationale Konferenz europäischer Jugendinformationsdienste in Perm organisiert werden, mit Unterstützung von Informationszentren aus Lille, Helsinki und Belgien. Ziel ist es, neben einem Ideen- und Erfahrungsaustausch, auch ein einheitliches europäisches Informationssystem für Jugendliche zu schaffen. Was gibt es noch von unserem Besuch zu berichten? Unvergeßlich die Erinnerung an die vielen Straßenkinder, die direkt vor uns im Park die Essensreste von einem liegengebliebenen Teller aufaßen. Oder das Gespräch im städtischen Drogenzentrum: wo ein russischer Drogenspezialist mit verzweifelter Miene die eigene Arbeit - Therapie und Rehabilitation in einem - als "absurd" bezeichnete. Kaum sind die Leute entgiftet, schon befinden sie sich wieder auf der Straße, und wenig später tauchen sie wieder im Zentrum auf. Oder die Tatsache, daß im Fernsehen über einen Ort berichtet wurde, wo seltsame, für die Herstellung von Drogen hervorragend geeignete Pilze wachsen. Am nächsten Tag war die Stadt praktisch leer, denn eine riesige Autokolonne machte sich auf den Weg in die Taiga... Im übrigen hatte die Mafia, die bestens organisiert ist und den Drogenmarkt fest in ihre Händen hält, die Preise für die abgelieferten Stoffe bereits im voraus festgesetzt. Außer der Errichtung des Jugendinfozentrums wurden zum Schluß des Besuches in Perm auch andere Projekte besprochen. So wird es eine Ausstellung mit dem Titel "Sie hatten noch nicht begonnen zu leben" im Jugendpalast in Perm geben, die von jungen "Swingern" aus Deutschland handelt, die wegen ihrer Liebe zur Jazzmusik in den dreißiger Jahren in KZs gesteckt wurden. Zur Eröffnung der Ausstellung werden sich Zeitzeugen an einer Podiumsdiskussion zum Thema "Alternatives Denken im totalitären Staat" und eine Jazzband aus Hamburg am anschließenden Jazzkonzert beteiligen. Jugendbegegnungen in Form von Workcamps und Langzeitfreiwilligendiensten wurden zwischen Bremen, Bremerhaven, Bielefeld und Perm vereinbart. Und schließlich sollen im Herbst 2000 "Permtage" in Bielefeld, Bonn und Bremerhaven stattfinden: eine Gruppe von NGO-VertreterInnen der NGO-Dachorganisation "Ankor" aus Perm, begleitet vom berühmten Gesangs- und Tanzensemble "Rossianje", wird unter dem Themenschwerpunkt "Armut und Obdachlosigkeit" die Möglichkeit haben, ihre Erfahrungen und ihr Know-how mit ähnlichen Initiativen und Gruppen in Deutschland auszutauschen und Geldspenden für je ein Obdachlosenprojekt in Deutschland und in Rußland zu sammeln. Auch dieses Projekt soll von einer gemeinsamen deutsch-russischen Fotoausstellung zum Thema begleitet werden.
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